Schlusslicht

Familienministerin Giffey vor Schild mit "Starke-Familien-Gesetz" | Bildquelle: dpa

Divis ex machina Verbindlich mit Bindestrich

Stand: 14.02.2019 21:20 Uhr

Deutschland ist für seine Wortungetüme berüchtigt - der Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän lässt grüßen. Trotzdem werden innovative Politiker, die Breschen in die Monsterkomposita schlagen, kritisiert.

Von Wulf Rohwedder, tagesschau.de

Die SPD als Trendsetter - ja, das gibt es noch: Die SPD-geführte Ministerien haben mit dem "Gute-Kita-Gesetz", dem "Starke-Familien-Gesetz" und der "Respekt-Rente" die Bindestrich-Legislative in Deutschland eingeführt - und das offenbar so erfolgreich, dass jetzt sogar das CSU-geführte Bundesinnenministerium nachziehen will: Das geplante "Zweite Gesetz zur verbesserten Durchsetzung der Ausreisepflicht" soll nun "Geordnete-Rückkehr-Gesetz" heißen.

Framing? Welches Framing?

Keine Wortungetüme, sondern strukturierende und lesefreundliche Bindestriche, die positiv besetzte Begriffe zusammenhalten - böse Zungen sprechen da gleich von Framing: Angeblich soll es den Empfänger der Botschaft schon durch eine wertende Formulierung beeinflussen. Das ist nicht wirklich innovativ - davon können Kollateralschäden, die im Zuge einer Betriebsoptimierung freigestellt wurden, ein Lied singen. Lediglich der Bindestrich in den neologischen Multikomposita, Entschuldigung: Frisch-Lang-Wörtern, ist neu.

Lang kann jeder

Aber etwas, was verbindet, kann ja nicht wirklich schlecht sein. Die Schöpfer solcher Begriffe haben daher auch Verständnis verdient: In Zeiten, in denen es auf jeden Buchstaben ankommt, hat ein "Gesetz zur Weiterentwicklung der Qualität in der Kindertagesbetreuung" keine Chance, auf Twitter zu trenden. Und warum soll man darauf warten, dass sich kritische Journalisten oder politische Gegner die Namenshoheit sichern?

Da geht noch was

Wir Gewissenhafte-Fakten-Vermittler vom Gute-Nachrichten-Team aus dem Moralischen-Mehrwert-Sender hätten da noch ein paar Vorschläge, um zu zeigen dass wir unseren Demokratie-Beitrag auch wirklich verdienen:  Wer hat schon Angst vor Gentrifizierung, wenn sie Schöne-Reiche-Leute-Nachbarschaft heißt? Vielleicht höchstens jener Hamburger Fußbodenschleifmaschinenverleih, der die Satzzeichen der Zeit nicht erkannt hat und daher droht, eben jener Entwicklung zum Opfer zu fallen. Und der Digitalisierungsrückstand ist als Gemütliche-Analog-Bewahrung viel erträglicher. Das müssen sogar unsere Internettrolle, pardon: Besorgte-System-Kritiker, einsehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 12. Februar 2019 um 12:05 Uhr.

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