Nuon Chea
Interview

Interview zum Urteil gegen Rote Khmer "Opfer und Täter wohnen Tür an Tür"

Stand: 07.08.2014 14:38 Uhr

Das Urteil gegen die letzten lebenden Rote-Khmer-Anführer sei "kein Ruhmesblatt", sagt ARD-Korrespondent Robert Hetkämper. Im Interview mit tagesschau.de erklärt er, warum der Prozess wenig Gerechtigkeit bringt und warum die Kambodschaner eher vergessen wollen.

tagesschau.de: Lebenslange Haft für die beiden letzten lebenden Anführer der Roten Khmer - wie wird dieses Urteil in Kambodscha aufgenommen?

Robert Hetkämper: Die Kambodschaner reagieren mit einem gewissen Gleichmut. Die Mehrheit der kambodschanischen Bevölkerung ist jung - so jung, dass die meisten die Schreckensherrschaft der Roten Khmer nicht mehr erlebt haben. Es herrscht auch in den Familien keine große Neigung, über diese Zeit zu reden. Dafür war das Erlebte für die Älteren einfach zu furchtbar.

Robert Hetkämper, Leiter NDR-Studio Singapur
Zur Person

1984 kam Robert Hetkämper das erste Mal als Reporter ins Studio Singapur. Von 1988 bis 1992 war er Leiter des Studios in Tokio, bevor ihn der NDR als Fernseh-Chefredakteur nach Hamburg holte. Drei Jahre später kehrte er nach Japan zurück. Von 1999 bis 2001 war Hetkämper dann "Senior Correspondent" im ARD-Studio Washington. Seit 2002 leitet Robert Hetkämper das Studio Singapur.

tagesschau.de: Ist das Urteil gerecht und war der Prozess fair?

Hetkämper: Für die Opfer, die unmittelbar Betroffenen, ist das ein wichtiger Tag. Aber darüber hinaus gibt es viele, die auch mit diesem Urteil keine Gerechtigkeit erfahren. Der Prozess war ja beschränkt auf den Tatbestand der Vertreibung aus den Städten, vor allem aus Phnom Penh im April 1975 nach der Eroberung durch die Roten Khmer im Bürgerkrieg. Das Tribunal sieht es als erwiesen an, dass während dieser Vertreibung Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt wurden. Dafür sind die beiden Angeklagten verurteilt worden.

Andere schwere Verbrechen sind unberücksichtigt geblieben, wie zum Beispiel die Ausmerzung der vietnamesischen oder der muslimischen Minderheit, ebenso die sexuellen Gewaltverbrechen. Während der Herrschaft der Roten Khmer fanden hunderttausende von Zwangsverheiratungen statt. Junge Leute, die sich gar nicht kannten, wurden gezwungen, die Ehe zu schließen und auch zu vollziehen. Dabei wurden sie auch abgehört. Die Geburtenrate sollte angehoben werden. Das alles soll in einem weiteren Prozess gegen die jetzt Verurteilen aufgearbeitet werden. Ob es angesichts des hohen Alters der jetzt Verurteilten Nuon Chea und Khieu Samphan dazu kommt, ist fraglich.

"Umstände des Verfahrens frustrierend"

tagesschau.de: Die beiden Verurteilten sind über 80 Jahre alt. Warum wurden sie erst jetzt verurteilt?

Hetkämper: Das ist eine der großen Fragen. Ich verfolge das gesamte Verfahren seit 2003. Die ersten Verhandlungen fanden sogar schon 1979 statt. Der eigentliche Prozess begann 2006 mit der Vereidigung der Richter. Das alles war immer von Skandalen begleitet: Den Richtern wurde Korruption vorgeworfen. Mehrere Chefankläger sind zurückgetreten, formal aus persönlichen Gründen. Es war aber offensichtlich, dass die Umstände des Verfahrens frustrierend waren.

Zwei ehemalige Anführer der Roten Khmer wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt.

Zwei ehemalige Anführer der Roten Khmer wurden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Ursprünglich standen vier Angeklagte vor Gericht.

Streckenweise hatte ich ob der Summe der Unregelmäßigkeiten den Eindruck einer Farce. Zeugen, wie der frühere kambodschanische König, sind nicht vernommen worden. Insgesamt ist das für die internationale Justiz kein Ruhmesblatt, nach so langer Zeit zwei alte Männer zu verurteilen. Ursprünglich waren es ja auch vier Angeklagte. Einer ist gestorben und der andere wurde wegen Demenz für prozessunfähig erklärt. Das alles zeigt die Schwierigkeiten einer wie auch immer gearteten Aufarbeitung.

"Opfer und Täter wohnen Tür an Tür"

tagesschau.de: Warum ist der öffentliche Druck in Hinblick auf eine Aufarbeitung nicht größer?

Hetkämper: Zum einen ist der jetzige Regierungschef Hun Sen daran nicht sehr interessiert. Er selber war ja ein Roter Khmer, bis er Gefahr lief, liquidiert zu werden und nach Vietnam ging. Trotz des Seitenwechsels bestehen noch viele Verbindungen und Freundschaften. Bemühungen, weitere Haupttäter vor Gericht zu stellen, sind massiv politisch hintertrieben worden. Wahrscheinlich haben zu viele Menschen zu viel Dreck am Stecken.

Zum anderen habe ich bei meinen vielen Reisen durch Kambodscha immer wieder gesehen, wie Opfer und Täter auf dem Land Tür an Tür wohnen. Da entwickelt sich dann schon eine starke Tendenz, die Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen, zumal sich die Täter oftmals auch als Opfer fühlen, in ihrer Jugend verführt oder gezwungen. Vielleicht ist es auch eher die südostasiatische Mentalität, nicht bis zum Letzten nach Gerechtigkeit zu suchen, sondern eher nach Ausgleich und Vergessen.

tagesschau.de: Vergangenheitsbewältigung fällt den Kambodschanern also eher schwer?

Hetkämper: Die Erlebnisse waren zum Teil so dramatisch, dass viele Kambodschaner daran schlicht nicht mehr erinnert werden wollen. Auch in Japan sind bestimmte Kapitel der Geschichte nach wie vor absolutes Tabu und auch in Deutschland hat es zum Teil lange gedauert, bis man bereit war, sich mit dem Nationalsozialismus auseinander zu setzen.

"Immenser Verlust an Kultur"

tagesschau.de: Woran trägt Kambodscha am schwersten in Hinblick auf die Roten Khmer?

Hetkämper: Der Verlust an Kultur ist immens. Massenhaft sind Intellektuelle von den Roten Khmer hingerichtet worden, nur weil sie Intellektuelle waren und eine Brille trugen. Das hat das Land ungeheuer viel Substanz gekostet. Die heutigen wirtschaftlichen politischen Probleme haben ihre Wurzeln genau da.

tagesschau.de: Im Rahmen des Prozesses und des Urteils geht es auch um Wiedergutmachung in Form eines Gedenktages und in Form eines Denkmals. Inwieweit hilft das, nationale Wunden zu heilen?

Hetkämper: Ob ein Gedenktag und ein Denkmal die Menschen hier im Alltag interessiert, bezweifele ich. Die Kambodschaner haben andere Sorgen.

Das Interview führte Ute Welty, tagesschau.de

Hintergrund

Die Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha dauerte von 1975 bis 1979. 1975 stürzten sie die von den USA unterstützte und unbeliebte Regierung. Das neue Regime unter Pol Pot wollte eine kommunistische Agrargesellschaft verwirklichen. Es zwang die Städter aufs Land und verordnete ihnen Schwerstarbeit.

Hunderttausende Menschen starben durch Hungersnöte, Seuchen und Zwangsarbeit. Weitere Hunderttausende Verdächtige wurden als Feinde des Regimes gefoltert und ermordet. Insgesamt fielen der Schreckensherrschaft der Roten Khmer fast zwei Millionen Menschen zum Opfer - fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

1979 vertrieben vietnamesische Truppen die Roten Khmer und zogen in die seit vier Jahren verlassene Hauptstadt Phnom Penh ein. Jahrelang wurde niemand zur Rechenschaft gezogen, weil Kambodscha zum Spielball der Weltmächte wurde und im Bürgerkrieg versank. Pol Pot starb 1998 unbehelligt in der Provinz.

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KOMMENTARE

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WeKuh 07.08.2014 • 21:44 Uhr

Unterstützer der RotenKhmer in Deutschland

Ich kann mich noch gut daran erinnern, daß es zu der Zeit, als in Kambodscha die Roten Khmer wüteten, hier bei uns in Deutschland viele Unterstützer dieser Herrschaft gab. Die organisierten sich zum Beispiel in sogenannten Kampuschea-Komitees und waren ansonsten Mitglieder oder Sympatisanten maoistischer K-Gruppen, wie KPD-AO, KBW, etc. Auf Kommunisten, die Stalin kritisch gegenüber standen, schauten sie mit Verachtung und nannten sie Revisionisten, was wohl so viel wie Weicheier bedeuten sollte. Und wo sind diese Leute heute? Fast ausnahmslos bei den Grünen. Heute unterstützen sie Gauck und denunzieren alles Linke als stalinistisch. Schaut Euch doch Antje Vollmer oder Ralf Fücks, den Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung an. (Böll kann nichts dafür.) Ich kenne keinen von den damaligen Unterstützern der Roten Khmer, der heute ehrlich zu dem steht, was er früher gemachthat.