AfD-Spitzenkandidat Kirchner. | AFP
Analyse

AfD in Sachsen-Anhalt Ein "respektables Ergebnis" sorgt für Streit

Stand: 07.06.2021 06:25 Uhr

Als zweitstärkste Partei in Sachsen-Anhalt hat sich die AfD behauptet - aber mit großem Abstand zur CDU. Kein wirklicher Sieg, keine echte Niederlage - aber Grund genug für die verfeindeten Lager, aufeinander loszugehen.

Von Martin Schmidt, ARD-Hauptstadtstudio

Der Applaus bleibt sehr verhalten. Kurz nach 18 Uhr wächst der blaue Balken auf der Videoleinwand in Magdeburg nicht in die gewünschte Höhe. In der AfD hatten sie in den vergangenen Wochen davon geträumt, mal wieder richtig jubeln zu können, in Sachsen-Anhalt sogar an der CDU vorbeizuziehen und stärkste Kraft zu werden. Und dann sieht es doch so aus, als würde die Partei bei der Landtagswahl eher Stimmen verloren haben. Wenn man Enttäuschung vertonen wollte, der Applaus auf der AfD-Wahlparty wäre eine gelungene Vorlage.

Martin Schmidt ARD-Hauptstadtstudio

Dabei geht es gar nicht nur darum, dass es selbstverständlich eine Machtdemonstration gegenüber der politischen Konkurrenz gewesen wäre, die meisten Abgeordneten zu stellen. Aufgrund der klaren Aussagen aller anderen Parteien, nicht mit der AfD zusammenzuarbeiten, gibt es ohnehin keine Regierungsoption. Viele hatten sich auch auf den nächsten Sieg im innerparteilichen Machtkampf gefreut, den ein besseres Ergebnis mit sich gebracht hätte. Noch immer stehen sich die zwei großen Parteilager verfeindet gegenüber: Die, die sich gemäßigt nennen, um Co-Bundessprecher Jörg Meuthen, gegen die Anhänger des zumindest offiziell aufgelösten rechtsextremen Flügels der Partei um Björn Höcke.

Höcke und seine Mitstreiter hatten in den vergangenen Monaten einige bedeutende Punktsiege eingefahren. Los ging das auch mit Landtagswahlen. Die schlechten Ergebnisse in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg haben in den Augen der AfD-Rechtsaußen gezeigt, dass Meuthens Wunschkurs eines gemäßigteren Auftretens nach außen keine Wirkung erzielt - vor allem im Westen, dort, wo Meuthen sich von diesem Kurs große Erfolge verspricht. Dann trumpfte Höcke selbst auf dem Bundesparteitag in Dresden auf. Er sorgte maßgeblich dafür, dass die Partei nun mit einem radikalen Programm in die Bundestagswahl zieht. Und das, so haben es die Mitglieder per Onlineabstimmung entschieden, auch mit den Wunsch-Spitzenkandidaten des Flügels, Tino Chrupalla und Alice Weidel.

Jörg Meuthen | SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/Shutter

"Ein noch deutlich stärkeres Ergebnis wäre durchaus möglich gewesen", so Meuthen. Bild: SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/Shutter

Meuthen spricht von einem "respektablen Ergebnis"

Nach all diesen innerparteilichen Niederlagen hatte sich Jörg Meuthen erst einmal rar gemacht. Am Sonntagabend kann er sich seine Schadenfreude über das Wahlergebnis des Landesverbandes in Sachsen-Anhalt, in dem seine rechtsextremen Parteifreunde das Sagen haben, kaum verkneifen. "Respektabel", nennt er es in einer schriftlichen Stellungnahme und fügt hinzu: "Mit einem stärker in die Mitte zielenden, weniger allein auf Protest setzenden Wahlkampf wäre freilich auch ein noch deutlich stärkeres Ergebnis durchaus möglich gewesen." Natürlich werde man das noch zu analysieren haben, schreibt Meuthen - während der andere Co-Bundessprecher Chrupalla bei Anne Will sitzt und sich noch über ein "sensationelles Ergebnis" freut.

Aus Chrupallas Umfeld sticheln sie gegen Meuthen: Wo sei er denn im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt aufgetreten? Wo habe er seine Erkenntnisse über den erfolgversprechenderen Ton denn her? Und sie fügen gern mit einem Lächeln hinzu, dass kein einziger Kreisverband Meuthen auf seine Marktplatz-Bühnen eingeladen habe. Er spiele in weiten Teilen der Ost-AfD schlicht keine Rolle. Dennoch gehen sie davon aus, dass der "Unsinn vom Professor" in der Partei Wellen schlagen werde. Und das tut er auch schon.

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AfD aus Wählersicht

"Nicht die Integrationsfigur, die wir an der Spitze brauchen"

So kontert Spitzenkandidatin Weidel gegenüber dem ARD-Hauptstadtstudio noch am Wahlabend: "Ich bin der festen Überzeugung, dass man dieses gute Ergebnis innerparteilich nicht schlecht reden darf." Die AfD starte nun in den Bundestagswahlkampf, da seien Vorhaltungen gegen ein solch starkes Ergebnis "lächerlich".

Und auch Höcke, der den Wahlabend in Magdeburg verbracht hat, lässt die Aussage seines Parteichefs nicht unkommentiert. Dem ARD-Hauptstadtstudio sagt er: "Ich weiß nicht, ob und wenn ja wie viele Wahlkampftermine Jörg Meuthen in Sachsen-Anhalt absolviert hat." Höcke selbst sei in den letzten Wochen wiederholt vor Ort gewesen und könne Meuthens Analyse nicht teilen, schließlich zeige das Ergebnis eine Konsolidierung "gegen alle Widerstände des Establishments". Selbstverständlich fehlt auch die Kampfansage nicht: "Jörg Meuthen ist zweifelsohne ein Teil der AfD, aber er ist nicht die Integrationsfigur, die wir an der Spitze unserer Partei brauchen", sagt Höcke.

Ende des Jahres stehen in der AfD Neuwahlen des Bundesvorstandes an. Auch die Bundessprecher werden neu bestimmt. Es ist nicht das erste Mal, dass Höcke deutlich macht, Meuthen müsse weg. Doch der bekommt auch mehr und mehr Probleme mit einstigen Mitstreitern. Sie wollen Meuthens Weg des öffentlichen, innerparteilichen Stichelns nicht mehr mitgehen oder haben Angst, am Ende gemeinsam mit Meuthen auf der Strecke zu bleiben. Bundestagsabgeordnete wie Kay Gottschalk oder Jürgen Braun gratulieren via Twitter demonstrativ den Parteifreunden in Sachsen-Anhalt. Rüdiger Lucassen, Chef des mächtigen AfD-Landesverbandes NRW, sagt dem ARD-Hauptstadtstudio, er sei sehr zufrieden, dass sich die AfD auf einem hohen Niveau halten konnte.

Zu sehr in eine Ecke manövriert?

Einige von ihnen haben nur eine Erklärung dafür, warum Meuthen erneut versucht, aus einem Wahlergebnis Kapital für den Machtkampf in der AfD zu schlagen: Er habe sich zu sehr in eine Ecke manövriert und daher gar keine andere Wahl mehr, als auf die totale Konfrontation zu setzen. Sie wissen zwar, dass sich Meuthen trotz vieler Widrigkeiten schon sechs Jahre an der Parteispitze hält, so lange wie keiner vor ihm. Aber wetten, dass er auch in den nächsten zwei Jahren Bundessprecher bleibt, will keiner mehr. In der Talkshow Anne Will scheint sich Chrupalla ohnehin schon in einer Zeit ohne seinen Co an der Spitze zu sehen. Angesprochen auf Meuthens Wahlanalyse, antwortet er nur knapp: "Das ist die Einzelmeinung eines Mitglieds unserer Partei."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. Juni 2021 um 06:26 Uhr.