Menschen in dem vom Hochwasser zerstörten Ort Schuld  | REUTERS

Unwetter-Katastrophe "Es ist wirklich verheerend"

Stand: 15.07.2021 15:21 Uhr

Nach dem schweren Unwetter gehen die Einsatzkräfte von mindestens 38 Toten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen aus. Zahlreiche Menschen werden noch vermisst, viele warten auf Rettung. Ministerpräsidentin Dreyer zeigte sich schockiert.

Ein heftiges Unwetter mit Starkregen und Hochwasser hat im Westen Deutschlands für Schock und Trauer gesorgt. Als die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer zu Beginn der Landtagssitzung in Mainz das Wort ergreift, wird deutlich, welche Katastrophe sich ereignet hat. "Es gibt Tote, es gibt Vermisste, es gibt viele, die noch in Gefahr sind. Es ist wirklich verheerend", sagt Dreyer.

Ganze Orte sind überflutet, Häuser einfach weggeschwommen. Polizeihubschrauber sind unterwegs, um Menschen von Hausdächern zu retten. Wie viele Menschen im Zusammenhang mit der Katastrophe starben, ist noch unklar - auch, weil noch immer Dutzende Menschen vermisst werden. Allein im besonders schwer betroffenen Kreis Ahrweiler geht die Polizei von 18 Toten aus. Aus dem Kreis Euskirchen im ebenfalls betroffenen Bundesland Nordrhein-Westfalen werden 15 Tote gemeldet. Weitere Tote gibt es in Rheinbach, Köln, Solingen und im Kreis Unna - Menschen, die von den Fluten weggerissen wurden oder in ihren gefluteten Kellern starben.

Kanzlerin Angela Merkel, derzeit auf Besuch in den USA, richtete über Twitter ihre Anteilnahme aus und dankte den Helfern. Sie sei "erschüttert" über die Katastrophe.

Zahlreiche Häuser einsturzgefährdet

Im rheinland-pfälzischen Schuld verwandelte sich das Flüsschen Ahr in ein reißendes Gewässer. Auf Luftaufnahmen ist zu sehen, wie Teile des Ortes in den Fluten mit Geröll und Schlamm nahezu versinken. Nach Polizeiangaben stürzten mehrere Häuser ein, "zahlreiche" weitere sind einsturzgefährdet. Zudem würden viele Menschen aus dem gesamten Landkreis vermisst.

Die Polizei richtete eine telefonische Auskunftsstelle für Angehörige ein. Menschen aus der Region wurden darum gebeten, der Polizei Videos und Fotos zu übermitteln, die Hinweise auf Vermisste und Tote geben könnten. Zudem forderte die Polizei die Menschen auf, Rettungswege freizuhalten, da Schaulustige den Einsatz blockiert hätten.

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Überflutungen und Zerstörungen

Bundeswehr hilft bei der Rettung

Im Kreis Ahrweiler, in dem Schuld liegt, wurde der Katastrophenfall ausgerufen. Etwa 50 Menschen harrten laut Polizei auf Hausdächern aus, die Rettungseinsätze liefen auf Hochtouren. Allerdings waren demnach mehrere Orte wegen des Hochwassers von der Außenwelt abgeschnitten. Die Rettungskräfte erreichten laut Polizei nicht alle betroffenen Orte. Rettungshubschrauber aus Baden-Württemberg, Bayern und Hessen sowie der Bundeswehr helfen bei der Rettung. Landrat Jürgen Pföhler rief die Menschen auf, möglichst zu Hause bleiben und "sich gegebenenfalls in höher gelegene Stockwerke" zu begeben. "Die Lage ist sehr ernst", sagte er.

Karte Rheinland-Pfalz und Ahrweiler

Im Eifel-Kreis Bitburg-Prüm wurden mehrere Menschen in ihren Häusern von den Wassermassen eingeschlossen, unter anderem in Waxweiler. Menschen mussten gerettet werden - Meldungen über Tote, Verletzte oder Vermisste gebe es jedoch bislang nicht. Im Bitburger Stadtteil Erdorf stürzten braune Schlammmassen durch die Straßen.

In der Gemeinde Kordel im Landkreis Trier-Saarburg wurden mehrere Hundert Menschen mit Booten in Sicherheit gebracht. Meldungen über Vermisste, Tote oder Verletzte gebe es aus Kordel nicht, teilte ein Sprecher des Kreises mit. Wegen überschwemmter Zufahrtswege war der Ort mit 2000 Einwohnern abgeschnitten. Nach Angaben des Kreises war auch hier die Bundeswehr im Einsatz, um Menschen zu retten. Unter anderem sei ein Altenheim geräumt worden. Kordel liegt an der Kyll, einem Mosel-Zufluss.

Dramatische Lage im Kreis Euskirchen

Dramatisch und unübersichtlich ist die Lage auch im Landkreis Euskirchen in Nordrhein-Westfalen. Derzeit seien acht Todesfälle bekannt, teilte der Kreis via Facebook mit. "Die Kommunikation ist weitgehend ausgefallen, in vielen Teilen des Kreises sind Internet und Telefonverbindungen eingeschränkt", heißt es in dem Situationsbericht. Auch die Notfallnummer 112 sei nicht erreichbar. Sehr kritisch sei die Lage in Schleiden, Gemünd und Oberhausen. "Es finden Menschenrettungen statt. Teilweise besteht kein Zugang."

Auch die Stadt Altena ist noch immer von der Außenwelt abgeschnitten. "Es ist wirklich sehr bedrückend hier", schilderte Kreis-Sprecher Alexander Bange der Nachrichtenagentur dpa. "Das Wasser fließt noch immer kniehoch durch die Straßen, Autos stehen quer, an den Seiten türmen sich Abfall und Gestrüpp." Anwohner versuchten verzweifelt, mit Besen oder anderen Geräten das Wasser aus ihren Häusern zu bekommen. Neben Altena war die Lage auch in Nachrodt, Werdohl und Teilen von Lüdenscheid besonders angespannt.

Extremes Hochwasser in Hagen

In Städten wie Düsseldorf, Dortmund und Bochum sorgten vollgelaufene Keller, überflutete Straßen und umgestürzte Bäume für Hunderte Einsätze. In Leverkusen und Eschweiler mussten Krankenhäuser evakuiert werden, rund 700 Patientinnen und Patienten waren insgesamt betroffen.

Besonders angespannt ist die Lage in Hagen. Der Krisenstab erwarte "ein 25-jährliches Hochwasser", teilte die Stadtverwaltung mit. Dort wurde der Notstand ausgerufen. Wer in unmittelbarer Nähe von Flüssen wohne, werde dazu aufgefordert, sich in höher liegende Bereiche zu begeben.

Am Mittag besuchte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet die Stadt und kündigte Hilfen für die betroffenen Menschen an. Laschet lobte den Einsatz der Politiker vor Ort: In Hagen seien schon Vorbereitungen für den Krisenstab getroffen worden, als noch die Sonne schien, sagte der CDU-Vorsitzende. So habe eine größere Katastrophe verhindert werden können. Auch der schnelle unbürokratische Einsatz der Bundeswehr habe maßgeblich geholfen.

In Hückeswagen im Oberbergischen Kreis müssen etwa 1500 Menschen ihre Wohnungen verlassen. Die Einsatzkräfte setzen Boote ein, weil viele Straßen nicht mehr befahrbar sind. Die Lage scheint allerdings nicht mehr ganz so angespannt wie noch in der Nacht. "Der Damm, der zu brechen drohte, ist soweit sicher", sagte ein Polizeisprecher. In dem Bereich rund um die Talsperre gebe es aber großflächige Überschwemmungen. In der Nacht waren im Oberbergischen Kreis nach Angaben des Polizeisprechers etwa 1000 Kräfte im Einsatz.

Überlaufen der Wuppertalsperre verhindert

An der Wuppertalsperre werde unterdessen das Wasser weiter abgelassen. Dort war ein unkontrollierter Überlauf befürchtet worden. Der Feuerwehr gelang es jedoch, das Wasser kontrolliert ablaufen zu lassen. Aus Sicherheitsgründen waren die Anwohner der Wupper in Radevormwald bereits seit dem späten Mittwochabend aufgefordert worden, ihre Wohnungen zu verlassen.

Gesperrte Zugstrecken und Autobahnen

Die Deutsche Bahn meldete Verspätungen und Zugausfälle. Mehrere Strecken sind nicht befahrbar, etwa der Abschnitt Köln-Wuppertal-Hagen, die Strecke Köln-Koblenz über Bonn sowie der internationale Fernverkehr von und nach Brüssel. Zudem sind zahlreiche Autobahnabschnitte betroffen, unter anderem die A1 zwischen Leverkusen und Burscheid, die A44 im Kreuz Düsseldorf, die A61 auf mehreren Abschnitten sowie die A553 bei Brühl.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. Juli 2021 um 11:00 Uhr und 12:15 Uhr.