Carola Rackete, Kapitänin der Sea-Watch 3, beim anlegen in Lampedusa. | Bildquelle: REUTERS

Nach Festnahme in Italien Große Solidarität mit "Sea-Watch"-Kapitänin

Stand: 01.07.2019 10:41 Uhr

Für die festgenommene Kapitänin der "Sea-Watch 3", Rackete, sind mehrere Hilfsaktionen angelaufen. Bundespolitiker drängen auf ihre Freilassung, bei Spendenaufrufen kam mehr als eine Million Euro zusammen.

Nach der Festnahme der "Sea-Watch 3"-Kapitänin Carola Rackete haben sich zahlreiche Politiker und breite Teile der Bevölkerung mit ihr solidarisiert.

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller forderte die Europäische Union auf, sich für Racketes Freilassung einzusetzen. Sie habe in einer absoluten Notlage gehandelt, sagte der CSU-Politiker der "Passauer Neuen Presse". "Deshalb erwarte ich, dass Brüssel hier ein deutliches Signal sendet und die sofortige Freilassung einfordert.

Zuvor hatte bereits Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gesagt: "Wer Menschenleben rettet, kann nicht Verbrecher sein." Von Italien als Gründungsstaat der EU dürfe man erwarten, dass es mit einem solchen Fall anders umgehe.

Frankreich wirft Italien "Hysterisierung" vor

Die Kapitänin des Seenotrettungsschiffs "Sea-Watch 3" war am Samstagmorgen in Lampedusa festgenommen worden, nachdem sie das Schiff mit 40 Migranten an Bord ohne Einfahrgenehmigung in den Hafen der italienischen Insel gesteuert hatte. Die Menschen an Bord, die mehr als zwei Wochen auf dem Schiff ausgeharrt hatten, gingen in Italien an Land.

Rackete steht derzeit unter Hausarrest und darf nur zu ihren Anwälten Kontakt haben. Italiens Innenminister Matteo Salvini hatte der 31-Jährigen "kriegerisches" Handeln vorgeworfen. Angesichts dieser Wortmeldungen warf Frankreichs Regierung ihm vor, die Flüchtlingskrise zu "instrumentalisieren". Salvini verfolge eine "Strategie der Hysterisierung", sagte Regierungssprecherin Sibeth Ndiaye.

"Sea-Watch"-Kapitänin Rackete auf einem von der Hilfsorganisation verbreiteten Bild | Bildquelle: TILL M EGEN/SEA-WATCH HANDOUT/EP
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"Sea-Watch"-Kapitänin Rackete auf einem von der Hilfsorganisation verbreiteten Bild.

Oettinger: Bewertungen von Salvini egal

EU-Haushaltskommissar Günther Oettinger sagte im ZDF-"Morgenmagazin", ihm seien die Bewertungen von Salvini egal: "Als Bürger Europas habe ich volles Verständnis für diese Frau, die - glaube ich - mutig gehandelt hat. Und ich habe Vertrauen in die Justiz in Italien." Es gehe nicht um einen Einzelfall, sondern darum, zu einer europäischen Lösung zu finden, wie mit Geflüchteten und Migranten künftig umzugehen sei.

Auch EU-Flüchtlingskommissar Dimitris Avramopoulos mahnte "strukturelle, berechenbare und faire Maßnahmen" an, um Solidarität bei der Aufnahme zu gewährleisten und sicherzustellen, dass kein Mitgliedsstaat alleingelassen werde. "Es ist sehr klar, dass wir so nicht weitermachen können", sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Spendenaufrufe erzielen eine Million Euro

Bei Spendenaktionen für die Organisation "Sea-Watch" sind inzwischen mehr als eine Million Euro zusammengekommen. Ein Spendenaufruf der Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf brachte mehr als 735.000 Euro ein, eine in Italien gestartete Sammelaktion mehr als 410.000 Euro. Mehr als 26.000 Menschen gaben Geld für die Seenotrettung. Auch auf das Konto des "Sea-Watch"-Rechtshilfefonds flossen mehrere Tausend Euro.

Das Geld sei einerseits für die Gerichtskosten von Rackete, erklärte "Sea-Watch"-Sprecher Ruben Neugebauer. Er fügte hinzu: "Wenn das Schiff beschlagnahmt bleibt, brauchen wir ein neues." Die italienische Regierung hat die "Sea-Watch 3" beschlagnahmt, für das unerlaubte Einfahren sind Strafen von bis zu 50.000 Euro vorgesehen.

Etliche Bundespolitiker drängen auf Racketes Freilassung. Grünen-Chefin Annalena Baerbock forderte Außenminister Heiko Maas (SPD) auf, sich für ihren Fall einzusetzen. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sieht die anderen EU-Staaten in der Pflicht, Druck auf Italiens Regierung auszuüben. "Wenn mitten in Europa eine junge Frau verhaftet wird, weil sie Ertrinkende rettet, läuft gehörig etwas schief", sagte er den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Juni 2019 um 23:15 Uhr.

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