Anja Reschke bei "Sag's mir ins Gesicht" (Foto: Wulf Rohwedder)
Interview

Tagesschau-Aktion "Sag's mir ins Gesicht" "Ich bin keine ARD-Marionette"

Stand: 29.05.2017 21:07 Uhr

ARD-Journalistin Anja Reschke hat live im Netz den Dialog mit Kritikern gesucht. Viele Anrufer waren gemäßigt, manche wagten sich aus der Deckung. Reschke hofft, mit der Diskussion gezeigt zu haben, dass jeder Hasskommentar einen Menschen trifft.

tagesschau.de: "Arrogante Fresse", "bitch" - das sind Dinge, die Sie in sozialen Netzwerken zu hören bekommen. Warum haben Sie sich entschieden, in den persönlichen Dialog mit den Verfassern solcher Kommentare zu treten?

Anja Reschke: Ich fand es interessant, um klar zu machen: Wenn ihr Hasskommentare schreibt, dann trefft ihr damit auch einen Menschen - also ich bin auch ein Mensch. Damit kann man den Leuten das Gefühl geben, dass ich keine komische ARD-Marionette bin, die hinter dem Moderationstisch steht und den Leuten irgendetwas erzählt, sondern auch versuche zu diskutieren. Das liegt natürlich an dem Medium Fernsehen: Der eine Mensch - also ich - steht da und redet mit Leuten, die selbst aber vor dem Fernseher sitzen. Und gerade wenn es um politisch-diskursive Themen geht, ist das schwierig.

tagesschau.de: Wie haben Sie heute den persönlichen Dialog mit den Usern erlebt? Was hat Sie überrascht?

Reschke: Grundsätzlich war das jetzt ganz gemäßigt. Es waren schon zwei, drei, die aus der Deckung kamen und die wahrscheinlich auch mal üble Kommentare schreiben würden. Einer hat auch mal ein ausfälliges Wort benutzt: Da denke ich dann, meine Erziehung verbietet es mir, es nochmal in den Mund zu nehmen. Der unterstellte dann ein bisschen chauvinistisch, dass man das jetzt lustig finden und locker wegstecken müsse - das war eine unangenehme Situation.

Schwierig war auch: Wenn Anrufer einem vorwerfen, dass eine andere Betrachtung - wie einer sagte, eine nationale, vaterlandsliebende, ausländerkritische Haltung - dass die nicht berücksichtigt wird. Dann hat der Mann natürlich insofern recht, als dass das nicht der Stil der deutschen Berichterstattung ist, weil das schon sehr stark an einen radikalen Rand abdriftet. Aber ich musste und wollte mich mit ihm unterhalten. Da fragt man sich, inwieweit man ihm etwas entgegensetzen muss.

An dieser Stelle die Balance zu finden zwischen der Idee, miteinander zu reden und zugleich zu sagen, hier ist die Grenze und das nicht wieder als Zensurvorwurf zu kriegen - das fand ich schwierig.

tagesschau.de: Wie erklären Sie sich, dass der Hass im Netz so zugenommen hat und Menschen auch keine Hemmungen mehr haben, mit ihrem Klarnamen menschenverachtende Dinge von sich zu geben?

Reschke: Die Menschen haben gemerkt, dass sie dafür Applaus kriegen. Man sitzt vor seinem Rechner und ärgert sich oder ist wütend und schreibt das - und plötzlich kriegt man Applaus. Das ist tatsächlich wie der Stammtisch, aber damals war das in der kleinen Kneipe. Doch jetzt hängt man das ins Netz und bekommt 100 oder 50 Likes und Kommentare - und schon wird man wahrgenommen und findet sich gut. Und je härter der Kommentar ist, desto mehr Aufmerksamkeit kriegst Du, das ist ja auch wie ein Wettkampf. Wer den härtesten Kommentar macht, hat gewonnen.

tagesschau.de: Was war der schlimmste Kommentar, der je in sozialen Netzwerken an Sie gerichtet wurde und wie haben Sie darauf reagiert?

Reschke: Was der schlimmste war, kann ich gar nicht sagen - abgesehen von Morddrohungen. Aber es ist schon verletztend, wenn Kommentare kommen, bei denen sexuelle Gewaltfantasien bei dem Schreiber mit dabei sind. Das ist schon fies und eklig.

tagesschau.de: Was ist Ihr Fazit nach einer Stunde Live-Dialog?

Reschke: Man wird natürlich nicht dahin kommen, dass man Menschen überzeugt, aber vielleicht haben sie wahrgenommen, dass man eben doch ein Mensch ist. Vielleicht bringt das irgendetwas - aber es ist auch anstrengend.

Das Interview führte Caroline Ebner, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete das nachtmagazin am 29. Mai 2017 um 00:30 Uhr.

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KOMMENTARE

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Nummer-6 29.05.2017 • 23:54 Uhr

Frau Reschke

Sie haben sich für das Leben im Rampenlicht entschieden und nutzen die ihnen zur Verfügung stehende Platform um ihre eigene Agenda bzw. Perspektive einem größtmöglichen Publikum zu vermitteln. Das ist in Ordnung so lange sie ihre eigene Befangenheit nicht verheimlichen bzw. kein Trugbild einer vermeintlichen Neutralität erwecken, wenn diese nicht oder nur eingeschränkt vorhanden ist. Trotzdem sollten sie sich nicht wundern, wenn sie als öffentliche Person mit starken Meinungen für diese nicht nur Liebesbriefe erhalten. Wenn sie tatsächlich so dünnhäutig sind haben sie vielleicht den falschen Beruf gewählt. Strafrechtlich relevante Kommentare außen vor, die verdient niemand. Was ich ihnen persönlich vorhalte ist, dass sie ihr Ego mit Politik zu vermischen scheinen und Angriffe auf ihr Weltbild persönlich zu nehmen scheinen. Da vermisse ich etwas Selbstkritik ehrlich gesagt. Vielleicht gibt es die hinter den Kulissen aber in der Öffentlichkeit kann ich keine Selbstzweifel erkennen.