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Übersetzung der Özil-Erklärung "Nicht länger als Sündenbock dienen"

Stand: 23.07.2018 09:43 Uhr

In den vergangenen Monaten ist viel über Mesut Özil gesprochen worden, seit gestern weiß die Welt, was der Mittelfeldspieler selbst denkt. Via Twitter teilte er kräftig aus. Lesen Sie hier die Übersetzung.

Am Sonntagmittag hat Mesut Özil sein Schweigen gebrochen. In einer per Twitter verbreiteten Erklärung an seine rund 23 Millionen Follower nahm er Stellung zu seinem Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Özil schrieb in englischer Sprache, hier die Übersetzung ins Deutsche.

"Ich habe zwei Herzen"

"In den vergangenen Wochen hatte ich die Zeit zu reflektieren und über die Ereignisse der vergangenen Monate nachzudenken. Als Folge möchte ich meine Gedanken und Gefühle, über das was passiert ist, teilen.

Wie bei vielen Menschen reicht auch bei mir die Ahnenreihe in mehr als ein Land. Während ich in Deutschland aufgewachsen bin, liegen die Wurzeln meiner Familie fest in der Türkei. Ich habe zwei Herzen, ein deutsches und ein türkisches. In meiner Kindheit hat mich meine Mutter gelehrt, immer respektvoll zu sein und nie zu vergessen, woher ich komme, und das sind Werte, über die ich bis heute nachdenke.

Im Mai habe ich Präsident Erdogan in London bei einer Wohltätigkeits- und Bildungsveranstaltung getroffen. Wir haben uns zuerst 2010 getroffen, nachdem er und Angela Merkel zusammen das Spiel Deutschland gegen die Türkei in Berlin angeschaut haben. Seitdem haben sich unsere Wege viele Male rund um den Globus gekreuzt. Mir ist bewusst, dass das Bild von uns eine große Resonanz in den deutschen Medien hervorgerufen hat, und auch wenn mich einige Leute der Lüge bezichtigen oder der Täuschung, hatte das Foto keine politische Intention. Wie gesagt, meine Mutter hat mich nie den Blick auf meine Ahnen, mein Erbe und und meine Familientraditionen verlieren lassen. Ein Foto mit Präsident Erdogan zu machen, hatte für mich nichts mit Politik oder Wahlen zu tun, es war aus Respekt vor dem höchsten Amt des Landes meiner Familie. Mein Beruf ist der des Fußballspielers, nicht des Politikers, und unser Treffen war keine Unterstützung irgendeiner Politik. Tatsächlich haben wir über dasselbe Thema gesprochen, wie wir es immer tun, wenn wir uns treffen - Fußball - weil er in seiner Jugend auch ein Spieler war.

Obwohl die deutschen Medien etwas anderes dargestellt haben, ist die Wahrheit, dass nicht den Präsidenten zu treffen bedeutet hätte, die Wurzeln meiner Vorfahren nicht zu respektieren, von denen ich weiß, dass sie stolz darauf wären, wo ich jetzt bin. Für mich ist es nicht von Bedeutung gewesen, wer Präsident war, es war von Bedeutung, dass es der Präsident war. Der Respekt vor dem politischen Amt ist eine Betrachtungsweise, von der ich sicher bin, dass sie auch von der Königin und Premierministerin Theresa May geteilt wurde, als sie Erdogan in London empfangen haben. Ob es der türkische oder der deutsche Präsident gewesen wäre, meine Taten wären nicht anders gewesen.

Ich weiß, dass das schwer zu verstehen ist, da in den meisten Kulturen der politische Anführer nicht von der Person getrennt gedacht werden kann. Aber in diesem Fall ist es anders. Was auch immer der Ausgang der vorangegangenen Wahl gewesen wäre oder auch der Wahl zuvor, ich hätte dieses Foto gemacht."

Kritik an Medien und Sponsoren

Im zweiten Teil seiner Erklärung greift Özil die Berichterstattung einiger deutscher Zeitungen und das Verhalten eines nicht namentlich genannten DFB-Sponsors an.

"...Viele Leute sprechen über meine Leistungen - viele applaudieren und viele kritisieren. Wenn eine Zeitung oder ein Experte eins meiner Spiele kritisiert, dann kann ich das akzeptieren - ich bin kein perfekter Fußballer, und das motiviert mich oft dazu, härter zu arbeiten und zu trainieren. Was ich aber nicht akzeptieren kann, sind deutsche Medien, die wiederholt mein doppeltes Erbe und ein einfaches Bild für eine schlechte Weltmeisterschaft einer ganzen Mannschaft verantwortlich machen.

Gewisse deutsche Zeitungen benutzen meinen Hintergrund und das Foto mit Präsident Erdogan als rechte Propaganda, um ihre politischen Ziele voranzubringen. Warum sonst benutzten sie Bilder und Überschriften mit meinem Namen als direkte Erklärung für die Niederlage in Russland? Sie haben nicht meine Leistungen kritisiert, sie haben nicht die Leistungen des Teams kritisiert, sie haben nur meine türkische Herkunft und meinen Respekt für meine Herkunft kritisiert. Indem die Zeitungen versuchen, die deutsche Nation gegen mich aufzubringen, überschreiten sie eine persönliche Grenze, die niemals überschritten werden sollte.

Was ich auch enttäuschend finde, ist die Doppelmoral der Medien. Lothar Matthäus (ein Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft) hat vor ein paar Tagen einen anderen Staatschef getroffen und kaum Kritik von den Medien geerntet. Trotz seiner Rolle im DFB ... haben sie ihn nicht dazu aufgefordert, sein Handeln öffentlich zu erklären, und er repräsentiert weiterhin ohne jegliche Abmahnung die Spieler Deutschlands. Wenn die deutschen Medien der Meinung waren, dass ich nicht Teil des Weltmeisterschaftsteams hätte sein sollen, hätte er dann nicht seine Ehrenspielführerwürde verlieren sollen? Macht mich mein türkische Erbe zu einem angemesseneren Ziel?

Ich habe immer gedacht, dass eine "Partnerschaft" Unterstützung in guten wie auch in schwierigeren Zeiten bedeutet. Jüngst hatte ich geplant, zusammen mit zwei meiner wohltätigen Partner meine ehemalige Schule Berger Feld in Gelsenkirchen, Deutschland zu besuchen. Ich unterstützte ein Jahr lang ein Projekt, in dem Einwandererkinder, Kinder aus ärmeren Familien und andere Kinder zusammen Fußball spielen können und soziale Regeln fürs Leben lernen. Einige Tage bevor wir dorthin gehen sollten, verließen mich allerdings meine sogenannten "Partner", die zu diesem Zeitpunkt nicht mehr mit mir zusammenarbeiten wollten. Zusätzlich teilte die Schule meinem Management mit, dass sie mich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr da haben wollten, weil sie wegen meines Fotos mit Erdogan "Angst vor den Medien" hatten, besonders, weil die "Rechten in Gelsenkirchen auf dem Vormarsch" seien. Ganz ehrlich gesagt hat das echt weh getan. Obwohl ich in jungen Jahren ihr Schüler war, gaben sie mir das Gefühl, nicht willkommen und ihre Zeit nicht wert zu sein. ..."

Frontalangriff auf Grindel

Am meisten (sport)-politischen Sprengstoff enthält der dritte Tweet Özils, den er am Sonntagabend verschickte. Darin kündigte er nicht nur seinen Rückzug aus der Nationalmannschaft an, sondern griff auch DFB-Präsident Reinhard Grindel scharf an:

"Die Sache, die mich wahrscheinlich am meisten in den vergangenen Monaten frustriert hat, war die schlechte Behandlung durch den DFB, und vor allem durch den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel. Nach meinem Bild mit Präsident Erdogan wurde ich von Joachim Löw gebeten, meinen Urlaub zu verkürzen, nach Berlin zu reisen und ein gemeinsames Statement abzugeben, um alle Diskussionen zu beenden und die Sache richtig zu stellen. Als ich Grindel mein Erbe, meine Vorfahren und die daraus entstandenen Gründe für das Foto zu erklären versuchte, war er viel mehr daran interessiert, über seine eigenen politischen Ansichten zu sprechen und meine Meinung herabzusetzen.

(...)

Seit dem Ende der Weltmeisterschaft ist Grindel wegen seiner Entscheidungen vor Turnierbeginn unter starken Druck geraten, und das zurecht. Zuletzt hat er öffentlich gesagt, dass ich noch einmal meine Handlungen erklären solle und gibt mir die Schuld für die schwachen Ergebnisse in Russland, obwohl er mir in Berlin gesagt hat, dass es erledigt sei. Ich spreche jetzt nicht wegen Grindel, sondern weil ich es will. (Hervorhebung im Original) Ich werde nicht länger als Sündenbock dienen für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen. Ich weiß, dass er mich nach dem Foto aus dem Team haben wollte, und seine Ansicht bei Twitter ohne Nachdenken oder Absprache veröffentlicht hat, aber Joachim Löw und Oliver Bierhoff haben sich für mich eingesetzt und mich unterstützt. In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren... Gibt es Kriterien, ein vollwertiger Deutscher zu sein, die ich nicht erfülle? Meine Freunde Lukas Podolski und Miroslav Klose werden nie als Deutsch-Polen bezeichnet, also warum bin ich Deutsch-Türke? Ist es so, weil es die Türkei ist? Ist es so, weil ich ein Muslim bin? Ich denke, hier handelt es sich um eine wichtige Sache. Indem man als Deutsch-Türke bezeichnet wird, werden Menschen bereits unterschieden, die Familie in mehr als einem Land besitzen. Ich wurde in Deutschland geboren und ausgebildet, also warum akzeptieren die Leute nicht, dass ich Deutscher bin?

(...)

Mich wegen meiner Vorfahren zu kritisieren und zu beschimpfen, diese Grenze zu übertreten ist schändlich, und Diskriminierung als Werkzeug für politische Propaganda zu benutzen, sollte umgehend im Rücktritt dieser respektlosen Personen resultieren. Diese Leute haben mein Bild mit Präsident Erdogan als eine Gelegenheit benutzt, ihre zuvor verborgenen rassistischen Tendenzen zum Ausdruck zu bringen, und das ist gefährlich für die Gesellschaft. (...) Ich will nicht einmal die Hassmails, die Drohanrufe und die Kommentare in den sozialen Netzwerken diskutieren, die meine Familie und ich erhalten haben. Sie alle stehen für ein Deutschland der Vergangenheit, ein Deutschland, das nicht für neue Kulturen offen ist, und ein Deutschland, auf das ich nicht stolz bin. Ich bin zuversichtlich, dass viele stolze Deutsche, die eine offene Gesellschaft begrüßen, mit mir einer Meinung sind.

(...)

Die Behandlung, die ich vom DFB und vielen anderen erhalten habe, bringt mich dazu, nicht länger das deutsche Nationaltrikot tragen zu wollen. Ich fühle mich ungewollt und denke, dass das, was ich seit meinem Länderspiel-Debüt 2009 erreicht habe, vergessen ist. Leute mit rassistisch diskriminierendem Hintergrund sollten nicht länger im größten Fußballverband der Welt arbeiten dürfen, der viele Spieler aus Familien verschiedener Herkunft hat. Einstellungen wie ihre reflektieren nicht die Spieler, die sie repräsentieren sollen. Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, so lange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre. Ich habe das deutsche Trikot mit solchem Stolz und solcher Begeisterung getragen, aber jetzt nicht mehr. Diese Entscheidung war sehr schwer, weil ich immer alles für meine Teamkollegen, den Trainerstab und die guten Leute in Deutschland gegeben habe. Aber wenn hochrangige DFB-Funktionäre mich so behandeln, meine türkischen Wurzeln missachten und mich egoistisch als politisches Propagandamittel nutzen, dann ist es genug. Dafür spiele ich nicht Fußball, und ich werde mich nicht zurücklehnen und nichts dagegen tun. Rassismus darf nie und nimmer hingenommen werden."

Übersetzung: dpa

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 23. Juli 2018 um 09:00 Uhr.

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