Arbeiter und Gäste stehen nach dem offiziellen Tunnelanschlag vor dem zukünftigen Nordportal des Kramertunnels in Garmisch-Partenkirchen. (Archivbild: 07.02.2020) | picture alliance/dpa
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Garmisch-Partenkirchen Tunnelblick statt Verkehrswende?

Stand: 18.03.2022 07:50 Uhr

Bei Garmisch-Partenkirchen sollen bis 2030 vier Straßentunnel entstehen. Für einen Ausbau der Bahnstrecke fließt dagegen kein Geld. Kritiker sehen eine Verkehrspolitik von gestern, Anwohner befürchten weitere Staus.

Von Martin Breitkopf, BR

Wieder einmal staut sich der Verkehr vor dem Haus von André Scheerer in Garmisch-Partenkirchen. Er wohnt mit seiner Familie direkt an einer der Durchgangsstraßen durch den Ort. Wenn Scheerer an schönen Tagen aus dem Küchenfenster schaut, sieht er nicht die traumhafte Bergkulisse, sondern nur Autos an Autos - egal ob während der Woche oder am Wochenende.

Der Ausflugsverkehr in die Berge und der Transitverkehr in der Urlaubszeit nach Österreich und Italien machen ihm das Leben schwer.

Umfahrungstunnel als einzige Lösung

Seit Jahren kämpfen Scheerer und andere Anwohner für Entlastung mit ihrer Initiative "2 Tunnel für Garmisch-Partenkirchen". Da Garmisch-Partenkirchen umrahmt ist von Bergen, sind Umfahrungstunnel die einzige Lösung. Nach langem Hin und Her und viel Protest hatte die Bundespolitik ein Einsehen und genehmigte die zwei gewünschten Tunnellösungen.

Im Kramertunnel wird schon seit einiger Zeit gegraben, der Wanktunnel ist in der Planungsphase. Doch damit nicht genug: Gleich im Nachbarort Oberau entsteht ein weiterer Umfahrungstunnel und vor Kurzem war der Spatenstich für den Auerbergtunnel.

Vier neue Tunnel sollen bis 2030 im Loisachtal entstehen. Rund eine Milliarde Euro kosten die Tunnelprojekte. Viel Geld, um das Tal vom Verkehr zu befreien.

Ein Auto im Kramertunnel | Martin Breitkopf, BR

Der Kramertunnel - Länge 3609 Meter - soll zu weniger Staus in Garmisch-Partenkirchen führen. Bild: Martin Breitkopf, BR

Verkehrspolitik von gestern

Nur eine Straße führt nach Garmisch-Partenkirchen, parallel dazu verläuft die Bahnlinie nach München. Doch während in die Straßeninfrastruktur investiert wird, geht die Bahn leer aus. Bahnpendler wie Norbert Moy ärgert das.

Die Politik rede ständig von Verkehrswende und verspreche mehr Geld für die Schiene - doch die Realität sehe hier im Loisachtal anders aus, so Moy. Hier werde an einer Verkehrspolitik von gestern festgehalten, ohne an Klimaschutz und die Zukunft zu denken.

Auf der eingleisigen Bahnlinie kommt es immer wieder zu Verspätungen, noch dazu dauert die Fahrt mit dem Zug nach München fast doppelt so lang wie mit dem Auto. Somit ist der Zug keine wirkliche Alternative. Seit Jahren setzt sich Moy für einen zweigleisigen Ausbau der Strecke ein. Doch vergeblich. Der Ausbau hat es nicht einmal in den Bundesverkehrswegeplan geschafft.

Eine Bahnstrecke im Schnee | Martin Breitkopf, BR

Pendler und Umweltschützer kritisieren, dass die Bahn in der Region leer ausgeht - und Autos so auf Jahre hinaus als maßgebliches Verkehrsmittel festgeschrieben werden. Bild: Martin Breitkopf, BR

Neue Tunnel, mehr Verkehr?

Noch endet die Autobahn A95 (München-Garmisch-Partenkirchen) ein paar Kilometer vor Garmisch-Partenkirchen. Nur einspurig quält sich der Verkehr durch das Loisachtal. Kaum ist das Wetter schön, ist dementsprechend Stau, oft kilometerlang.

Doch wenn 2030 alle Tunnel fertig sind, soll sich das ändern. Vierspurig geht es dann durch die Tunnel nach Garmisch-Partenkirchen. Die Sorge von Axel Doering vom Bund Naturschutz ist es, dass dadurch noch mehr Verkehr ins Tal kommt.

Die Strecke könnte eine Umfahrungsroute werden, wenn sich der Verkehr auf der A8 Richtung Salzburg staut, so seine Befürchtung. Auch könnte es noch mehr Tagesausflügler anziehen, da die Fahrzeit von München bis in die Berge durch die bessere Straßeninfrastruktur verkürzt werden würde.

Bahn ausgebremst

So könnten die Tunnel, die eigentlich für Verkehrsentlastung der Anwohner sorgen sollen, für noch mehr Lärm, Gestank und Staus führen. Das Verkehrsproblem im Tal werde nicht gelöst, sondern nur aufgeschoben.

Für Jahrzehnte werde mit den Tunneln die Verkehrspolitik festbetoniert, sagt Doering. Die Chance, die Attraktivität der Bahn zu steigern, um mehr Menschen dazu zu bewegen, das Auto stehen zu lassen, sei mit der Milliardeninvestition in den Straßen- und Tunnelbau verspielt worden, so die Meinung des Umweltschützers. Für ihn ein Beispiel von Politikversagen.

Axel Doering | Martin Breitkopf, BR

Axel Doering vom Bund Naturschutz befürchtet, dass noch mehr Verkehr ins Loisachtal kommt. Bild: Martin Breitkopf, BR

Eine Verkehrswende, die keine ist

Ende 2026 soll der Kramertunnel fertig sein, der Wanktunnel soll 2030 folgen. Anwohner André Scheerer hofft dann auf weniger Verkehr vor seinem Haus.

Aber auch er glaubt nicht daran, dass sich die generelle Verkehrssituation im Loisachtal mit den Tunneln verbessern wird. Regelmäßig muss er als Anwalt nach München. Die Fahrzeit mit der Bahn sei unerträglich, sagt er. Deshalb nehme auch er immer wieder auch das Auto. Das sei nicht nur bequemer sondern auch schneller. Eine Verkehrswende, die keine ist im Tal der Tunnel.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 17. März 2022 um 22:35 Uhr.