Angela Merkel wird von Tina Hassel und Rainald Becker interviewt | JESCO DENZEL/POOL/EPA-EFE/Shutte

Merkel im ARD-Interview "Wir wollen das Maximum an Impfstoffen"

Stand: 02.02.2021 20:23 Uhr

Einen Durchbruch brachte der Impfgipfel von Bund und Ländern nicht. Kanzlerin Merkel verteidigte das Vorgehen in der ARD-Sendung Farbe bekennen jedoch erneut. Der Prozess berge Risiken, auf die man "dynamisch" reagieren müsse.

Einen Tag nach dem Impfgipfel hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Vorgehen von Bund und Ländern verteidigt. Der Gipfel sei ein lehrreiches Gespräch gewesen. Wirtschaftsvertreter hätten erklärt, dass sie mit vielen Risiken arbeiten. Daran müsse sich die Politik anpassen. "Wir können keinen starren Impfplan machen." Man müsse modellieren und das Vorgehen "dynamisch anpassen". Man sei sich aber mit der Wirtschaft einig: "Wir wollen das Maximum an Impfstoffen natürlich bekommen."

Für das weitere Vorgehen habe man ein "Gerüst": Es gelte weiter das Versprechen, dass bis zum Ende des Sommers jeder ein Impfangebot bekomme. Zudem habe man die Impfreihenfolge festgelegt. Auf dieser Grundlage könnten sich Bund und Ländern einen "dynamischen Plan" erarbeiten.

"Sind auf unsere Produktionsanlagen zurückgeworfen"

Bisher sei im Großen und Ganzen nichts schiefgelaufen bei der Impfkampagne. Wenn weitere Impfstoffe zugelassen würden, könnte sich die Impfkampagne sogar beschleunigen. Es gebe aber auch Risiken: Wenn eine Virus-Mutation einen Impfstoff unwirksam machen würde, "würde die Sache anders ausschauen", so Merkel. 

Angesprochen auf zahlreiche Länder, die schneller und in größerer Menge Impfungen durchführen, sagte Merkel, dass aus ihrer Sicht in der EU nichts schief gelaufen sei. Sie verwies auf die ordentliche Zulassung durch die europäische Arzneimittelagentur im Vergleich zur schnelleren Notfallzulassung AstraZenecas in Großbritannien. Dieses Vorgehen der EU sei aber kein Fehler gewesen. "Wir sind auf das Vertrauen angewiesen", so Merkel und sie sei dafür, mit der "notwendigen Gründlichkeit" vorzugehen.

Zudem exportiere die USA mit den Produktionsanlagen von Pfizer derzeit "so gut wie nichts". "Das heißt, wir als Europäer sind auf unsere Produktionsanlagen zurückgeworfen." Man hätte auch nicht mehr Impfstoff-Dosen bekommen, wenn man mehr bezahlt hätte, so Merkel. Der Weg sei richtig.

Eine Zulassung des russischen Corona-Impfstoffs Sputnik V in Europa hält Merkel für möglich: "Wir haben heute gute Daten gelesen auch von dem russischen Impfstoff." Grundsätzlich sei jeder Impfstoff in der EU willkommen. Zugelassen werde er aber nur, wenn er der EMA die notwendigen Daten vorlege. Merkel sagte, sie habe auch schon mit dem russischen Präsidenten Putin darüber gesprochen. Der russische Corona-Impfstoff Sputnik V ist laut einer Studie zu mehr als 90 Prozent wirksam.

Debatte um Vorteile für Geimpfte

Erneut verwies Merkel darauf, dass es keine Pflicht zur Impfung gegen das Virus gibt. Es werde aber der Zeitpunkt kommen, an dem sehr viele Menschen ein Angebot bekommen haben. Wenn dann Menschen nicht geimpft werden möchten, "dann muss man vielleicht schon solche Unterschiede machen und sagen: Wer das nicht möchte, der kann vielleicht auch bestimmte Dinge nicht machen". Konkrete Beispiele nannte sie nicht.

Erleichterungen für Geimpfte zum jetzigen Zeitpunkt lehnt Merkel weiter ab, weil "nicht klar ist, ob nicht eine Ansteckung trotzdem anderer Personen erfolgen kann". Möglichen Klagen vom Geimpften sieht die Kanzlerin gelassen entgegen: "Das gehört zum Rechtsstaat und da müssen wir argumentieren als Politik, warum wir etwas machen, warum wir etwas nicht machen."

Merkel ruft zum Durchhalten auf

Eine Lockerung des Lockdowns lehnte Merkel eine Woche vor den nächsten Bund-Länder-Beratungen ab. Sie bitte alle Menschen, "noch eine Weile durchzuhalten". Zwar gebe es jetzt bundesweit eine Inzidenz von unter 100 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. "Das ist eine gute Leistung, da waren wir lange nicht. Aber damit haben wir noch nicht wieder die Kontrolle über das Virus durch die Gesundheitsämter." Daran müsse weiter gearbeitet werden, betonte Merkel. Lockerungen werde es aber nicht erst geben, wenn alle Bürger geimpft seien. "Das ist nicht der Weg, den wir anstreben."

Beim Impfgipfel am Montag hatten die Länderchefinnen und -chefs mit Merkel, Vertretern von Pharmaindustrie, Verbänden und der EU darüber beraten, wie es angesichts des schleppenden Impfstarts und der Lieferschwierigkeiten einiger Hersteller weitergehen soll. Konkrete Ergebnisse brachten die Gespräche aber nicht.

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung "Farbe bekennen" am 02. Februar 2021 um 20:015Uhr.

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