Jörg Meuthen steht neben Tino Chrupalla an einem Rednerpult (Archivbild September 2021). | EPA
Kommentar

AfD-Austritt von Meuthen Ein Provokateur im Schafspelz

Stand: 28.01.2022 18:58 Uhr

Jörg Meuthen verlässt die AfD. Doch seine Begründung ist scheinheilig. Denn Meuthen war selbst stets Provokateur, hat Hass und Hetze verbreitet und politisches Kapital aus Ressentiments geschlagen.

Ein Kommentar von Lothar Lenz, ARD-Hauptstadtstudio

Als Alexander Gauland die AfD einmal als "gärigen Haufen" bezeichnete, da kam das rüber wie eine ungelenke Entschuldigung für eine Partei, in der die Wortwahl schon mal etwas derb ausfällt. Für eine Partei, in der über der inhaltlichen Kritik an der herrschenden Politik auch schon mal der Respekt verloren geht.

Lothar Lenz ARD-Hauptstadtstudio

Tatsächlich aber wollte Gauland an der Lebenslüge der sogenannten "Alternative für Deutschland" weiterstricken - an der Behauptung nämlich, dass die Partei konservativ und im Kern bürgerlich sei.

In Wahrheit aber ist die AfD ein Sammelbecken von Demokratieverächtern, völkisch-nationalen Geschichtsrevisionisten und anderen Rechtspopulisten. Die angeblichen politischen Alternativen der AfD sind krude; das Auftreten ihrer Abgeordneten im Bundestag ordinär und flegelhaft. Es ist wohl auch nur eine Frage der Zeit, bis der Verfassungsschutz die Partei bundesweit unter dem Verdacht des Rechtsextremismus beobachtet.

Meuthen begründet scheinheilig

Wenn der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen nun seinen Rücktritt und gleich auch seinen Austritt aus der Partei mit der Beobachtung begründet, es gebe zunehmend "totalitäre Tendenzen" in seiner Partei, dann ist das scheinheilig. Denn Meuthen hätte seit Jahren riechen können, wie sehr der "gärige Haufen" um ihn herum stinkt.

Meuthen hätte den Faulprozess beenden müssen - etwa, indem er notorische Pöbler wie Björn Höcke oder Stefan Brandner aus der Partei schmeißt. Stattdessen aber hat Meuthen selbst immer wieder Hass und Hetze verbreitet und rassistische Ressentiments im Land befeuert - weil genau das das Kapital ist, aus dem seine Partei Wählerstimmen macht.

Beim Klimaschutz ein Wissenschaftsverächter

"Linksgrün versifft" sei Deutschland im Ganzen, sagte Meuthen einmal. Und als der Mob in Chemnitz auf offener Straße den Hitlergruß zeigte, sprach Meuthen von "eingeschleusten Provokateuren". Beim Klimaschutz outete sich der AfD-Chef als Wissenschaftsverächter; die Demonstrationen von Schülerinnen und Schülern nannte er "politischen Kindesmissbrauch". 

Wenn Meuthen jetzt moniert, die AfD habe in ihrer offenen Sympathie für die "Querdenken"-Bewegung "sektenartige Züge" angenommen, dann sind das Krokodilstränen. Denn mit den Bedenken auch aus anderen Parteien gegen eine allgemeine Impfpflicht verliert die AfD gerade ihr Entrüstungsmonopol in der Corona-Pandemie. Und andere Themen hat sie zur Zeit keine.

Der Kapitän ist von Bord, Ruder hart rechts

Meuthen war selbst ein notorischer Provokateur, nur im Schafspelz bürgerlicher Freundlichkeit. Der Autoritätsverlust an der Parteispitze hatte sich lange abgezeichnet. Längst sind die Fraktionschefs Alice Weidel und Tino Chrupalla Gesicht und Stimme der AfD.

Jetzt, nachdem der Kapitän von Bord ist, können die Offiziere auf der Brücke auch die Hand ans Ruder legen. Ihr Kurs zeigt hart nach rechts.

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. Januar 2022 um 18:00 Uhr.