Unterstützer von "Fridays for Future" in Hamburg. | dpa

Demonstrationen für Klimaschutz "Fridays for Future" ist zurück

Stand: 25.09.2020 18:18 Uhr

Viele tausend Menschen sind in ganz Deutschland für mehr Klimaschutz auf die Straße gegangen - nach langer, coronabedingter Pause mit Maske und Abstand. Ihr Anliegen hält die Bewegung für dringlicher als je.

Erstmals seit vielen Monaten haben die Unterstützer der "Fridays for Future"-Bewegung ihren Protest für eine entschlossenere Klimapolitik wieder in großem Stil auf die Straße getragen. Deutschlandweit beteiligten sich Tausende an Demonstrationen in vielen Städten. Alleine in Berlin schätzte die Polizei die Zahl der Teilnehmer auf rund 8000, die Veranstalter sprachen von 21.000. In Hamburg versammelten sich laut Polizei etwa 6200 Menschen. Auch in Dresden, Frankfurt, Köln, Bremen, Bonn und Göttingen schlossen sich jeweils Tausende den Protestzügen an. Weltweit waren laut "Fridays for Future" rund 2500 Kundgebungen geplant.

"Wir sind da, aber sowas von", sagte die Aktivistin Luisa Neubauer bei einer Mahnwache vor dem Brandenburger Tor in Berlin. "Wir alle sind ein Grund zur Hoffnung. Macht euch gefasst: Wir kommen!" Die Bewegung wirft der Bundesregierung unzureichende Anstrengungen im Kampf gegen den Klimawandel vor. So sei die vom Kabinett auf den Weg gebrachte Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes nicht vereinbar mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens, kritisierte Neubauer.

Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf sagte vor Demonstranten in Berlin, die Corona-Krise sei sehr groß, die Klima-Krise jedoch viel dramatischer. Sie werde die Erde noch über Jahrtausende belasten. Selbst wenn sich der Kohlendioxidausstoß auf null reduzieren lassen sollte, werde die nächste in rund 50.000 Jahren fällige Eiszeit wegen des hohen CO2-Gehalts in der Atmosphäre ausfallen, so der Experte vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

"Wir sind jung und brauchen die Welt"

In Hamburg zogen zeitgleich drei Demonstrationszüge durch die Stadt. Auf Transparenten standen Parolen wie "Ärztliche Schweigepflicht gilt für die Umwelt nicht" oder "Wir sind jung und brauchen die Welt".

Wissenschaftler der deutschen Neumayer-Forschungsstation in der Antarktis berichteten den Teilnehmern der Kundgebung in Bremen per Audio-Botschaft von dramatischen Klimaveränderungen. Diese seien "sehr deutlich" zu spüren, vor allem auf der westantarktischen Halbinsel. Durch die Gletscherschmelze steige der Meeresspiegel.

Die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg, die 2018 die Proteste angestoßen hatte, beteiligte sich an einer Kundgebung in Stockholm. "Wir müssen die Klimakrise wie eine Krise behandeln, so einfach ist das", sagte 17-Jährige. Ziel sei es, "den Druck auf die Machthaber zu verstärken, damit sich die Dinge ändern". Thunberg trug wegen der Pandemie einen Mund-Nasen-Schutz.

Die Veranstalter riefen Teilnehmer der Demonstrationen immer wieder dazu auf, zur Verringerung des Infektionsrisikos Abstände einzuhalten. In den vergangenen Monaten hatte "Fridays for Future" ihren Protest wegen der Corona-Krise überwiegend ins Internet verlegt. Die Kundgebung in München war wegen der hohen Infektionszahlen abgesagt worden.

Altmaier: Menschen wollen Wohlstand

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sagte im Deutschlandfunk, es sei richtig, dass die jungen Menschen ihre Überzeugung zum Ausdruck brächten: "Die Erderwärmung macht keine Pause." Ein schnellerer und besserer Klimaschutz müsse aber mit wirtschaftlichem Erfolg einhergehen, so der Minister. "Die Menschen in der ganzen Welt wollen Wohlstand, und wir müssen zeigen, wie man Wohlstand mit Klimaschutz verbinden kann."

Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) verwies darauf, dass der Klimaschutz trotz Corona-Krise auf der Tagesordnung geblieben und sogar gestärkt worden sei. Er spiele "eine zentrale Rolle im Corona-Konjunkturpaket der Bundesregierung, etwa mit einer noch stärkeren Förderung für den Umstieg vom Verbrenner auf Elektroantriebe".

Die Unterstützer von "Fridays for Future" fordern, den Ausstieg aus der Nutzung von Kohle und Öl zu beschleunigen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Dafür wäre aus Sicht von Wissenschaftlern ein radikales Umsteuern nötig. In Deutschland ist nach Daten des Deutschen Wetterdienstes das aktuelle Jahrzehnt rund 1,9 Grad wärmer als die ersten Jahrzehnte der Aufzeichnungen ab 1881. Weltweit wird der Anstieg der Temperatur mit 1,1 Grad beziffert.

Grünen-Chef Robert Habeck lobte das Engagement der Klima-Aktivisten. "Der Tag heute ist nochmal ein Signal, dass die tiefe Erkenntnis in der Gesellschaft da ist, dass sich Politik ändern muss", sagte Habeck.

Vor der Corona-Pandemie hatten die Demonstrationen für den Klimaschutz regelmäßig sechsstellige Teilnehmerzahlen in Deutschland erreicht. Anlässlich des Klimagipfels der Vereinten Nationen im September 2019 beteiligten sich laut "Fridays for Future" 1,4 Millionen Menschen.

Über dieses Thema berichtete am 25. September 2020 Inforadio um 09:22 Uhr und die tagesschau um 14:00 Uhr.