Interview

Benjamin Ferencz | Bildquelle: picture alliance / dpa

Chefankläger der Nürnberger Prozesse "Sie bereuten nichts"

Stand: 20.11.2020 16:07 Uhr

Benjamin Ferencz ist der letzte lebende Chefankläger der Nürnberger Prozesse. Im Interview mit den tagesthemen spricht der 100-Jährige über Menschen, die zu Massenmördern wurden, über Gerechtigkeit und den heutigen Antisemitismus.

tagesthemen: In Nürnberg haben Sie 22 Angehörige der SS vor Gericht gestellt. Was war das für ein Gefühl, diesen Angeklagten gegenüberzustehen, angesichts des Grauens, das Sie bei der Befreiung von Konzentrationslagern wie Buchenwald mit eigenen Augen gesehen hatten?

Benjamin Ferencz: Es war furchtbar. Ich habe auch nicht wirklich die Angeklagten gesehen. Diese waren ja noch nicht angeklagt, als ich nach Buchenwald und in die anderen Lager kam. Vielmehr sah ich immer noch die Leichen, die dort auf dem Boden gelegen hatten. Die Krematorien, die noch liefen. Die toten Körper, die aufeinandergestapelt waren wie Brennholz. Menschen, die auf allen Vieren im Dreck nach einem Stück Brot suchten. Menschen, die am Verhungern waren. Das waren die Bilder, die ich vor Augen hatte. 

Die einzelnen Angeklagten sah ich damals nicht. Ich hatte sie ja ausgesucht, aus 3000 Mitgliedern der SS, deren Aufgabe es gewesen war, alle Juden zu töten. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu entscheiden, welche dieser 3000 Männer ich vor Gericht stellen würde.

Interview mit Benjamin Ferencz / Originalfassung / Englisch
tagesthemen 21:45 Uhr, 20.11.2020

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tagesthemen: Wie haben Sie letztendlich entschieden, wen Sie anklagen würden?

Ferencz: Zum einen auf der Grundlage ihres Dienstgrads. Es waren beispielsweise einige SS-Generäle darunter. Ein weiteres Auswahlkriterium war ihr Bildungsgrad. Es sollten Menschen sein, die in der Lage waren zu verstehen, was sie tun. Einige von ihnen hatten einen Doktortitel, manche sogar zwei. Letztlich habe ich 22 ausgesucht. Das war auch die Zahl der Angeklagten im Hauptkriegsverbrecherprozess des Internationalen Militärgerichts. Die Zahl war also begrenzt.

Natürlich habe ich mich gefragt, wie bei 22 Angeklagten überhaupt Gerechtigkeit walten kann. Diese Menschen hatten kaltblütig über eine Million Männer, Frauen und Kinder ermordet. Ich beschloss dann, dass es nicht um perfekte Gerechtigkeit gehen kann, sondern dass es um Rechtsstaatlichkeit gehen muss. Rechtsstaatlichkeit, die alle Menschen vor solchen Gräueltaten schützt und ihr Recht auf ein Leben in Frieden und Würde gewährleistet.

Benjamin Ferencz | Bildquelle: picture alliance / Everett Colle
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Benjamin Ferencz im Nürnberger Einsatzgruppenprozess (1947/48): "Ich beschloss, dass es nicht um perfekte Gerechtigkeit gehen kann, sondern dass es um Rechtsstaatlichkeit gehen muss", sagt er heute.

tagesthemen: So wichtig diese Verfahren mit den 22 Angeklagten auch waren, hat es Sie nicht doch umgetrieben, dass andere schuldige Deutsche nach dem Krieg zu Tausenden einfach unbehelligt ein normales Leben führen konnten?

Ferencz: Nein, das hat mich nicht umgetrieben. Wir sind nie davon ausgegangen, dass wir alle zur Rechenschaft würden ziehen können, die Verbrechen begangen hatten. Hätten wir das versucht, würde ich mit meinen 101 Jahren heute noch in Nürnberg sitzen. Wir mussten ein paar der Anführer aussuchen. Außerdem mussten diese ja bereits in Gefangenschaft sein, und es mussten Beweise für ihre Taten vorliegen, bevor man Anklage erheben konnte.

tagesthemen: Ging es dann vielleicht auch eher darum, ein Exempel vor den Augen der Welt zu statuieren, statt jeden der gerechten Strafe zuzuführen?

Ferencz: Ja, weil es gar nicht möglich gewesen wäre, alle ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Das war mir auch von Anfang an klar. Es ging mir darum, zukünftigen Generationen eine Botschaft mitzugeben, die verhindert, dass sich ein solches Morden noch einmal wiederholen würde.

tagesthemen: Spielte Rache jemals eine Rolle?

Ferencz: Nein. Schon in meinem Eröffnungsplädoyer habe ich klar gemacht, dass es nicht um Rache geht. Weder um Rache noch um Vergeltung. Es ging um ein Anrufen des Rechts durch die Menschlichkeit. Es ging mir darum, die gesamte Menschheit mit den Mitteln der Justiz zu schützen.

tagesthemen: Welchen Eindruck hatten Sie von den Angeklagten? Kann man von der Banalität des Bösen sprechen?

Ferencz: Ich glaube nicht, dass man die Worte "banal" und "böse" zusammen gebrauchen kann. Was mir wichtig erscheint, ist aber, dass keiner der Angeklagten irgendeine Reue zeigte. Sie bereuten nichts von dem, was sie getan hatten. Sie hielten ihre Taten vielmehr für Akte des Patriotismus. Hitler hatte gesagt, die Russen seien auf dem Vormarsch, also mussten sie ihr Land verteidigen. Nichts anderes hatten sie getan.

So gab es keine Reue, kein Bedauern und auch keinerlei Schuldgefühl. Auch nicht angesichts der Morde an Tausenden von Kindern, die eins nach dem anderen erschossen wurden, nur weil sie Juden waren oder jüdische Eltern hatten.

Benjamin Ferencz | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Ferencz im Jahr 2010: Immer wieder setzte er sich für den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ein.

tagesthemen: Glauben Sie, dass diese Menschen in ihrem Innersten böse waren, oder spielten auch die Umstände eine Rolle?

Ferencz: Ganz im Gegenteil. Sie waren nicht im Innersten böse. Um eben genau dies auszuschließen, hatte ich Menschen ausgesucht, die sehr gebildet waren. Ihre Verbrechen hatten aber einen Grad von Unmenschlichkeit, dass man sich nicht vorstellen kann, dass Menschen überhaupt dazu fähig sind. Dass man etwa ein Baby mit dem Kopf gegen einen Baum schlägt, um es zu töten. Auch sie selbst hielten sich nicht für böse. Sie waren überzeugt, ihrem Land zu dienen. Ich habe gelernt, dass jeder Krieg dazu führen kann, dass eigentlich anständige Menschen sich in Massenmörder verwandeln.

tagesthemen: Sie waren erst 27 Jahre alt, als man sie zum Chefankläger in Nürnberg ernannte. Sie hatten noch nie zuvor ein Verfahren geführt. Woraus zogen Sie Ihr Selbstvertrauen?

Ferencz: Mir war die enorme Bedeutung damals gar nicht bewusst. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mit 101 Jahren noch dazu befragt werden würde. Aber ich hatte großes Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten. Ich hatte ein Stipendium für ein Jurastudium in Harvard bekommen. Ich war einer der besten Absolventen in Strafrecht. Ich war in einer Gegend aufgewachsen, in der Kriminalität an der Tagesordnung war. Ich kannte mich also mit Kriminalität und Kriminellen bestens aus.

Außerdem war die Schuld der Angeklagten zweifelsfrei bewiesen. In ihren eigenen beeidigten Berichten an ihre Vorgesetzten hatten sie selbst dokumentiert, wann sie wo und warum wie viele Juden umgebracht hatten.

Ich musste nicht einen einzigen Zeugen laden. Ich war mir also sehr sicher, dass es in allen Fällen zu einer Verurteilung kommen würde. Und am Ende wurden alle verurteilt. Nach nur zwei Tagen. Ich hatte alle Beweise und ich war mir meiner Sache sehr sicher. Ich hoffe, dass das auch im Verfahren deutlich wurde.

Benjamin Ferencz | Bildquelle: picture alliance / Everett Colle
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Ferencz wurde im Alter von 27 Jahren Chefankläger: Heute sagt er: "Mir war die enorme Bedeutung damals gar nicht bewusst."

tagesthemen: Der Antisemitismus in Deutschland nimmt wieder zu. Vor einem Jahr gab es den Anschlag auf die Synagoge in Halle. Was löst das in Ihnen aus?

Ferencz: Nun, es zeigt mir, dass wir noch eine Wegstrecke vor uns haben. Und nicht nur was Angriffe gegen Synagogen betrifft. Während damals unsere Verfahren liefen, wurden noch Synagogen mit Hakenkreuzen beschmiert. Wie ich auch schon damals gesagt habe, geht es darum, dass wir das Recht aller Menschen auf ein Leben in Frieden und Würde anerkennen, unabhängig von ihrem Glauben oder etwa ihrer Hautfarbe.

Die Juden wurden ja getötet, weil sie einen anderen Glauben hatten als ihre Mörder. Das war grausam. Aber dieses Denken gibt es immer noch. Und wir dürfen auch keine Perfektion erwarten. Es wird immer Menschen mit anderen Meinungen geben, und das ist auch ihr gutes Recht. Es ist aber auch mein gutes Recht, diese nicht zu teilen. Wenn sie kriminell werden, müssen sie bestraft werden, um andere davon abzuhalten, es ihnen gleichzutun.

Benjamin Ferencz

Benjamin Ferencz wurde im März 100 Jahre alt und ist der letzte noch lebende Chefankläger der Nürnberger Prozesse. Er wurde im Alter von 27 Jahren Chefankläger in einem der zwölf sogenannten Nachfolgeprozesse. Von 1946 bis 1949 wurden dort die Verfahren gegen die Hauptkriegsverbrecher wie Hermann Göring und Rudolf Heß geführt. Als US-Soldat war er bei der Befreiung mehrerer Konzentrationslager dabei.

tagesthemen: Darum geht es ja auch bei einer Institution, um deren Einrichtung Sie sich sehr bemüht haben - den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Wie kann man sicherstellen, dass der Strafgerichtshof nicht nur ein Feigenblatt für die Staatengemeinschaft ist.

Ferencz: Nun. Er ist viel mehr als nur ein Feigenblatt. Jedes Mal, wenn man jemanden für ein Verbrechen ins Gefängnis steckt, hat das eine abschreckende Wirkung auf andere, die vielleicht versucht sind, ähnliche Verbrechen zu begehen. Man kann die Bedeutung und Wirkung des Gerichtshofs also nicht an der geringen Anzahl der Fälle bemessen. Die Wirkung ergibt sich vielmehr aus der Botschaft, die in die Welt geschickt wird und aus der Unterstützung, die die Gerichte erhalten. Leider haben die Vereinigten Staaten unter dem nun scheidenden Präsidenten beschlossen, dem Internationalen Strafgerichtshof den Garaus zu machen.

Wenn der Gerichtshof versucht, Amerikaner vor Gericht zu stellen, so wurde ihm mitgeteilt, dann würden die Pässe der Mitarbeiter des Gerichtshofs eingezogen und ihre Konten eingefroren. Das war einfach grauenhaft. Ich und andere hatten 40 Jahre gearbeitet, um diesen Gerichtshof ins Leben zu rufen. Und nun, da wir ihn haben, wollen uns die Vereinigten Staaten den Boden unter den Füßen wegziehen. Ich hoffe, dass sich dies unter der neuen Regierung wieder ändern wird.

Nürnberger Prozesse: Blick in den Gerichtssaal während der Eröffnung des Hauptkriegsverbrecherprozesses am 20. November 1945 | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Eröffnung des Hauptkriegsverbrecherprozesses am 20. November 1945: Es war das erste internationale Strafverfahren der Geschichte.

tagesthemen: Was wäre Ihre Botschaft an zukünftige Generationen?

Ferencz: Meine Botschaft an zukünftige Generationen lautet: Lasst die Waffen schweigen und verschafft dem Recht Gehör. Und für den Weg dorthin, würde ich ihnen noch drei weitere Botschaften mitgeben: Gebt niemals auf! Gebt niemals auf! Gebt niemals auf!

Das Gespräch führte Ingo Zamperoni, tagesthemen.

Das Interview wurde für die Textfassung übersetzt, redigiert und gekürzt, das Gespräch in ganzer Länge und Originalsprache ist im Video zu sehen.

Dieser Beitrag läuft am 20. November 2020 um 21:45 Uhr in den tagesthemen.

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