Hendrik Wüst auf dem Landesparteitag der CDU Nordrhein-Westfalen. | dpa
Analyse

Wüst ist NRW-Regierungschef Der "Macher" muss schnell machen

Stand: 27.10.2021 14:20 Uhr

Armin Laschet ist Geschichte, die CDU in NRW feiert Hendrik Wüst als Hoffnungsträger. Nun ist er zum Ministerpräsidenten gewählt worden. Bis zur Landtagswahl bleiben ihm allerdings nur wenige Monate Zeit.

Eine Analyse von Arne Hell, WDR

Hendrik Wüst war einmal das, was man einen politischen Senkrechtstarter nennt. Mit 15 gründete er einen Ortsverein der Jungen Union in seiner Heimat im Münsterland. Mit Mitte 20 wurde er der Landeschef der Nachwuchsorganisation. Mit Anfang 30 dann Generalsekretär der Landes-CDU unter dem damaligen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers.

Arne Hell

Da erscheint es fast logisch, dass er jetzt selbst zum Regierungschef in Nordrhein-Westfalen aufsteigt. Allerdings verlief der Weg dahin nicht gradlinig. Wüsts politische Karriere wäre zwischendurch fast schon vorbei gewesen. 2010 musste er zurücktreten, wegen einer Affäre rund um buchbare Sponsorentermine, bis heute bekannt als "Rent a Rüttgers". Kurz danach verlor die CDU die Landtagswahl in NRW.

Viele in der Partei haben ihm das übel genommen, genau wie den damals schneidigen, oft ruppigen Tonfall. Wüst, heute 46 Jahre alt, musste nach und nach Vertrauen zurückgewinnen. "Viele von Euch haben mich hier erwachsen werden sehen", erinnerte er sich am vergangenen Wochenende beim CDU-Parteitag in Bielefeld demütig, "und auch straucheln sehen." Die Botschaft: Ich habe meine Lektion gelernt.

Kein öffentlicher Streit

Tatsächlich war das in den vergangenen Woche gut zu beobachten. Öffentlich erhob er kein einziges Mal Anspruch auf die Nachfolge Armin Laschets. Stattdessen betonte er den Teamgedanken in der CDU und setzte alles daran, öffentlichen Streit zu vermeiden. Über den Wahlverlierer Laschet verlor er kein böses Wort. Ganz bewusst auch im Kontrast zu den Querelen der Union im Bund. "Wir haben die Bundestagswahl verloren, aber wir dürfen nicht noch Anstand, Benehmen und Haltung verlieren", sagte er auf dem Landesparteitag,

Seine Partei hat das belohnt. Mehr als 98 Prozent der Landesdelegierten wählten ihn zum CDU-Chef in NRW. Obwohl er die vergangenen Jahre oberster Vertreter des Wirtschaftsflügels der CDU war, loben ihn auch die führenden Köpfe des Arbeitnehmerlagers als "Mann des Ausgleichs". Seine Widersacher haben still gehalten und sich eingereiht, darunter auch NRW-Innenminister Herbert Reul, der jetzt einer der Stellvertreter Wüsts in der Partei ist. Geschlossene Reihen brauchte Wüst auch bei der heutigen Abstimmung im Landtag: Die schwarz-gelbe Koalition hat lediglich eine Stimme Mehrheit.

Laschet nennt ihn einen "Macher"

"Lust auf Regieren" habe er, sagt Wüst. Seit 2017 sitzt er schon in der Landesregierung, als Verkehrsminister. Und auch, wenn die Bilanz nicht überall glänzt, hat er doch Erfolge vorzuweisen. Er holte deutlich mehr Bundesmittel für Straßen und Schienen ins Land als seine Vorgänger. Die Ausgaben für den Bahnverkehr und für Radwege konnte er so deutlich erhöhen. Er mag effiziente, pragmatische Lösungen. Laschet nennt ihn einen "Macher".

Die Herausforderungen, die jetzt auf ihn warten, sind allerdings gewaltig. Im Mai 2022 wird in NRW gewählt. Die CDU liegt in den Umfragen deutlich zurück. Die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei und Teile Nordrhein-Westfalens leiden stark unter den Folgen der Flutkatastrophe vom Juli. Der Wiederaufbau ist Ländersache. Beim Verteilen der Hilfsmilliarden kann viel schiefgehen. Die zuständige Ministerin Ina Scharrenbach gehört auch zur CDU-Spitze.

Klima, Wohnen, Bildung

Außerdem muss Wüst deutlich machen, wie er die großen Probleme des Landes angehen will. Die Klima-Krise nannte er die "größte Herausforderung unserer Zeit" - mit dem Zusatz, dass man beim Weg in die Klimaneutralität den eigenen Wohlstand nicht gefährden dürfe, denn: "Sonst macht uns das in der Welt niemand nach." Doch NRW hat hier großen Nachholbedarf. Gerade einmal gut 17 Prozent des Stroms wird im Land aus erneuerbaren Energien produziert. Trotzdem hat es die schwarz-gelbe Landesregierung erschwert, neue Windräder zu bauen.

Wüst hat auch Lösungen angekündigt für Probleme, bei denen auf die CDU in den Augen vieler Wählerinnen und Wähler bisher kein Verlass war. Zum Beispiel für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen oder für bessere Bildungschancen für Kinder. "Neue Antworten" müsse die CDU hier geben, findet Wüst. Vor allem, um in der politischen Mitte wieder zu gewinnen - also dort, wo man bei der Bundestagswahl besonders stark an SPD und Grüne verloren hat. Einen "Rechtsruck", den sich einige in der Union wünschen, wird es mit Wüst nicht geben.

Staatstragend statt flapsig

Und schließlich muss der 46-Jährige an seinem Auftreten arbeiten und seine Rolle finden. Von seinem Naturell her ist er gerne mal flapsig, manche beschreiben ihn auch als gockelhaft. All das versucht er gerade zu vermeiden und stattdessen staatstragend aufzutreten. Das kann schnell künstlich wirken. Wüst hat bei Laschet erlebt, was passiert, wenn die Menschen jemandem eine Rolle nicht abnehmen.

Hat Wüst Erfolg, dann hat er alle Chancen, die Landtagswahl für die CDU in sieben Monaten zu gewinnen. Er weiß, dass die aktuellen Umfragewerte noch vom verkorksten Bundestagswahlkampf überlagert sind. Scheitert Wüst aber an den Herausforderungen, dann dürfte er als der Ministerpräsident mit der kürzesten Amtszeit in die Geschichte Nordrhein-Westfalens eingehen.

Über dieses Thema berichtete B24 aktuell am 27. Oktober 2021 um 13:06 Uhr.