Eine Frau zieht in Frankfurt am Main an einem Fahrschein-Automaten ein 9-Euro-Ticket | dpa

Maßnahme bis Ende August Was kommt nach dem 9-Euro-Ticket?

Stand: 09.07.2022 14:26 Uhr

Verkehrsminister Wissing lobt den Erfolg des 9-Euro-Tickets - und wirbt für bundesweit gültige Nahverkehrstickets. Doch wie genau kann es nach August weitergehen? Darüber gehen die Meinungen auseinander.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Es war der unumstrittene Lieblingssatz des Bundesverkehrsministers: "Im Herzen der Menschen in Deutschland hat dieses Ticket bereits jetzt einen festen Platz", wiederholte Volker Wissing bereits zum Start des 9-Euro-Tickets Anfang Juni bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Heute klingt das beim FDP-Politiker sogar noch eine Spur euphorischer: Einen "fulminanten Erfolg" nennt Wissing die Ampel-Idee mit dem Billig-Ticket für drei Monate: Man habe spürbar weniger Verkehr auf den Straßen und deutlich weniger Staus. Ganz ähnlich hört sich das bei der Grünen-Politikerin Nyke Slawik an: "Das 9-Euro-Ticket ist schon jetzt ein Highlight unserer Ampel-Koalition."

Linke fordert Verlängerung

Dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) zufolge haben mit Stand Ende Juni bundesweit zehn Millionen Abonnenten und rund 21 Millionen weitere Kunden das 9-Euro-Ticket erworben. Nur wie soll es Ende August weitergehen? Und wie verhindert werden, dass das Highlight schnell wieder verglüht?

Die Linke fordert, das 9-Euro-Ticket zunächst bis Ende des Jahres zu verlängern. Und dann dauerhaft günstige Preise für Bus und Bahn: "Das sollte zunächst das 1-Euro-Ticket sein, nämlich 1 Euro am Tag. Als Linke fordern wir zudem, dass die Nutzung von Bussen und Bahnen mittelfristig zum Nulltarif möglich ist." Das sagte Linken-Chefin Janine Wissler im Bundestag.

Das sind sehr konkrete, wenn auch teure Vorstellungen, die man bei den Sozialdemokraten "realitätsfern" nennt. Die verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bundestag, Dorothee Martin, sieht den großen Vorteil des 9-Euro-Tickets vielmehr in seiner Einfachheit: "Also quasi Einsteigen, Fahren, Aussteigen - und gut is."

Erst auswerten, dann mögliche Anschlusslösung

In eine ähnliche Richtung scheinen auch Überlegungen von Verkehrsminister Wissing zu gehen, wenn er laut über die Nach-9-Euro-Ticket-Phase nachdenkt. Wissing geht es vor allem darum, den in Deutschland herrschenden Tarifdschungel, wie er ihn nennt, zu beenden. "Wenn die komplizierten Tarifzonen verschwinden und die Tickets bundesweit gelten, wird der öffentliche Nahverkehr sehr viel stärker genutzt", sagte der FDP-Politiker der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Ob es auch nach Auslaufen des 9-Euro-Tickets Ende August preisgünstige Angebote für Bus und Bahn geben wird, ließ Wissing offen. Nun werde zunächst alles ausgewertet, ab Herbst werde man die nötigen Schlüsse ziehen. "Lassen Sie uns den Sommer nutzen, eine Anschlusslösung für das 9-Euro-Ticket zu finden", mahnt die Grünen-Politikerin Slawyk.

Union verweist auf Landbevölkerung

Aber wie könnte die aussehen? Wie kann es gelingen, die im Wortsinn "Zugestiegenen" bei Bus und Bahn nicht wieder zu vergraulen? Die FDP hat so gut wie ausgeschlossen, dass das 9-Euro-Ticket verlängert wird. Das wäre viel zu teuer.

Bei der Union ist man ohnehin skeptisch: Der schlecht angebundenen Landbevölkerung würden Billigtarife ohnehin nichts nützen, kritisiert der Reutlinger CDU-Bundestags-Abgeordnete Michael Donth, bei ihm auf der Alb halte sich die Begeisterung für das Ticket in Grenzen: "Denn völlig überraschend fährt auch dort für 9 Euro im Monat kein einziger Bus mehr."

Die vernachlässigte Landbevölkerung, der gewaltige Nachholbedarf beim Ausbau des Schienennetzes - es gibt also viel zu bedenken, wenn sich die Ampel im Sommer Gedanken über die Zeit nach dem 9-Euro-Ticket macht. Und über die Frage, wie man verhindern könne, dass es seinen "festen Platz in den Herzen der Menschen" - wie Wissing es ausdrückte - allzu schnell wieder verlässt. 

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 09. Juli 2022 um 13:11 Uhr.