Norbert Röttgen | REUTERS
Porträt

Norbert Röttgen Plötzlich Mitfavorit

Stand: 15.01.2021 13:04 Uhr

Seine CDU-Karriere war voller Höhen und Tiefen. Im Kampf um den Parteivorsitz galt Norbert Röttgen auch deshalb lange nur als Außenseiter. Doch inzwischen scheint alles möglich.

Anja Günther ARD-Hauptstadtstudio

Von Anja Günther, ARD-Hauptstadtstudio

Als CDU-Außenexperte ist Norbert Röttgen derzeit sehr gefragt. Doch auch wenn der 55-Jährige profiliert und leidenschaftlich über die außenpolitischen Krisen dieser Welt spricht: Röttgen will mehr als "nur" Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag sein. Er will wieder in der ersten Reihe stehen.

Als CDU-Bundesvorsitzender stünde er genau dort. Für viele überraschend hatte Röttgen am 18. Februar 2020 als erster offizieller Bewerber seinen Hut für die Nachfolge von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer in den Ring geworfen. Zu seiner Motivation sagte er damals: "Es geht um die Zukunft der CDU. Und es geht um die christlich-demokratische Idee von der Zukunft unseres Landes. Und darum kandidiere ich."

Die Schmach bei der Landtagswahl

Röttgen kennt die CDU in und auswendig. Seit 1982 ist der Jurist Parteimitglied, sitzt seit 1994 ununterbrochen im Bundestag, war von 2009 bis 2012 Bundesumweltminister im zweiten Kabinett Merkel. Doch seine Ministerkarriere endete abrupt.

Ursache war der Ausgang der Landtagswahl 2012 in Nordrhein-Westfalen, die Röttgen als CDU-Spitzenkandidat krachend verlor. Eine Schmach nicht nur für ihn selbst und die gesamte NRW-CDU, sondern auch für die CDU im Bund. Hauptursache aber war Röttgens Umgang mit der Wahlniederlage. Statt Oppositionsführer in NRW zu werden, blieb er in Berlin. Entsprechend verärgert war Bundeskanzlerin Angela Merkel; Röttgen verlor sein Amt als Bundesumweltminister. Kühl kanzelte Merkel damit auch einen CDU-Hoffnungsträger ab.

"Ich habe aus meinen Fehlern gelernt"

Die Schmach der Entlassung aus dem Bundeskabinett und zudem das Manko, nie eine Wahl gewonnen zu haben, gehören seitdem zu Röttgens Biografie. Besonders einer erinnert ihn gern an die Schlappe in NRW: Armin Laschet, der Röttgen 2010 im Kampf um den CDU-Parteivorsitz in Nordrhein-Westfalen unterlegen war. Röttgen aber scheint - anders als beispielsweise Friedrich Merz, der seine Entmachtung als Unions-Fraktionschef 2002 nie wirklich verwunden hat - mit sich im Reinen: "Ich habe aus meinen Fehlern gelernt", sagt er heute oft, wenn er auf 2012 angesprochen wird.

Vom Außenexperten zum Mitfavoriten

Seit gut sechs Jahren ist Röttgen nunmehr Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag. Er gilt als akribischer Arbeiter, als zupackend, dynamisch und eloquent. Seine Expertise ist gefragt, seine Medienpräsenz groß. Möglicherweise hat auch das dazu beigetragen, das Röttgen, der im Kampf um den CDU-Vorsitz lange Zeit als Außenseiter galt, zuletzt aufgeholt hat.

Im ARD-Deutschlandtrend vom Januar 2021 liegt Merz bei den CDU-Anhängern zwar weiter knapp vorn. Röttgen und Laschet aber folgen gleichauf. Es habe in den vergangenen Monaten viel Dynamik gegeben, sagt Röttgen dazu. Und: Er sei zuversichtlich, es habe sich etwas bewegt. Wobei natürlich auch Röttgen weiß: Es entscheiden nicht CDU-Anhänger über den neuen Parteichef, sondern Parteitagsdelegierte.

Im Wettbewerb um die CDU-Spitze versuchte Röttgen von Anfang an, sich als Alternative zum liberalen Laschet einerseits und zum konservativen Merz andererseits zu profilieren: "Ich bin kein Lager. Ich stehe für alle. Und ich glaube auch, dass diejenigen, die mich nicht wählen werden, wenn ich gewählt werde mit mir leben können und mich akzeptieren."

Röttgen will die CDU erneuern

Röttgen will in der Nach-Merkel-Ära kein "Weiter so" der CDU. Er will auch die alten Zeiten nicht zurück. Er will etwas, das der CDU seit jeher eher schwerfällt: die Partei modernisieren, neue Antworten geben, Klima- und Wirtschaftspolitik beispielsweise stärker zusammen denken. Und er will, dass sich die Partei verändert: "Wir müssen weiblicher werden, wir müssen jünger werden, digitaler werden."

Keine Egoismen?

Was Röttgen auch verspricht: keine Egoismen, er sei ein Mannschaftsspieler. Keine Egoismen - auch, wenn es im Frühjahr um die Frage der Unions-Kanzlerkandidatur gehen wird? Röttgen war der erste der drei Vorsitzkandidaten, der betonte, dass es für die Union mit Blick auf die Bundestagswahl um die Bestaufstellung gehen müsse: "Wenn ich CDU-Vorsitzender werde, werde ich mit CSU-Chef Markus Söder zu gegebener Zeit die Bestaufstellung beraten und vorschlagen."

Am Wochenende aber steht erstmal die Wahl des CDU-Vorsitzenden an. Alles scheint möglich, Röttgen könnte ein Überraschungssieg gelingen. Es wäre Genugtuung für einen Mann, dessen politische Karriere ein Auf und Ab war, die aber bisher nie nach ganz oben führte.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 15. Januar 2021 um 12:40 Uhr.