Vor einem Restaurant steht ein Schild mit einem Hinweis auf die 2G-Plus-Regel. | dpa
FAQ

Corona-Beschränkungen Was für Lockerungen spricht - und was nicht

Stand: 02.02.2022 18:32 Uhr

Die Omikron-Welle hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht, dennoch nehmen Rufe nach Lockerungen oder zumindest einer Exitstrategie zu. Zu früh? Was spricht dafür, was dagegen - und warum Dänemark voraus ist.

Die Ausgangslage

Wenn man auf die nackten Corona-Zahlen schaut, erscheinen die Rufe nach Lockerungen der Schutzmaßnahmen paradox. Die Inzidenzen und täglichen Neuinfektionen erreichen täglich neue Höchstwerte, die Corona-App zeigt bei immer mehr Menschen die Warnstufe rot, an den Schulen kann von Regelunterricht angesichts immer mehr Quarantäne- und Ansteckungsfällen kaum mehr die Rede sein und niemand kann vorhersehen, was der neue Omikron-Subtyp BA.2 für Auswirkungen hat.

Wenn man seinen Blick aber von den nackten Zahlen in Deutschland abwendet und über die Grenze schaut, sieht man: Nachbarland Dänemark hebt alle Corona-Beschränkungen auf, Frankreich lockert die Maßnahmen, Großbritannien, Österreich und die Niederlande ebenfalls. Ungeachtet weiter sehr hoher Infektionszahlen und Inzidenzen. Sie begründen die Öffnungen mit den in der Regel milden Krankheitsverläufen und hohen Impfquoten.

Was rät die Wissenschaft?

Manche können der Diskussion Positives abgewinnen, sehen aber auch Risiken. "Eine Exit-Strategie zu planen, um sie später bereitliegen zu haben, ist gut und vernünftig. Aber die Politik sollte nichts überstürzen", sagte der Virologe Friedemann Weber von der Universität Gießen. "Wenn man solche Pläne vorbereitet, muss man den Menschen auch immer klar dazu sagen, dass es noch zu nicht absehbaren Entwicklungen kommen könnte, die die Umsetzung verzögern."

Kritik kommt von Max Geraedts, der das Institut für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie an der Philipps-Universität Marburg leitet. Die Diskussion sende "viel zu früh" die Botschaft, dass die Pandemie schon vorbei sei. "Stattdessen werden wir in den nächsten Wochen an vielen Stellen erleben, dass Personal in allen Branchen entweder isoliert oder in Quarantäne ist, so dass es zu Einschränkungen des Alltags kommt."

Es sei noch keine Zeit für eine Entwarnung in Deutschland, findet auch der Virologe Christian Drosten, der zum Corona-Expertenrat der Bundesregierung gehört. Im NDR-Podcast "Coronavirus-Update" verwies der Wissenschaftler von der Berliner Charité auf den zähen Impffortschritt in Deutschland im Vergleich zu Dänemark. Pessimistisch schaut aber auch er nicht ins Jahr: Er sehe in den Osterferien eine zeitliche Schwelle und einen "Planungshorizont" für die Entspannung der Corona-Lage. Auch die dann wieder wärmeren Temperaturen dürften sich auf die Inzidenzen auswirken.

Wie ist die Skepsis zu begründen?

Allen voran verweisen Expertinnen und Experten auf die vergleichsweise große Impflücke in Deutschland - insbesondere bei Menschen ab 60 Jahren. So begründet auch Drosten seine Zurückhaltung. "Es gibt eine Sache, die sich erstmal nicht verändert hat. Das ist die Impflücke in Deutschland. Da kommen wir nicht so richtig vorwärts." Zuletzt sei die Impfrate sogar wieder gesunken.

Zudem seien immer viele Fragen rund um die Omikron-Variante offen, sagt Virologe Weber. "Daher rate ich zu Vorsicht." Die Infektiologin Jana Schroeder argumentiert mit der derzeitigen Lage: "Wir stehen vor einem weiteren Anwachsen der Infektionswelle. Je nach weiterer Entwicklung könnten möglicherweise sogar erst einmal weitere Einschränkungen sinnvoll sein." Sie verwies zum Beispiel auf Long Covid, Folgen möglicher wiederholter Infektionen und die begrenzten Therapieoptionen.

Könnte noch eine Überlastung des Gesundheitssystems drohen?

Derzeit ist die Lage auf den Intensivstationen relativ stabil. Dennoch halten Experten eine Verschärfung der Lage weiterhin für möglich. Virologin Schroeder verwies auf die noch etwa drei Millionen ungeimpften Senioren, die schwer erkranken könnten. "Das ist letztlich ein Problem für uns alle, weil im Fall einer Überlastung des Gesundheitssystems auch der Infarkt oder Schlaganfall, der ja jeden treffen kann, weniger gut versorgt werden kann." Nicht nur die stationäre, auch die ambulante Versorgung könne überlastet werden, warnte Schroeder - durch eine zu hohe gleichzeitige Patientenzahl oder durch große Personalausfälle.

Bisher grassiert Omikron besonders stark unter Kindern und Jugendlichen im Alter von 5 bis 14 Jahren und deutlich weniger bei Menschen ab 60 Jahren. Erwartet wird, dass der Gipfel der Infektionen erst noch bevorsteht. In Krankenhäusern kommen die Infizierten, die es schwerer trifft, mit Verzug von etwa ein bis zwei Wochen an. Mit der sehr hohen Infiziertenzahl steige die Wahrscheinlichkeit, dass sich die noch älteren ungeimpften Menschen anstecken und auch wieder vermehrt schwerere Verläufe in den Krankenhäusern behandelt werden müssen, gab Epidemiologe Geraedts zu bedenken.

Aber andere Länder lockern doch auch ...

Die Vergleiche, etwa mit Dänemark, greifen nach Ansicht von Fachleuten zu kurz: Dänemark habe mit rund 81 Prozent vollständig Geimpften eine wesentlich höhere Impfquote, 61 Prozent der Dänen sind bereits geboostert. Zum Vergleich Deutschland: 74 Prozent vollständig Geimpfte, 53 Prozent geboostert. Auch ein Vergleich mit England eigne sich nicht. Deutschland habe bei den Menschen über 60 viermal so viele Ungeimpfte wie England, sagte Bundesgesundheitsminister Lauterbach kürzlich.

Welche Voraussetzungen nennen Wissenschaftler für Lockerungen?

Das Robert Koch-Institut hatte im vergangenen Jahr Optionen für die stufenweise Rücknahme von Corona-Maßnahmen vorgelegt - ein Plan für die Zeit mit oder nach Omikron ist bislang nicht publiziert worden.

Geraedts nennt konkrete Parameter: Lockerungen seien seines Erachtens erst möglich, wenn die Belegung der Krankenhäuser mit infizierten Patienten und die Zahl der Arztbesuche wegen einer Corona-Infektion tatsächlich konstant zurückgingen. Beides ist bislang nicht der Fall.

Inzidenz und Neuansteckungen zum Beispiel waren in der Pandemie lange maßgebliche Faktoren. Auch jetzt sind sie laut RKI nicht bedeutungslos, jedoch zunehmend unvollständig. Die Inzidenz spiegle derzeit angesichts knapper PCR-Tests nicht das wahre Bild wider, betonte auch Schroeder.

Auch in Krankenhäusern fehlt offenbar der Überblick, insbesondere für die Normalstationen. Zwar gibt das Intensivregister (Divi) Auskunft über die Kapazitäten bei Intensivbetten. Es gehe jetzt aber darum, "wie viele Corona-Patientinnen und -patienten nicht nur auf der Intensivstation, sondern auch auf den Normalstationen liegen", betonte Intensivmediziner Christian Karagiannidis. "Die offiziellen Daten sind aktuell meilenweit von der Realität entfernt." So sei die sogenannte Hospitalisierungsinzidenz, die vor einer Überlastung der Kliniken warnen soll, in Nordrhein-Westfalen in Wirklichkeit dreimal höher als offiziell gemeldet.

Erst wenn der Scheitelpunkt der Omikron-Welle überschritten sei und deutlich werde, dass den Krankenhäusern keine Überlastung mehr drohe, könne gelockert werden, mahnte denn auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft. "Dennoch halten wir es für notwendig, bereits jetzt klare Perspektiven für Öffnungen zu entwickeln", sagte Vorstandschef Gerald Gaß. Das heiße aber nicht, dass jetzt Öffnungen erfolgen sollten.

Fazit

Reden ja, lockern nein. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt plädiert kaum jemand in Politik und Wissenschaft ernsthaft dafür, die Corona-Beschränkungen komplett aufzuheben. Doch wie eine vorsichtige Exitstrategie in einigen Wochen aussehen könnte, welche Öffnungsschritte als erste und welche zuletzt erfolgen sollten, darüber dürfte weiter diskutiert werden. In den Bundesländern fallen bereits einzelne Schutzmaßnahmen, etwa in Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt. Bundesweite Beschlüsse dürfte es jedoch frühestens zum nächsten Bund-Länder-Gipfel am 16. Februar geben.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. Februar 2022 um 18:00 Uhr.