Der Mainzer Arzt und Hochschuldozent Gerhard Trabert ist der Kandidat der Linkspartei für das Amt des Bundespräsidenten. | dpa
Analyse

Linken-Kandidat Trabert Eine Botschaft, keine Chance

Stand: 11.01.2022 04:06 Uhr

Seine Kandidatur gilt als chancenlos, aber die Botschaft ist klar: Mit Gerhard Trabert schickt die Linkspartei einen Mann mit klarem sozialpolitischen Profil ins Rennen um das höchste Staatsamt.

Von Uwe Jahn, ARD-Hauptstadtstudio

Die Linke kämpft. Gegen den Bedeutungsverlust nach der Bundestagswahl, gegen die schlechten Schlagzeilen wegen anhaltender Streitereien, gegen die Unsichtbarkeit ihrer sozialpolitischen Vorschläge. Das politische Überleben ist nicht einfacher geworden nach der Bundestagswahl. Seit die Partei praktisch halbiert worden ist und überhaupt nur noch dank ihrer drei Direktmandate als Fraktion im Parlament sitzt.

Uwe Jahn ARD-Hauptstadtstudio

Nun spielen die kleinen Parteien bei der Bundespräsidentenwahl traditionell keine große Rolle. Wenn sie trotzdem wahrgenommen werden wollen, müssen sie etwas unternehmen. Das Nächstliegende: eine Kandidatin oder einen Kandidaten nominieren, der ihren Charakter und ihre politischen Positionen verdeutlichen kann.

Engagement für Obdachlose, Arme, Geflüchtete

Diesmal ist es der Mainzer Arzt und Professor für Sozialmedizin Gerhard Trabert. Programmatisch wahrscheinlich eine gute Wahl: Trabert ist zwar nicht besonders prominent, aber was man über den Kandidaten weiß, das passt: Er engagiert sich seit Jahren für Obdachlose, Arme und geflüchtete Menschen. Er ist Gründer und Vorsitzender des Vereins Armut und Gesundheit, außerdem hat er sich mehrfach an zivilen Einsätzen zur Seenotrettung von Geflüchteten im Mittelmeer beteiligt.

Im vergangenen Bundestagswahlkampf war er in Mainz als parteiloser Direktkandidat für die Linke angetreten, ohne Erfolg. Jetzt kann er der Partei doch noch einen Dienst erweisen: als Kandidat mit einem linken Profil. Auf Traberts Homepage heißt es: "Armut macht krank, Krankheit macht arm. Seit Jahrzehnten ist es mein wichtigstes Anliegen, diesen Missstand in die Öffentlichkeit zu tragen und zu versuchen, betroffenen Menschen als Sozialarbeiter und Arzt ein Stück Würde zurückzugeben."

Und noch bevor die Gremien der Partei an diesem Dienstag die Nominierung offiziell machen wollen, äußerte sich Trabert persönlich zu seiner Kandidatur. Seine Kandidatur richte sich nicht gegen jemanden, betonte er auf seiner Homepage. Er wolle damit vielmehr auf Armut und soziale Ungerechtigkeit in diesem Lande hinweisen. Und auf seinem Twitterprofil ist ein Foto zu sehen: Trabert sitzt leger gekleidet auf einem grünen Sofa, auch hier der Hinweis, er wolle als Fürsprecher von Menschen auftreten, die zu wenig gehört würden.

Ranke-Heinemann, Sodann, Butterwegge

Es hat eine gewisse Tradition, dass die Linkspartei eigene Kandidatinnen oder Kandidaten ins Rennen um das Bundespräsidialamt schickt. Schon 1999 setzte sie sich von den anderen Parteien mit einer etwas pittoresken Personalie ab: Uta Ranke-Heinemann, non-konformistische Theologin mit durchaus linken Positionen, die vor allem als origineller Talkshowgast bekannt gewesen ist, hatte keine Chance gegen Johannes Rau. 2009 hieß ihr Kandidat Peter Sodann. Der Schauspieler, bekannt unter anderem als "Tatort"-Kommissar, hatte zuvor mit einer Äußerung für Aufsehen gesorgt, wonach er den Chef der Deutschen Bank verhafte wolle. Zum Bundespräsidenten gewählt wurde Horst Köhler.

2017 nominierte die Linke den Politologen und Armutsforscher Christoph Butterwegge. Butterwege hatte sich gegen die Sozialpolitik der Agenda 2010 und damit gegen die Hartz-Reformen stark gemacht und den Neoliberalismus verurteilt. Er unterlag dem jetzigen Amtsinhaber Frank-Walter Steinmeier.

Nominierung ohne Streit

Auf die Nominierung Traberts für das höchste Amt im Staat sollen sich die beiden Parteivorsitzenden Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow mit der Führung der Bundestagsfraktion geeinigt haben.

Als die Linke den letzten ihr verbliebenen Ausschussvorsitz im Bundestag zu vergeben hatte, war es noch zu internen Streitigkeiten und einer Unterschriftenkampagne gegen den Vorschlag der Fraktionsführung gekommen. Sie hat sich mit Klaus Ernst, einem ehemaligen Parteivorsitzenden und Gewerkschafter, gegen die Klimaschützer in der eigenen Partei durchgesetzt.

Diesmal scheint es wenigstens eine Einigung zwischen Parteispitze und Fraktionsführung gegeben zu haben. Es soll wohl ein Symbol dafür sein, dass da doch noch was geht. Im vergangenen Jahr erhielt Trabert für sein Engagement als Sozialmediziner und Obdachlosenarzt den Mainzer Medienpreis für "Nachhaltiges mediales Wirken". Vielleicht kann die Linke davon profitieren. Der Kandidat hat zwar keine Chance. Aber die Partei muss sie nutzen.

Der nächste Bundespräsident wird in der Bundesversammlung am 13. Februar gewählt. Amtsinhaber Steinmeier stellt sich erneut zur Wahl. Neben seiner eigenen Partei, der SPD, haben auch FDP, die Grünen sowie CDU und CSU ihre Unterstützung signalisiert. Die Wahl Steinmeiers gilt damit als sicher.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. Januar 2022 um 16:00 Uhr.