Simone Oldenburg steht zwischen Rene Domke (links) und Manuela Schwesig (rechts) | dpa
Analyse

Wahl in Mecklenburg-Vorpommern Wer wählte im Nordosten was warum?

Stand: 26.09.2021 22:23 Uhr

Bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern sind die SPD und vor allem Manuela Schwesig die eindeutigen Sieger. Aber warum ist ihr Vorsprung derart groß?

Eine Analyse von Holger Schwesinger, tagesschau.de, zzt. Berlin

Ein Abstand von gut 20 Prozentpunkten zwischen Siegerin und zweitplatzierter Partei ist bei Landtagswahlen selten geworden. Manuela Schwesig und der SPD ist das in Mecklenburg-Vorpommern geglückt. Ein Blick in die Umfragen, die infratest dimap im Vorfeld der Wahl durchgeführt hat, liefert einige Hinweise darauf, warum es dazu kam.

Holger Schwesinger

Hohe Zufriedenheit mit Schwesig

Schon bei vorangegangenen Landtagswahlen - etwa in Rheinland-Pfalz oder Sachsen-Anhalt - hatte sich gezeigt, dass in Zeiten abnehmender Parteibindung der Wählenden die Popularität der Spitzenkandidaten eine immer größere Rolle spielt. Hier kann SPD-Ministerpräsidentin Schwesig klar punkten - anders als die Spitzenkandidaten aller anderen Parteien.

71 Prozent der Wahlberechtigten in Mecklenburg-Vorpommern sind mit Schwesigs Arbeit zufrieden - ein Spitzenwert nicht nur im eigenen Land, sondern auch im Vergleich mit anderen Bundesländern. Außer Annegret Kramp-Karrenbauer vor der Wahl im Saarland 2017 bekam zuletzt keine Ministerpräsidentin und kein Ministerpräsident bessere Bewertungen.

Im eigenen Land ist Schwesig damit völlig unangefochten. Mit 29 Prozent Zustimmung folgt Linken-Spitzenkandidatin Simone Oldenburg auf dem zweiten Platz, AfD-Spitzenkandidat Nikolaus Kramer kommt mit zwölf Prozent auf Platz 4.

CDU-Kandidat vielen noch nicht mal bekannt

Schwesigs SPD regiert in Mecklenburg-Vorpommern derzeit in einer Koalition mit der CDU. Mit der Arbeit dieser Regierungskoalition sind fast zwei Drittel der Wahlberechtigten zufrieden - auch das ist ein Wert, der im Vergleich zu vorangegangenen Wahlen in anderen Bundesländern in der Spitzengruppe liegt.

CDU-Spitzenkandidat Michael Sack profitiert davon allerdings nicht. Nur 20 Prozent sind mit seiner Arbeit zufrieden - die Kluft zu Schwesig beträgt also gut 50 Prozentpunkte. Sack kämpft zudem mit dem Problem, dass knapp ein Drittel der Wahlberechtigten im Land ihn noch nicht mal kennen. Kein Wunder: Der Landrat des Kreises Vorpommern-Greifswald wurde erst Landesvorsitzender und Spitzenkandidat seiner Partei, nachdem der bundesweit bekannte CDU-Jungstar Philipp Amthor über seine Lobbyaffäre gestolpert war.

Die CDU hat in Mecklenburg-Vorpommern zudem mit einem Umstand zu kämpfen, der bei vorangegangenen Wahlen oft das Problem der SPD war: Nur 35 Prozent der Wahlberechtigte sagen, sie wissen genau, wofür die Partei inhaltlich steht.

Von der Schwäche der CDU profitiert neben der SPD auch die FDP, die zehn Jahre lang nicht im Landtag in Schwerin saß und nun wieder einzieht. Dass sie die Bürger entlasten will - von Steuern und Bürokratie - kommt bei vielen Wahlberechtigten im Land gut an.

Bild: "Ich finde es gut, dass die FDP Bürger/innen entlasten und weniger Vorschriften machen will."

Selbst viele AfD-Anhänger würden Schwesig wählen

Wie groß die Popularität der SPD-Ministerpräsidentin ist, zeigt sich noch bei einem anderen Frage. Wenn es ein Direktwahl gäbe, würde Schwesig haushoch gewinnen - und das nicht nur im eigenen Lager. Auch die Hälfte der CDU-Anhänger würden für sie stimmen. Und selbst bei den AfD-Anhängern wären es noch immer 29 Prozent - und damit mehr, als für den eigenen Kandidaten stimmen würden.

Zugute kommt Schwesig vermutlich auch, dass sie als eine der wenigen bundesweit bekannten SPD-Größen aus Ostdeutschland stammt. Denn in Mecklenburg-Vorpommern ist das Gefühl, Ostdeutsche seien Bürger zweiter Klasse, besonders stark ausgeprägt. Fast drei Viertel haben dieses "Zweitklassigkeitsgefühl", zwei Drittel sagen, Politik und Wirtschaft würden zu stark von Westdeutschen bestimmt.

Bild: Ansichten zur Gesellschaft

Klima spielt bei Landtagswahl keine große Rolle

Eine beliebte Spitzenkandidatin alleine reicht aber noch nicht für einen derart deutlichen Wahlsieg. Doch auch im zweiten dafür wichtigen Feld kann die SPD punkten: Bei der Sachkompetenz. In fast allen Politikfeldern werden den Sozialdemokraten in Mecklenburg-Vorpommern von den Wählern die größten Kompetenzen zugeschrieben - oft mit deutlichem Abstand vor anderen Parteien. Nur bei zwei Punkten liegen andere Parteien gleichauf: Bei der Wirtschaftspolitik sagen 29 Prozent: Das kann die CDU am besten - die SPD kommt hier auf 28 Prozent. Bei der Vertretung ostdeutscher Interessen kommt die Linke auf 25, die SPD auf 26 Prozent.

Und beim Umwelt- und Klimaschutz liegen die Grünen mit 32 Prozent klar vor der SPD (20 Prozent). Allerdings spielt das Thema für die Wählenden in Mecklenburg-Vorpommern insgesamt keine besonders große Rolle: Nur 13 Prozent sagen, das sei für sie das wichtigste Thema. Soziale Sicherheit und Wirtschaft und Arbeit werden hingegen von 27 Prozent als wichtigstes Thema eingestuft. Das erklärt auch, warum die Grünen bei der Landtagswahl im Nordosten vergleichsweise schwach abschneiden - auch wenn ihnen zum erst zweiten Mal überhaupt der Einzug in den Landtag gelingt.

Bild: Welches Thema spielt für Sie die größte Rolle?

Linkspartei leidet unter Stärke der SPD

Auch die AfD hat in Mecklenburg-Vorpommern damit zu kämpfen, dass ihr wichtigstes Thema - die Zuwanderung - von den meisten Wahlberechtigten derzeit nicht als vordringlich wahrgenommen wird. Zwar sagen immerhin 44 Prozent, sie finden es gut, dass die AfD den Zuzug von Ausländern und Flüchtlingen begrenzen will - darunter auch viele Anhänger von CDU, SPD oder FDP. Nur acht Prozent sagen aber, das Thema Zuwanderung sei für sie besonders wichtig. Zudem wird der AfD auch in Mecklenburg-Vorpommern von einer deutlichen Mehrheit der Wahlberechtigten (69 Prozent) attestiert, sich nicht genug von rechtsextremen Positionen zu distanzieren.

Und die Linkspartei? Deren Kernthema - die soziale Gerechtigkeit - spielt zwar eine wichtige Rolle und ihr werden da durchaus auch Kompetenzen zugesprochen - der SPD aber auch. Und die Tendenz der Linken geht in der Wahrnehmung der Wahlberechtigten klar nach unten: Zwar sagen noch 48 Prozent, die Linke sei die Partei, die sich am stärksten um sozialen Ausgleich bemühe. Das sind allerdings 13 Prozentpunkte weniger als bei der Wahl 2016.

Über dieses Thema berichtete MDR extra: Mitteldeutschland hat gewählt am 26. September 2021 um 21:45 Uhr.