Oskar Lafontaine | imago images/BeckerBredel
Analyse

Linkenstreit im Saarland Lafontaines letztes Gefecht?

Stand: 08.06.2021 14:07 Uhr

Einst hat er die Partei mitgegründet. Inzwischen rät Saarlands Linken-Fraktionschef Lafontaine davon ab, die eigene Partei zu wählen - die Geschichte einer Entfremdung.

Eine Analyse von Diana Kühner-Mert, SR

Einen Tag braucht Oskar Lafontaine, um zu reagieren. Als der Fraktionschef der saarländischen Linken am Montagmittag vor die Presse tritt, ist er geladen - und weiß genau, was er tut: Lafontaine rät den Saarländerinnen und Saarländern ab, bei der Bundestagswahl Die Linke zu wählen. Die Partei, die er 2007 mitgegründet hat, nachdem er mit Pauken und Trompeten der SPD den Rücken gekehrt hatte.

Diana Kühner-Mert

Die Entfremdung schreitet voran

Die Parallelen sind deutlich: Auch jetzt geht Lafontaine mit seiner Partei ins Gericht. Auch der Linken wirft er vor, den Faden zu ihrer Stammklientel zu verlieren. Aktueller Anlass: das katastrophale Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt. Und doch geht es in diesem parteiinternen Kampf um etwas anderes als Inhalte. Lafontaine kämpft gegen den Landesvorsitzenden und einzigen saarländischen Bundestagsabgeordneten Thomas Lutze. Seit Jahren. Immer erbitterter.

Worauf Lafontaine am Montag reagiert, ist seine wohl entscheidende Niederlage in dieser Auseinandersetzung. Einen Tag zuvor war Lutze erneut zum Spitzenkandidaten der Saar-Linken für die Bundestagswahl gewählt worden - in einer Kampfabstimmung in einem Fußballstadion in Neunkirchen. Lutze hatte sich gegen den 27-jährigen Dennis Lander durchgesetzt, Fraktionskollege von Lafontaine und dessen Wunschkandidat.

"Wo ist er denn, der Oskar?"

Lafontaine suchte man auf den Rängen vergeblich. Seit Jahren erscheint er nicht mehr zu solchen Parteiveranstaltungen. Manche nehmen ihm das übel. "Wo ist er denn, der Oskar?", rief einer aus dem Lutze-Lager den Lafontaine-Anhängern zu, die sicher sind: Ohne Lafontaine als Zugpferd könne die Linkspartei im Saarland einpacken.

Dass der 77-Jährige der Hauptgrund für die Erfolge der vergangenen Jahre war, bestreiten auch seine Gegner nicht. Es ist ihnen mittlerweile aber egal. Zuletzt hatte der Landesvorstand Lafontaine und Ex-Landeschefin Astrid Schramm sogar den Parteiaustritt nahe gelegt.  

Dass die Wahl am Sonntag mit rechten Dingen zugegangen ist, glaubt Lafontaine nicht. Er wirft Lutze vor, sich seit Jahren durch Betrug und parteiinternen Stimmenkauf seine Macht zu sichern. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den 51-Jährigen. Lutze soll seine Wahl zum Spitzenkandidaten 2017 durch gefälschte Unterschriften im Nachhinein abgesichert haben. Angezeigt hatte ihn Lafontaines Fraktionskollegin Schramm.   

Wenn es um Posten geht, knallt es

Lutze weist alle Vorwürfe von sich, spricht von einer Kampagne gegen seine Person. Der Bruch mit Lafontaine kam 2009, als der im Vorfeld der Bundestagswahl eine andere Kandidatin unterstützte. Seither kocht der Streit immer wieder dann hoch, wenn es Posten zu verteilen gibt. Lafontaine gibt der Bundespartei eine Mitschuld. Sie habe sich nicht ausreichend um die Zustände im Saar-Landesverband gekümmert.

Womöglich verhindert ein Gericht noch den Wiedereinzug Lutzes in den Bundestag - wie die Ermittlungen ausgehen, ist offen. Ein Sieg für Lafontaine wäre das aber auch nicht mehr. Der einstige Parteimitgründer entfremdet sich zunehmend von den Linken. Dass weder er noch seine Frau Sahra Wagenknecht im Saarland für die Linkspartei Wahlkampf machen wollen, ist da nur ein Indiz.

Lafontaine sucht den Bruch

Den Aufruf, nicht Linkspartei zu wählen, kann die Bundespartei so eigentlich nicht stehen lassen. Lafontaine riskiert den Bruch, mehr noch: Er sucht ihn. Auf die Frage, ob er denn im kommenden Jahr noch einmal für den saarländischen Landtag kandidieren werde, antwortet er ausweichend: "Da ringe ich noch mit mir." Entscheiden wolle er das nach der Bundestagswahl.

Lust hat er noch an der Politik, das spürt man in seinen Reden. Dass er es aber für die Linkspartei noch einmal wissen will, wird immer unwahrscheinlicher. Mit einem Rückzug wäre die Saar-Linke schwer beschädigt.

Der Einfluss schwindet auf Raten

Lafontaine war mal linke Gallionsfigur, gestaltete die ganz große Politik, als Kanzlerkandidat, Bundesfinanzminister, SPD-Chef, bis er 1999 die deutsche Sozialdemokratie zerlegte, mit seinem Radikalrückzug aus dem Kabinett Schröder und schließlich aus der Partei. Viele schauen diesem vielleicht letzten politischen Kampf mit einer Mischung aus Entsetzen und Mitleid zu.

Die Linke sollte ein Neuanfang sein. Doch Lafontaine nimmt längst Abschied auf Raten. Seine Autorität schwindet seit Jahren. Im kleinen Saarland ist das deutlich sichtbar. Verloren hat er schon viel. Und inzwischen dürfte er auch kaum noch etwas zu gewinnen haben.