Eine Mitarbeiterin in einem Corona-Schnelltestzentrum in einer Sporthalle in Koblenz | dpa

Kritik an Regierung Kassenärzte bemängeln "Testchaos"

Stand: 09.03.2021 10:16 Uhr

Mit kostenlosen Schnelltests und mehr Tempo beim Impfen will die Regierung die Corona-Krise bewältigen. Doch es hapert gewaltig: Der Kassenärztliche Bundesverband moniert ein "Testchaos", die Impfkommission, dass die Impfverordnung missachtet werde.

Die niedergelassenen Ärzte haben Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgeworfen, für ein Testchaos gesorgt zu haben. Zwar komme nun endlich der vermehrte Einsatz von Schnelltests, "doch leider in einer absolut kurzfristigen, ja formal sogar rückwirkenden Umsetzung, die direkt beim Start zu Chaos geführt hat", sagte der Vizevorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Stephan Hofmeister, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. 

Ärzte fühlen sich "überrollt"

Die Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums, die die Grundlagen der Testungen regele, habe die Kassenärzte erst am Montag erreicht, beklagte Hofmeister. "Kein Wunder, dass die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen sich überrollt fühlen."

Auch der Vorsitzende des Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, hält die Planung zur Teststrategie für verfehlt. "Wir wissen nicht einmal ansatzweise, wann diese Schnelltests in welchem Umfang von wem geordert und zu wem geliefert werden sollen", hatte er am Wochenende der "Bild am Sonntag" gesagt.

Engpässe in Praxen und Apotheken

Im jüngsten Bund-Länder-Beschluss zur Corona-Krise ist festgelegt, dass der Bund seit dem 8. März die Kosten für einen Schnelltest pro Bürger und Woche übernimmt. Doch vielerorts kam es am gestrigen ersten Tag dieser Regelung zu Engpässen. Wie Abfragen in mehreren Bundesländern ergaben, waren Apotheken und Arztpraxen zum Wochenbeginn noch nicht oder nur unzureichend auf die Testungen in der Fläche vorbereitet. Auch ist ungeklärt, wie genau die kostenlosen Tests erfasst werden sollen, um Mehrfachtests einer Person pro Woche zu verhindern.

Im Laufe des Tages kommen Spahn und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer zur ersten Telefonkonferenz der "Taskforce Testlogistik" mit Vertretern der Bundesländer und der Wirtschaft zusammen. Dabei soll die Verteilung von Schnell- und Selbsttests koordiniert werden. In dieser Woche sollen auch vermehrt Laien-Selbsttests in den Einzelhandel gelangen. Drogerieketten und Supermärkte wollen sie anbieten.

Andreas Scheuer spricht mit Jens Spahn im Plenarsaal im Deutschen Bundestag. | dpa

Die Minister Scheuer und Spahn sollen die Logistik der Schnelltests organisieren. Bild: dpa

Kritik von STIKO-Vorsitzendem

Und auch an der Impfstrategie gibt es weiter Kritik. Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO), Thomas Mertens, kritisierte die Bundesländer dafür, dass sie sich eigenmächtig über die Impfverordnung des Bundes hinwegsetzten. "De facto wird in den Ländern schon lange gegen die Priorisierung verstoßen", sagte der Ulmer Virologe im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Es seien schon jetzt viele geimpft worden, die nach wissenschaftlichen Kriterien der Priorisierung noch nicht an der Reihe wären.

Es sei wichtig, die Schwächsten und Gefährdetsten für schwere Covid-19-Verläufe zuerst zu schützen. Ein Lockern der Priorisierung dürfe nicht dazu führen, dass diese benachteiligt werden. Zugleich betonte er, dass die Impfreihenfolge bislang ihre gewünschte Wirkung zeige. "Die Priorisierung mit Blick auf den Individualschutz funktioniert", sagte Mertens. Die Daten etwa aus Mecklenburg-Vorpommern zeigten, dass es bereits deutlich weniger schwere Erkrankungen und Todesfälle in der Gruppe der über 80-Jährigen gebe.

Impfungen bei Hausärzten ab April

Durch die beginnenden Impfungen bei Hausärzten erwartet der Virologe eine weitere Aufweichung der Impfreihenfolge. Diese würden "eine Priorisierung möglicherweise schwieriger machen". Aber er traue den Hausärzten zu, sich möglichst bei ihren Patienten an die Empfehlungen der STIKO zu halten. Am Montag hatten die Gesundheitsminister von Bund und Ländern beschlossen, dass ab April die niedergelassenen Ärzte flächendeckend mit Covid-19-Impfungen beginnen sollen.

Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) stehen fürs Impfen 75.000 Haus- und Facharztpraxen in Deutschland bereit. Wenn 50.000 Arztpraxen täglich jeweils 20 Impfstoffdosen verabreichten, könnten laut KBV alleine dadurch bis zu fünf Millionen Impfungen in der Woche durchgeführt werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. März 2021 um 10:30 Uhr.