Schüler eines Magdeburger Gymnasiums beim Corona-Selbsttest (Archivbild) | dpa

Schnelltests an Schulen "Nach wie vor großer Kraftakt"

Stand: 31.03.2021 17:52 Uhr

Was heute selbstverständlich scheint, dass auch an Schulen Corona-Tests stattfinden sollen, stand lange nicht auf dem Plan der Corona-Politik. Bis Anfang Mai wird es noch dauern, bis alle versorgt sind.

Von Corinna Emundts, tagesschau.de

Am 7. Dezember vergangenen Jahres an rollte Österreich sein Pilotprojekt "Antigen-Schnelltests an Schulen" in all seinen Bundesländer aus - zunächst mit mobilen Testteams, später auch als Selbsttests. Ein Antigen-Schnelltest kann seit Herbst 2020 eine Corona-Infektion im ansteckenden Stadium innerhalb von 15 bis 30 Minuten nachweisen, vor Ort und ohne Labor. Die Bedeutung von Tests für das Eindämmen der Pandemie war dort erkannt: dass damit Infektionsketten am Schulstandort schnell gefunden und unterbrochen werden können.

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In Deutschland hingegen erwähnte der auf Februar datierte Maßnahmenkatalog zur "Prävention und Kontrolle der SARS-CoV-2-Übertragung in Schulen" Schnelltests mit keinem Wort. Das von Expertinnen und Experten verschiedenster Disziplinen erarbeitete Papier hatte Bildungsministerin Anja Karliczek den Schulbehörden zur Öffnung nach dem winterlichen Lockdown an die Hand gegeben.

"Wir hätten uns mit der Leitlinie eine klare Empfehlung zu regelmäßigen Tests - eingebettet in eine Teststrategie - gewünscht", kritisierte der Think Tank "RapidTests", eine Gruppe von Wissenschaftlern, die sich ehrenamtlich für flächendeckende Tests einsetzt. Der Bund habe "gefühlt viel zu lange abgewartet", sagt der Biophysiker Jonas Binding von "RapidTests".

Politik ist nun aufgewacht

Inzwischen ist die Politik aufgewacht - Schnelltests werden jetzt gerne auch von der Bundespolitik gefordert. Im jüngsten Papier der Bund-Länder-Runde vom 22. März werden sie als eine der "Säulen" der Pandemiebekämpfung bezeichnet. Allerdings funktioniere das nur, wenn ausreichend Test vorhanden seien.

Eine späte Erkenntnis: Derzeit mühen sich die Kultusbehörden in den Bundesländern, Schnelltests für die Schulen zu besorgen und zu verteilen - beileibe nicht in allen Bundesländern war jede Schülerin, jeder Schüler in der Woche vor den Osterferien versorgt.

Verantwortung hin- und hergeschoben

Die Verantwortung für die schleppende Belieferung von Schulen mit Corona-Selbsttests wird hin und her geschoben. "Ich bin bereit, vieles zu verantworten", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel vergangene Woche in der Regierungsbefragung im Bundestag. "Aber die Verteilung von Selbsttests gehört wirklich nicht zu den Aufgaben, die eine Bundesregierung zu leisten hat."

Die Kultusministerien wiederum fühlten sich vom Bundesgesundheitsminister allein gelassen, der zwar Kontingente an Tests als "Kontaktbörse" für die Länder gesichert hatte - mehr aber auch nicht.

Gespräche mit Pharmakonzernen und Arzneimittelbehörden gehörten bisher nicht gerade zur Kernkompetenz von Bildungsverwaltungen. "Das ist nach wie vor für die Bundesländer ein Kraftakt", sagt der Sprecher der Berliner Bildungssenatorin, Thorsten Metter. Es wäre "mit Sicherheit sehr hilfreich gewesen, wenn wir als Bildungsverwaltung schnellere Klarheit vom Bund gehabt hätten, welche Schnelltests wann und in welcher Zahl verfügbar sind".

Test für ältere Schüler - aber noch nicht in den Grundschulen

Berlin etwa hat zwar höhere Jahrgänge versorgt, aber bisher nur wenige Grundschulen mit Testkits erreicht. Zwischendurch hatten sie einen Hersteller erwischt, auf dessen Sonderzulassung für Laien man wesentlich länger warten musste als von der Zulassungsbehörde angekündigt. Dann wurde bei anderen bestellt - nach den Osterferien will die Berliner Kultusverwaltung damit die gesamte sich im Präsenzunterricht befindende Schülerschaft erreicht haben.

Baden-Württemberg will bis Anfang Mai soviel Schnelltests für Schülerinnen und Schüler zur Verfügung stellen, dass zwei Tests pro Woche möglich sind.

Freiwilligkeit reicht offenbar nicht

Bei der Umsetzung der Teststrategie zeigt sich bereits ein neues Hindernis: Das Prinzip Freiwilligkeit scheint nicht zum Ziel zu führen. Ein positiver Test könne zum Prüfungsausschluss führen, weswegen gerade in Prüfjahrgängen die Testbereitschaft nicht ausgeprägt sei, berichtet eine Lehrerin an einer Gesamtschule in Schleswig-Holstein.

Insgesamt stimmten eher diejenigen Eltern dem Testen zu, die derzeit ohnehin bereits vorsichtig lebten - so die ersten Rückmeldungen aus den Ländern. Genau jene aber, die sich auch sonst nicht allzu sehr um Corona-Regeln scherten, machten nun offenbar auch nicht mit.

Kommt eine bundesweite Testpflicht?

Schleswig-Holstein hat deswegen gerade eine Testpflicht für die Schulen angekündigt. Sie soll ab der Rückkehr aus der Osterpause gelten. "Wir brauchen einen größeren Grad an Verbindlichkeit", sagt David Ermes, Sprecher des schleswig-holsteinischen Bildungsministeriums. Es dürften weitere Länder folgen. Noch in dieser Woche will die grün-schwarze Regierung in Baden-Württemberg entsprechende Pläne für eine Testpflicht auf den Weg bringen - wie es sie schon in Sachsen gibt.

Wegen der steigenden Infektionszahlen forderte SPD-Parteichef Norbert Walter-Borjans eine sofortige Testpflicht auch für Kitas, Schulen und Unternehmen: "Es muss Schluss sein mit Entscheidungen nach Gutdünken. Die Schutzlücke, die durch geöffnete Schulen und Kitas ohne engmaschiges Testen entsteht, können wir uns nicht länger leisten."

Die Erkennntnis einer Schutzlücke und der Versuch, sie zu schließen, wirken verspätet. Grund könnte allerdings auch zum Teil in den Verwaltungsstrukturen liegen: Ministerialbürokratien, die sich juristisch bis ins letzte Detail absichern, und Zulassungsverfahren, die hohe Hürden schaffen.

"Wir bürokratisieren, wir überziehen es völlig", sagt Jörg Bogumil, Verwaltungswissenschaftler an der Ruhr Universität Bochum. In der Ausnahmesituation einer Pandemie aber sei pragmatisches Verwaltungshandeln gefragt: "Da fehlt Risikomut, etwa zu sagen: Wir warten nicht wochenlang auf die Sonderzulassung für Laien - die Tests sind geprüft, also haut das Zeug raus."

Über dieses Thema berichtete MDR Sachsen-Anhalt im Hörfunk am 30. März 2021 um 16:00 Uhr.