Schülerinnen und Schüler sitzen während einer Abiturprüfung mit dem vorgeschriebenen Abstand zueinander in der Aula  (Mai 2020) | picture alliance/dpa
Interview

Abitur in der Pandemie "Der Stempel Corona-Jahrgang bleibt"

Stand: 04.05.2021 12:31 Uhr

Was heißt es, sein Abitur in Corona-Zeiten abzulegen? Abiturientin Maya Müller-Perron über Eigenmotivation, zerplatzte Träume und die Sorge vor dem schlechten Ruf des Abschlusses.

tagesschau.de: In Baden-Württemberg starten die Abiturprüfungen. Dabei gelten strenge Corona-Maßnahmen. Sie sind Abiturientin in Stuttgart. Wie werden die Prüfungen bei Ihnen ablaufen?

Maya Müller-Perron: Wir müssen die Prüfungen mit Maske schreiben und die Abstände einhalten. Es gibt keine Testpflicht, aber es wird empfohlen, dass wir uns testen lassen. Einige aus meinem Jahrgang werden sich nicht testen lassen, aus Sorge, nicht mitschreiben zu können. Ich bin erst am Freitag mit meinem Prüfungsfach dran. Ich denke, ich werde mich testen lassen, aber ich habe mich noch nicht endgültig entschieden. Bei den Prüfungen bekommen wir in allen Fächern 30 Minuten mehr Zeit. Ob das wirklich was bringt, das weiß ich nicht. Normalerweise hätten wir schon im April Abitur geschrieben. Zum Glück schreiben wir erst jetzt, denn wir haben die zusätzliche Zeit für die Vorbereitung gebraucht.

Maya Müller-Perron | privat
Zur Person

Maya Müller-Perron ist 18 Jahre alt und lebt in Stuttgart. Die Leistungsfächer der Abiturientin sind Biologie, Gemeinschaftskunde und Französisch.

tagesschau.de: Schulschließungen, Wechselunterricht, Quarantäne-Maßnahmen: Wie schwer war die Prüfungsvorbereitung in Corona-Zeiten?

Müller-Perron: Es war extrem viel Eigenmotivation gefragt, und die Lehrer gehen auch davon aus, dass wir selbstständig arbeiten. Das war für viele schon schwer. Es ist etwas anderes, wenn man sich im Unterricht schnell mal melden kann, den Sitznachbarn fragen kann, man Lerngruppen hat. Sich immer wieder alleine an den Computer zu setzen, das ist nicht einfach. Aber ich muss sagen, ich kam damit gut klar. Der Vorteil ist ja, dass ich ein konkretes Ziel hatte. Ich wusste, es ist ein paar Monate anstrengend, aber dann habe ich es hinter mir. Doch es gab auch viel Hin und Her - Präsenzunterricht, Wechselunterricht und das alles immer kurzfristig. Da war auch für die Lehrer nicht einfach. Und im Winter haben wir die Klausuren mit Maske und bei offenem Fenster geschrieben, da war es einfach nur kalt. 

tagesschau.de: Befürchten Sie denn Nachteile, etwa dass dann der Stempel "Corona-Abitur" an dem Jahrgang haftet?

Müller-Perron: Ich habe keine Sorgen, dass die Prüfungen für uns schwieriger werden. Meine Sorge ist, dass der Corona-Jahrgang einen schlechten Ruf hat. Dass viele sagen, ihr habt eine Sonderbehandlung bekommen wegen Corona, da wurde ja eh netter korrigiert, die Aufgaben waren leichter, ja, dass unser Abitur einen anderen Stellenwert hat. Man hat dann vielleicht gute Noten, aber dann wird gesagt, die sind ja nur wegen Corona so gut. Ich finde, man muss auch sehen, unter welchen Umständen wir gelernt haben. Wir mussten uns so viel selbst erarbeiten.  

Ich denke, dass wir den Stempel "Corona -Jahrgang" haben und der auch bleibt. Ich hoffe trotzdem, dass unser Abitur als gleichwertig angesehen wird. Dass den Universitäten aber auch den Arbeitgebern bewusst ist, dass wir auch andere Skills, andere Eigenschaften mitbringen. An der Uni muss man viel selbstständig lernen, sich organisieren. Das mussten wir ja jetzt schon, und das kann auch ein Vorteil sein. Vielleicht wird auch von Arbeitgebern gesehen, dass wir viel in Eigenregie gemacht haben.

tagesschau.de: Hätten Sie sich gewünscht, dass das Abitur verschoben wird?

Müller-Perron: Nein, auf keinen Fall. Das war ja jetzt der Endspurt! Wenn der verschoben worden wäre, da hätte ich keine Motivation mehr gehabt. In Frankreich haben sie im vergangenen Jahr keine Prüfungen geschrieben, sondern den normalen Notendurchschnitt bekommen. Das war bei uns nicht der Fall. Ich bin froh, dass das auch dieses Jahr nicht so ist, denn dann hätten wir noch mehr den Stempel "Corona-Abitur" gehabt.

tagesschau.de: Was hat sich an den Zukunftsplänen durch Corona geändert?

Müller-Perron: Ursprünglich hatte ich vor, nach dem Abitur zu reisen. Das habe ich verworfen. Ich würde aber gerne ein Freiwilliges Soziales Jahr in Frankreich machen. Doch das ist alles wegen Corona noch ungewiss. Aber ich hoffe sehr, dass es noch klappt. Das will ich nicht aufgeben. Wenn ich dieses Ziel nicht hätte, dann wüsste ich nicht, wofür ich mich gerade anstrenge. Viele in meinem Jahrgang haben noch keinen Plan, wie es weitergehen soll. Viele wollten Work & Travel machen, aber das geht jetzt nicht.

Jetzt direkt ein Fernstudium anzufangen, das kommt für mich nicht in Frage. Wir hatten so viel Online-Unterricht. Nach dieser Zeit direkt wieder Fernunterricht - da warte ich lieber noch, bis es wieder Präsenzunterricht an der Uni gibt. So geht es vielen in meinem Jahrgang. In eine andere Stadt zu ziehen, isoliert zu sein und nur Fernunterricht zu haben, das können sich viele nicht vorstellen.

Aber jetzt müssen wir erst einmal die Prüfungen schaffen. Unsere Abi-Ausfahrt nach Kroatien wird es nicht geben. Damit habe ich mich abgefunden. Dass es auch keinen Abiball gibt, das finde ich wirklich schade.

Das Interview führte Julia Henninger, SWR

Über dieses Thema berichtete SWR Aktuell Baden-Württemberg am 03. Mai 2021 um 19:30 Uhr.