Stühle stehen im Sorbischen Gymnasium Bautzen auf den Tischen. | dpa

Schulabschluss in der Pandemie Droht ein Corona-Abitur?

Stand: 15.01.2021 14:53 Uhr

Bald müssten Schülerinnen und Schüler zur Abiturprüfung antreten - eigentlich. Doch wegen der hohen Infektionszahlen ist die Politik unter Entscheidungsdruck. Wird das Abitur abgesagt?

Von Corinna Emundts, tagesschau.de

Ein kleine Zahl hinter dem Komma kann beim höchsten deutschen Schulabschluss über Lebensläufe entscheiden - etwa die Frage, zu welchem Studiengang Abiturientinnen und Abiturienten zugelassen werden. Auf ihnen lastet schon ohne Pandemie-Bedingungen deswegen stets großer Druck. Für einen gesicherten Studienplatz in Humanmedizin etwa braucht es derzeit eine Abiturnote von 1,3 oder besser.

Corinna Emundts tagesschau.de

Angespannte Stimmung

Im zweiten Abitur-Jahrgang, der mit eingeschränkten und veränderten Unterrichtsbedingungen durch die Pandemie zu tun hat, scheint der Stress inzwischen immens: "Die Stimmung im Jahrgang ist sehr angespannt, viele sind überfordert. Wir wünschen uns mehr Unterstützung", berichtet eine angehende Abiturientin aus Wiesbaden. "Ich fühle mich alles andere als gut vorbereitet", so die 18-jährige Schülerin. An Motivation und Konzentration mangele es sehr. Man lerne stets alleine zu Hause, dies habe nicht den gleichen Effekt wie bei einem direkten Austausch mit Klassenkameraden oder Lehrern.

Zu den sich fast monatsweise verändernden Lernbedingungen kommt nun noch zusätzliche Unsicherheit für den diesjährigen Abitur-Jahrgang: Wann, was und wie geprüft wird - und sogar inzwischen, ob überhaupt Prüfungen stattfinden werden. Erste Schulleiterverbände fordern bereits die Absage des schriftlichen Abiturs. Doch die Meinungen gehen weit auseinander, wie meist, wenn es ums Bildungssystem geht. So warnt der Deutsche Philologenverband vor einem Ausfallen oder "Verwässern von Prüfungen".

Oberstufen-Schülerinnen und -Schüler in Kiel sitzen in großem Abstand zueinander in einem Prüfungsraum zu Beginn einer Abiturprüfung (Archivbild: April 2020) | dpa

Für den derzeitigen Abiturjahrgang eine fast unzumutbare Unsicherheit: Wie werden die Prüfungen 20121 stattfinden - die Kultusminister wissen es selbst noch nicht. Bild: dpa

KMK-Vorsitzende: "Wir werden alle Fragen beraten"

Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Britta Ernst, sagte gegenüber dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", man werde alle Fragen beraten - es sei jedoch zu früh für Entscheidungen. Einen "endgültigen Plan B" für eine verschärfte Pandemielage habe man nicht in der Tasche, räumte die SPD-Politikerin ein, die zugleich Bildungsministerin in Brandenburg ist.

Was bei der Heiligen Kuh des deutschen Bildungssystems, dem Abitur, zuvor nicht denkbar war, hat also ein Virus geschafft: Es wird erstmals ernsthaft darüber nachgedacht, diesmal die Prüfung ganz ausfallen zu lassen und statt dessen etwa einen Notendurchschnitt des Jahres als Gesamtzensur zu akzeptieren. Nur, wäre ein solches Abitur - von manchen bereits als "Corona-Abitur" oder "Pudding-Abitur" bezeichnet, etwa bei Arbeitgebern genauso viel wert wie das anderer Jahrgänge davor und danach?

"Maxime muss bundeseinheitliche Lösung sein"

Andere fordern bei Abiturprüfungen einen generellen "Corona-Notenbonus" für diesen Jahrgang - doch auch hier wäre nicht auszuschließen, dass dies zum Malus für die Absolventen würde. Deswegen gibt sich hier Bundesbildungsministerin Anja Karliczek skeptisch: "Ich denke, dass ein genereller Notenbonus den Schülerinnen und Schülern am Ende nicht sehr helfen würde". Die CDU-Politikerin setzt darauf, dass die Lehrer und Lehrerinnen "bei der Bewertung der Prüfungsleistungen sicherlich feinfühlig vorgehen."

Dies sei zweifellos eine "absolut außergewöhnliche und komplexe Gemengelage" für die Kultusminister und -Ministerinnen, die darüber nun entscheiden müssen, urteilt Marko Neumann vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation im Gespräch mit tagesschau.de. Eine Maxime müsse sein, dass es eine bundesweit einheitliche Lösung gebe, so der Bildungsforscher - also entweder Prüfungen für alle oder für keinen. Mit Blick auf die Vergleichbarkeit des Zertifikats würden sich die Bundesländer hier keinen Gefallen tun, sich auf den Bildungsföderalismus zurückzuziehen - und womöglich von Land zu Land verschiedene Entscheidungen zu treffen.

"Die fahren auf Sicht"

Er verstehe aber, dass die Kultusministerkonferenz noch abwarte, auch wenn das für die Schüler und Lehrkräfte unbefriedigend sei. Im Januar eine Infektionslage für April und Mai vorauszusehen, ist gerade bei der derzeitigen Infektionsdynamik durch die neuen Virus-Mutationen schier unmöglich. Vergangenes Jahr hatten die Abi-Prüfungen mit Sicherheitskonzepten wie Abstand der Schreibtische und kleineren Gruppen noch stattfinden können. Doch das aktuell dramatischere Infektionsgeschehen ist mit dem Frühsommer 2020 nicht mehr vergleichbar.

Die Bildungspolitiker und -Politikerinnen stecken deswegen in einem Entscheidungs-Dilemma: Sagen sie die Abiturprüfung zu früh ab - und würde sich die Lage Richtung Frühsommer dann doch mehr als erwartet entspannen - würde Kritik an den abgesagten Prüfungen laut. Denn nicht wenige hielten womöglich ein Abizeugnis, das nur aus Notendurchschnitten ohne die krönende Prüfungsleistung besteht, für eine Entwertung.

Was allerdings unter Bildungsexperten und auch in Kreisen der Bundesregierung für Kopfschütteln sorgt: Dass bisher von der KMK kein "Plan B", kein Worst-Case-Szenario entwickelt worden ist. Die KMK fahre auf Sicht, vermutlich seien die Bildungsverwaltungen auch schlicht überfordert, da sie ja andauernd ihre Vorgaben für alle Schularten und -stufen an das dynamische Infektionsgeschehen anpassen müssten.

Zwar ist die Entscheidung, Prüfungen abzusagen und nur Notendurchschnitte zu verwenden, bei einem anderen Abschluss, dem Mittleren Schulabschluss (MSA) nach der 10. Klasse, in manchen Ländern bereits gefallen. Doch hier verhält es sich von vorneherein etwas anders, da der Abschluss nicht so normiert ist. Bereits vor Corona existierte eine Heterogenität der Umsetzung - manche Bundesländer verzichten dort ohnehin auf die Prüfungssituation.

Für den Abi-Jahrgang 2021 bedeutet die unklare Situation zusätzlichen Stress. Die Schülerinnen und Schüler wissen nicht, was auf sie zukommt, gleichzeitig sollen sie sich konzentriert auf anspruchsvolle Fachinhalte vorbereiten. Bildungsforscher Neumann sieht das als großes Problem und fordert von der Politik: "Die Entscheidung darf nicht bis einen Tag vor der Prüfung hingezogen werden". Man solle sich auf einen verbindlichen Termin verständigen, um die Entscheidung als KMK bekannt zu geben - mit einem Vorlauf von mindestens einem Monat vor den Prüfungen.

Eine Schülerin nimmt am Distanzunterricht teil | imago images/UIG

Abiturrelevante Themen konnten aufgrund der Sondersituation des Homeschoolings vielfach nicht adäquat behandelt werden, berichtet eine 18-jährige angehende Abiturientin aus Hessen. (Bild: Symbolbild) Bild: imago images/UIG

Schülerin für Absage der Abi-Prüfungen

Die Abiturientin aus Hessen würde - Stand heute - eine Absage der Prüfungen befürworten. Zumindest aber hält sie es für nötig, Prüfinhalte anzupassen. Würden etwa Themen oder manche Prüfungen gestrichen werden, würde das viel Druck rausnehmen. "Denn abiturrelevante Themen konnten aufgrund der Situation vielfach nicht adäquat behandelt werden. Bei uns in Hessen wurde jetzt eine Petition ins Leben gerufen, die eine angemessene Anpassung des diesjährigen Abiturs fordert".

Prüfinhalte abzuspecken oder gar die Auswahl der Abiturfragen zu vergrößern - auch das wird unter Fachpolitikern erwogen. Deren zweites Dilemma jenseits der zeitlichen Entscheidungsfrage bleibt: Man will das Abitur 2021 keinesfalls entwerten.

Mit Informationen von Natascha Frumkina, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Januar 2021 um 11:00 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

avatar
Moderation 15.01.2021 • 20:43 Uhr

Schließung der Kommentarfunktion

Sehr geehrte User, die Meldung wurde bereits sehr stark diskutiert. Alle wesentlichen Argumente sind genannt. Entscheidende neue Aspekte, die einer konstruktiven Diskussion förderlich wären, sind nicht mehr hinzugekommen. Deshalb haben wir, beschlossen die Kommentarfunktion zu schließen. Die Moderation