Cannabis-Pflanze | EPA

Fünf Jahre Cannabis auf Rezept Was bleibt von den Erwartungen?

Stand: 19.01.2022 04:49 Uhr

Vor fünf Jahren machte der Bundestag den Weg frei für Cannabis auf Rezept. Doch Gesundheitssystem und Behörden waren darauf nicht vorbereitet. Wiederholt sich der Fehler?

Von Juri Sonnenholzner, SWR

"Es gibt weltweit kein zweites Molekül, das gleichzeitig schmerzstillend, Übelkeit hemmend, Appetit steigernd, Muskel entspannend, aufheiternd, schlaffördernd, entzündungshemmend, Bronchien erweiternd wirkt." Wenn Franjo Grotenhermen von Cannabis und seinem Wirkstoff THC spricht, klingt es, als könnten Teile der Pharmaindustrie einpacken.

Juri Sonnenholzner

Er ist Arzt und Geschäftsführer sowohl der deutschen Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM) als auch der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoidmedikamente (IACM). "THC ist das Molekül mit dem breitesten pharmakologischen Spektrum. Mit Abstand."

Rezept unter Voraussetzungen

Seit nunmehr fünf Jahren darf er es legal auf Rezept verschreiben, und die Krankenkasse muss zahlen. Der Bundestag gab am 19. Januar 2017 medizinisches Marihuana in Form von Cannabis auf Rezept frei. Ärzte können es schwer kranken Menschen verschreiben, vorausgesetzt, kein anderes Medikament hilft. "Wir schaffen einen wichtigen Schritt, um die Versorgung schwer kranker Patientinnen und Patienten zu verbessern", sagte Ingrid Fischbach (CDU), damals parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, vor dem Bundestag. "Wir wollen ihr Leid lindern."

Linderung von Schmerzen

Diese Linderung sollten vor allem chronische Schmerzpatienten erfahren. Multiple Sklerose, Folgeerscheinungen von Diabetes mellitus oder die chronische Darmentzündung Morbus Crohn beispielsweise, aber auch Angst- und Schlafstörungen lassen sich damit behandeln. Ärzte prüfen dabei auch die Vorerkrankungen. Denn Cannabis kann beispielsweise Psychosen verstärken. Zudem muss die Aussicht bestehen, dass sich der Krankheitsverlauf verbessert und schwerwiegende Symptome allein durch medizinisches Cannabis gelindert werden und dass dies keine herkömmliche Alternative leisten kann.

Kosten sind hoch

Ein Teil der Patienten sei tatsächlich mit Standardmedikamenten nicht ausreichend behandelbar, profitiere aber sehr gut von Cannabis, erklärt Grotenhermen. Doch die Kosten für Cannabisblüten sind hoch, da sie nach der Arzneimittelpreisverordnung wie Rezepturarzneimittel behandelt werden.

Die Preise liegen dadurch deutlich über denen anderer Länder, mehr als dreimal so hoch wie etwa in den Niederlanden. Laut GKV schafften cannabinoidhaltige Fertigarzneimittel und Zubereitungen allein im ersten Quartal vergangenen Jahres einen Brutto-Umsatz in Höhe von 44 Millionen Euro.

Belastung der Krankenkassen

Ärzte verordneten in diesem Zeitraum mehr als 90.000 mal Cannabis auf Rezept. Dies führt zu einer erheblichen finanziellen Belastung der Krankenkassen. Grotenhermen berichtet, dass Krankenkassen vor der Kostenübernahme entsprechende Studien zur Wirksamkeit verlangten. Doch wie diesen Wunsch erfüllen?

"Cannabis ist bei 100, 200 Indikationen wie Migräne, chronische Entzündung des Dickdarms, Muskelspastik oder ADHS wirksam. Dann müsste man entsprechend viele große klinische Studien anfertigen, nur um eine zulassungsähnliche Situation zu haben. Dafür reichen die nächsten 20 Jahre nicht", ist sich Grotenhermen sicher. Und zudem fehlten öffentliche Förderungen solcher Studien.

Die unzureichende Studienlage führen auch große Teile der Ärzteschaft an. Zu viele Studien erfüllten wissenschaftliche Standards zu ungenügend. Die Studien, die fundiert seien, lassen erhebliche Zweifel an der Wirksamkeit von Cannabis als Schmerzmedikament aufkommen.

"Wirkung nicht überschätzen"

Ärzte wie Dominik Irnich begrüßen Cannabis auf Rezept grundsätzlich. Als Leiter der Schmerzambulanz am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München warnt er aber davor, die Wirkung von Cannabis zu überschätzen. "Es hilft nicht jedem Patienten, und chronischer Schmerz lässt sich auch nicht einfach abstellen. Hier werden die Ergebnisse ein bisschen schöngeredet - vielleicht, weil eine ganze Armada von Herstellern schon bereitsteht. Da geht es auch um sehr viel Geld."

Versorgung hat sich verbessert

Zumindest die Versorgungssituation auf dem medizinischen Cannabismarkt hat sich nach fünf Jahren gebessert: Es gibt mittlerweile etwa 150 verschiedenen Sorten und 60 verschiedene Extrakte aus der Hanfpflanze. Doch noch immer müssen Cannabismedikamente nach Deutschland importiert werden. Der Markt könnte sich wieder verändern: Die Ampel-Koalition will eine "kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften" einführen, heißt es im Koalitionsvertrag.

Naturprodukt Cannabis

Bleibt dann weniger medizinisches Cannabis übrig? Schließlich ist es ein Naturprodukt: Cannabis-Blüten lassen sich schwer als standardisierte Produkte herstellen.

Bauernpräsident Joachim Rukwied sagt, dass angesichts der erwarteten Cannabis-Legalisierung sich bereits viele Bauern damit beschäftigten: "Der Hanfanbau ist unter deutschen Ackerbauern ein hippes Thema. Es wird viel darüber diskutiert. Der eine oder andere hat sich schon eingelesen, wie das funktionieren kann mit dem Hanf."

Kosten bleiben

Arzt Grotenhermen glaubt, dass eine Legalisierung auch Patienten helfen könne - je nach Ausgestaltung des Gesetzes. Doch: "Bei einer generellen Legalisierung entfielen die Arztsuche und die Arztkosten. Es bleiben aber die Kosten für die Cannabisprodukte."

Diese könnten bei den Patienten hängen bleiben - die nach seiner Erfahrung häufig arbeitsunfähig sind und von Hartz IV leben. Hier Abhilfe schaffen könnte einerseits eine generelle Verpflichtung der Krankenkassen für eine Kostenübernahme oder die Legalisierung des Eigenanbaus für den persönlichen Bedarf durch Patienten oder deren Betreuer. "So wie das in einigen anderen Ländern bereits heute der Fall ist."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. Januar 2022 um 07:11 Uhr.