Annalena Baerbock | picture alliance/dpa
Analyse

Außenministerin Baerbock Gestählt für die Weltbühne

Stand: 12.03.2022 09:16 Uhr

Baerbocks Amtsantritt als Außenministerin war von Skepsis begleitet. Inzwischen ist sie sicher in ihrem diplomatischen Alltag angekommen. Doch die Zustimmung kann sich schnell wieder drehen.

Von Kai Küstner und Christian Feld, ARD-Hauptstadtstudio Berlin, zzt. Chisinau

"Ich bin erst drei Monate im Amt, aber es fühlt sich an wie drei Jahre." Für einen kurzen Moment lässt sich Annalena Baerbock öffentlich in die Seele schauen. Die deutsche Außenministerin steht auf der Idar-Brücke im kosovarischen Mitrovica. Es ist eine Brücke, die eigentlich eine Grenze markiert. Im Norden der geteilten Stadt lebt meist kosovo-serbische, im Süden kosovo-albanische Bevölkerung. Seit dem Kosovo-Krieg 1999 gab es hier mehrfach ethnische Zwischenfälle.

Christian Feld ARD-Hauptstadtstudio
Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Baerbock möchte mit ihrer Reise ein Zeichen setzen, dass sich Deutschland hier auf dem westlichen Balkan stärker engagieren will als in den vergangenen Jahren. Die Region liegt in der Nachbarschaft, hat Kriegsgrauen hinter sich. Und Russland hat hier massive strategische Interessen.

Acht Minuten bis Scholz

Mitten im Gespräch auf der Brücke bekommt Baerbock aus ihrer Delegation einen Hinweis. "Ich muss leider in acht Minuten mit meinem Kanzler sprechen." Schnell schiebt sie nach, "leider" könne man natürlich streichen. Auch wenn zunächst nichts über das Telefonat bekannt wird, kann man erahnen, dass Olaf Scholz und Baerbock über die Ukraine sprechen. Es ist das Thema, das ihre Zeit im Amt dominiert: Krieg und Frieden. In Europa. Und Baerbock ist neben Kanzler Scholz das Gesicht der deutschen Außenpolitik.

Jetzt sitzt sie regelmäßig im Regierungsflieger, fährt mit Autokolonne und Blaulicht: heute in Moldau, erst kürzlich auf dem Weg zu den Vereinten Nationen in New York. Das ist der neue Alltag Baerbocks.

Emotionale Achterbahn

Hinter ihr liegen Monate auf einer emotionalen Achterbahn, die sie in schneller Abfolge in hohe Höhen, aber auch in Tiefen geführt hat. Im vergangenen Jahr machte Robert Habeck den entscheidenden Schritt nach hinten: "Liebe Annalena, bitte, die Bühne gehört dir." Die Scheinwerfer, die Baerbock auf dieser Bühne der ersten grünen Kanzlerkandidatur ausleuchteten, waren grell. Und brachten Dinge ans Licht, die das Projekt Kanzleramt immer unrealistischer werden ließen.  

Baerbock hatte mit Fehlern ihren eigenen Anteil daran: Der Lebenslauf musste korrigiert werden. Corona-Sonderzahlungen, die sich der Parteivorstand gewährt hatte, mussten zurückgezahlt werden. Ein Buchprojekt wurde wegen nicht gekennzeichneter Zitate zur Belastung. In den Negativ-Schlagzeilen ging vieles unter, zum Beispiel dass Baerbock beim außenpolitischen Triell von ARD-Hauptstadtstudio und Münchener Sicherheitskonferenz Positionen vertrat, die sich heute als sehr richtig erweisen. So warnte sie - im Gegensatz zu Scholz und Laschet - laut vor Nord Stream 2.

Die hässliche Zeit hat sie gestählt

Es sind Monate im Windkanal - im Gegenwindkanal. Baerbock polarisierte als Person von Anfang an. Im Netz ist sie einem permanenten Strom von Häme und Hass ausgesetzt. Eine hässliche Zeit für sie, die im Rückblick betrachtet jedoch auch eine positive Langzeitwirkung hatte. Beobachtet man Baerbock jetzt in ihrer Rolle als Außenministerin, drängt sich der Eindruck auf: Die extreme Achterbahnfahrt, das Kritik-Trommelfeuer im Wahlkampf haben sie gestählt. Viel schlimmer kann es nicht werden - auch nicht auf der Weltbühne.

100 Tage Schonfrist - das galt früher einmal

100 Tage. Das war in anderen Zeiten die Schonfrist, die einer neuen Regierung zugestanden wurde. Eine Schonfrist, die Baerbock nie bekommen sollte. Als die neue Ministerin ihr Amt antrat, waren die russischen Truppen an der Grenze zur Ukraine schon aufmarschiert.

Mitte Januar trat die Grünen-Politikerin ihre bis zu diesem Zeitpunkt schwierigste Reise an: In Moskau erwartete sie der auf diplomatischem Parkett durchaus gefürchtete russische Außenminister Sergej Lawrow, der zuvor schon gestandene Politiker wie den EU-Außenbeauftragten Josep Borrell regelrecht vorgeführt hatte.

Diplomatisches Reifezeugnis

Doch die deutsche Außenministerin tat, was sie von nun an öfter tun sollte: Sie sprach Klartext: "Es ist schwer, das nicht als Drohung zu verstehen", bemerkte sie zu den russischen Truppen, sparte Streitthemen wie den Fall Nawalny nicht aus. Zwar kehrte Baerbock faktisch mit leeren Händen nach Berlin zurück - aber auch mit einer Art diplomatischem Reifezeugnis im Gepäck. Den russischen Überfall auf die Ukraine konnte aber auch sie nicht verhindern.  

Die Ukraine ist das bestimmende Thema ihrer bisherigen Amtszeit. Und dennoch sollen die langfristigen Projekte und Ziele nicht unter die Räder kommen. Die Ernennung der Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan als Sonderbeauftragte für Klima-Außenpolitik hat für Aufsehen gesorgt.

Bei ihrer aktuellen Reise auf den westlichen Balkan weiht sie im Kosovo einen Windpark ein. In Bosnien-Herzigowina trifft sich Baerbock mit jungen Politikerinnen. Eine von ihnen die Bürgermeisterin von Sarajewo, Benjamina Karic, hat sie offenkundig ins Herz geschlossen: "Sie ist so jung und eine beeindruckende Politikerin", erzählt die 30-Jährige nach dem Treffen.

Ihr Amtsantritt war von Skepsis begleiten. Die konstante Twitter-Häme geht weiter. Und doch hat die deutsche Außenministerin im aktuellen ARD-Deutschlandtrend bei den Zufriedenheitswerten ein deutliches Plus eingefahren. Aber Baerbock dürfte vorsichtig genug sein, um zu wissen: Diese Zustimmung kann sich schnell wieder drehen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. März 2022 um 12:27 Uhr und am 11. März 2022 um 23:36 Uhr.