Winfried Kretschmann (M, Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsident von Baden-Württemberg hälten bei der Präsentation den Koalitionsvertrag der neuen grün-schwarzen Landesregierung in Baden-Württemberg in den Händen.  | dpa
Analyse

Baden-Württemberg Wie das Ländle klimaneutral werden will

Stand: 19.05.2021 16:41 Uhr

Die grün-schwarze Landesregierung hat sich ambitionierte Ziele gesetzt. Bis 2040 soll Baden-Württemberg klimaneutral sein. Aber kann das in dem industriell geprägten Autoland funktionieren?

Von Tim Diekmann und Thomas Denzel, SWR

Der grün-schwarze Koalitionsvertrag ist schon auf den ersten Blick ein mehrheitlich grüner: Das Titelbild zeigt - leicht mystisch - Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch den Wald und dicht bewachsenes Grün kämpfen. "Jetzt für Morgen", heißt der Vertrag von Grünen und CDU und setzt voll auf Klima- und Naturschutz. Bis 2040 soll das industriell geprägte Autoland im Südwesten klimaneutral werden.

Tim Diekmann
Thomas Denzel

"Klimaneutralität bedeutet, dass nicht mehr Treibhausgase emittiert werden, als der Atmosphäre entzogen werden", erklärt Klimapolitik-Experte Niklas Höhne vom NewClimate Institute. Erlaubt sei also auch das Einrechnen von Projekten, die CO2 aus der Atmosphäre wieder binden - zum Beispiel das Aufforsten von Wäldern oder der Kauf von internationalen Emissionszertifikaten. Doch wenn Baden-Württemberg bis 2040 klimaneutral werden wolle, dann "muss der Ausstoß von Treibhausgasen bis dahin auf ein Minimum reduziert werden."

Noch aber entstehen in Baden-Württemberg nach eigenen Angaben jedes Jahr rund 72 Millionen Tonnen CO2, vor allem bei der Erzeugung von Energie. Insbesondere dort setzt die Landesregierung nun an. Im Rahmen eines Sofortprogramms will sie noch bis Ende des Jahres Staatswald und andere Landesflächen für den Bau von Windrädern anbieten, den Photovoltaikausbau fördern und einen "Rat der Klimaweisen" einführen. Bis Ende 2022 könnte auch das neue Klimaschutzgesetz stehen, das etwa Photovoltaikanlagen auf allen Gebäuden zur Pflicht machen will.

Ist Klimaneutralität möglich?

"Es ist eindeutig möglich, Klimaneutralität zu erreichen", ist Höhne überzeugt. "Und wir wissen ja auch wie es geht: weg von den fossilen Energieträgern, hin zu den erneuerbaren." Wind- und Sonnenergie weiter auszubauen und die Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Technologie zu fördern, wie es die Landesregierung plant, sei der richtige Weg.

Der Verkehr müsse auf CO2-freien Strom umsteigen. Ebenso die Industrie - und wo das nicht möglich sei, sollte sie Wasserstoff aus erneuerbaren Energien nutzen. Beim Kohleausstieg will Winfried Kretschmann auf Bundesebene Druck machen und sich für einen Ausstieg schon 2030 einsetzen. Höhne begrüßt das, 2030 sei es allerdings ohnehin schon sehr spät.

Baden-Württemberg als Maßstab?

"Der Koalitionsvertrag in Baden-Württemberg ist ein ganz ansehnliches Programm, das sich im Vergleich mit anderen Bundesländern sehen lassen kann", sagt Eva Rechsteiner vom Institut für Energie- und Umweltforschung (ifeu) in Heidelberg.

Die aufgelisteten Maßnahmen reichten aber nicht für das angestrebte Ziel aus, tatsächlich zum internationalen Vorbild zu werden. Der Vertrag sei an vielen Stellen gut, aber nicht optimal. Etwa wenn er den Zertifikate-Handel als letztes Mittel für die Kompensation von Emissionen zulässt. "Noch besser wäre es, ihn ganz auszuschließen. Als Industrieland sollte man sich nicht herausnehmen, den Klimaschutz in andere Länder zu verlagern. Auch deshalb, weil die Emissionseinsparungen dort meist sehr schwierig nachzuvollziehen sind."

Keine eindeutige Definition

Positiv sei deshalb, dass Baden-Württemberg Kompensationsprojekte vor der eigenen Haustür plant. "Ein Förderprogramm für Bäume in der Stadt aber - wie es die Landesregierung will - macht nicht wirklich Sinn", meint Rechsteiner. "Aufforstung von städtischen Bäumen ist eine sehr teure Klimaschutzmaßnahme, die mehrere 1000 Euro pro gebundener Tonne CO2 kosten kann."

Auch nur auf den ersten Blick lese sich gut, dass die Landesregierung klimaneutrale Wohngebiete fördern und den Fuhrpark klimaneutral machen will. Der Begriff "Klimaneutralität" sei bei Wohngebieten nicht eindeutig definiert. "Wenn man genau hinschaut, ist die Wärmeversorgung oft nicht klimaneutral. Korrekterweise müsste man außerdem die Energie, die bei der Herstellung des Baumaterials verbraucht wird, mit einrechnen." Und Elektroautos fahren heute noch nicht klimaneutral, weil der Strom noch nicht zu 100 Prozent aus erneuerbarer Energie stammt. Dazu kommt die oft schlechte Umweltbilanz bei der Herstellung der Batterien.

Ein neuer Lebensstil?

Das größte Missverständnis aber sei, dass die Nutzung erneuerbarer Energien und das Einsparen von Energie allein ausreichten, um klimaneutral zu werden, mahnt Rechsteiner. "Man wird sich auch mit unserem Lebensstil und unserer Art zu Wirtschaften beschäftigen müssen", prophezeit sie. "Kapitalismus heißt ständiges Wachstum und die Entkopplung von Ressourceneinsatz und Wachstum werden wir nicht schnell genug schaffen."

Müssen sich nun alle künftig einschränken? Weniger Konsum und weniger Produktion um das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen? Im baden-württembergischen Koalitionsvertrag ist davon nicht die Rede. Auf Nachfrage heißt es aus dem Umweltministerium, dass es nicht darum gehe, "Industrie zur Abwanderung ins Ausland oder gar zum Schließen von Werkstoren zu bewegen".  

Baden-Württemberg habe seit 1990 die Wirtschaftskraft verdoppelt und gleichzeitig die Emissionslast um 25 Prozent gesenkt. "Die Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und CO2-Ausstoß ist also dank neuer Methoden und Techniken zumindest teilweise bereits gelungen." Auf diesem Weg wolle man in Baden-Württemberg nun weiter gehen.

Über dieses Thema berichtete SWR Baden-Württemberg am 19. Mai 2021 um 21:45 Uhr.