Das AKW Brokdorf wird nach knapp 35 Jahren Betriebszeit Ende 2021 abgeschaltet. | dpa

Drei AKW gehen vom Netz Mit Energie zum Atomausstieg

Stand: 26.12.2021 11:35 Uhr

Gundremmingen, Grohnde und Brokdorf: Ende des Jahres gehen drei weitere Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz. Dann bleiben bis Ende 2022 noch drei. Was heißt das für die Stromversorgung?

Von Werner Eckert, SWR

Gundremmingen an der bayerischen Grenze zu Baden-Württemberg: Am Silvestertag wird hier wohl innerhalb von zwölf Stunden System um System im Kraftwerksblock C heruntergefahren. Ab Neujahr werden dann die Stromkabel physisch vom Netz abgetrennt. So hat das der technische Geschäftsführer am Kernkraftwerk Gundremmingen, Heiko Ringel vor einigen Wochen bei einer Pressekonferenz erklärt.

Werner Eckert

Der Rückbau wird wohl bis Mitte der 2030er-Jahre dauern. 89.000 Tonnen Material müssen entsorgt werden. Etwa ein Achtel davon kann nicht verwertet, sondern muss in der einen oder anderen Form endgelagert werden. Es soll niemand entlassen werden. Gut 500 Menschen arbeiten noch in dem Kraftwerk. Es gibt dort noch so viel zu tun, dass in diesem Lehrjahr sieben Auszubildende eingestellt wurden. So oder so ähnlich läuft es auch in Grohnde und Brokdorf. Diese drei Blöcke werden zum Jahresende stillgelegt.

Wenn sie abgeschaltet sind, bleiben für ein weiteres Jahr nur noch drei weitere Atomkraftwerke in Deutschland im Betrieb, nämlich Emsland, Neckarwestheim 2 und Isar 2.

Das AKW Brokdorf wird nach knapp 35 Jahren Betriebszeit Ende 2021 abgeschaltet. | dpa

Das AKW Brokdorf wird nach knapp 35 Jahren Betriebszeit Ende 2021 abgeschaltet. Im Dunkeln sitzt Deutschland deswegen aber nicht. Bild: dpa

Drei AKW macht 1000 Windräder

Bislang haben die sechs Kraftwerke zusammen etwa zwölf bis 14 Prozent der Stromproduktion in Deutschland geliefert. Wenn da nun an Silvester die halbe Kapazität wegfällt, muss etwas anderes dazukommen. Rein rechnerisch entspricht die installierte Leistung der jetzt abzuschaltenden Blöcke der von 1000 Windrädern. Aber natürlich weht der Wind nicht immer.

Immerhin: Vor 30 Jahren lag der Anteil der Kernenergie noch bei fast 30 Prozent, und im Wesentlichen haben Wind und Sonne das tatsächlich ersetzt. Und mehr noch: Auch der drastische Rückgang der Kohleverstromung in den vergangenen Jahrzehnten ist durch Erneuerbare Energien aufgefangen worden. Ihr Anteil an der Stromerzeugung ist von knapp über Null vor 30 Jahren auf 40 bis 50 Prozent gestiegen. Trotz des Atomausstiegs ist dadurch auch der CO2-Ausstoß der deutschen Stromproduktion seit 2010 um etwa 40 Prozent gesunken. Doch der Ausbau von Windparks und Solaranlagen ist nicht mehr so dynamisch wie bisher. Die neue Bundesregierung will das wieder ändern. Bis 2030 sollen 80 Prozent des Stroms nachhaltig erzeugt werden. Das ist bislang nur ein Ziel.

Energie-Austausch zum Vorteil aller

Der Zubau der Erneuerbaren Energien hat erst einmal dazu geführt, dass Deutschland sehr viel mehr Strom erzeugt hat als verbraucht. Vor allem in den 2010er-Jahren ist das Land zum Netto-Strom-Exporteur geworden. Vor einigen Jahren wurden 50 Terawattstunden mehr exportiert als importiert. Das entspricht dem, was vier bis fünf Atomkraftwerke produzieren.

Doch dieser Überschuss ist in den vergangenen drei Jahren deutlich abgebaut worden. Derzeit beträgt der Saldo nur noch knapp zehn Terawattstunden.

Der Austausch von Energie ist aber über die Jahre europaweit immer intensiver geworden. Das hat für alle Nutzen gebracht. Frankreich hat fast in jedem Winter bei akuten Kältewellen Probleme mit der Stromversorgung - trotz seiner 56 Atomkraftwerke. Es importiert dann deutschen Windstrom. Umgekehrt bezieht Deutschland bei Windflauten Atomstrom aus Frankreich.

Bei Solar- und Windstromüberschüssen exportiert Deutschland Strom nach Österreich und Norwegen - und wird umgekehrt bei Mangel von den dortigen Wasser- und Wasserspeicher-Kraftwerken versorgt. Dass das in beiderseitigem Interesse ist, sieht man daran, dass die Strom-Handelsbilanz auch wertmäßig in etwa ausgeglichen ist: Deutschland verschenkt also seinen Strom nicht und muss ihn auch nicht überteuert zurückkaufen.

Wie stabil ist die Versorgung?

Die Angst vor einem Stromausfall wächst mit dem Anteil an Erneuerbaren Energien im Netz und mit dem Wegfall so genannter Grundlastkraftwerke wie AKW. Tatsächlich steckt hinter der Energiewende auch ein neues Konzept für die Stromversorgung. Früher gab es dauerhaft laufende Kraftwerke, die die so genannte Grundlast lieferten, Kohle für die Mittellast und schnellstartende Gaskraftwerke für die so genannte Spitzenlast. Das halten Antreiber der Energiewende für überholt. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung etwa nennt das die "Energie-Denke" von gestern. Das Energiesystem von morgen sei flexibel, digital, hochdynamisch, dezentral und intelligent.

Auch der Deutsche Wetterdienst DWD hat gezeigt, dass Wind und Sonne sich wechselseitig ergänzen. Das gilt schon für Deutschland und erst recht im europäischen Verbund. Allerdings ist das keine Selbstverständlichkeit. Dazu braucht es Netze, Speicher und eben sehr viel mehr Windräder und Solaranlagen. Die Bundesregierung setzt zudem auf weitere Gaskraftwerke, die sogar neu gebaut werden könnten - sofern sie auch geeignet sind, "grünen" Wasserstoff oder daraus hergestelltes "grünes" Methan zu verfeuern. Diese Gase könnten als Speichermedien eingesetzt werden.

Die Anforderungen an das System und die Steuerung steigen. Es muss ja nicht nur genügend Energie erzeugt werden, sondern es muss auch jederzeit genügend am richtigen Ort für die Netzstabilisierung zur Verfügung stehen. Bislang ist die Stromversorgung trotz eines wachsenden Anteils an Erneuerbaren immer sicherer geworden, allerdings bei erheblich höherem Koordinierungsaufwand.

Ob die Entscheidung für den Atomausstieg nun richtig oder falsch war, ist eine Frage der politischen Einschätzung. Es gab und gibt in Deutschland eine stabile Mehrheit, die den Ausstieg grundsätzlich für richtig hält. Ob die Abschaltung fürs Klima gut oder schlecht ist, ist auch unter Wissenschaftlern umstritten. Wäre der Strom der drei Blöcke, die nun vom Netz gehen, in diesem Jahr von Braunkohlekraftwerken erzeugt worden, wären die deutschen Klimagasemissionen um rund 30 Mio. Tonnen höher gewesen. Das ist aber kaum die Alternative. Tatsächlich steigt durch die Abschaltung der Druck, den Ausbau der Erneuerbaren Energien voranzutreiben.

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk Nova am 23. November 2021 um 07:07 Uhr und Deutschlandfunk am 21. Dezember 2021 um 17:09 Uhr.