Inge Deutschkron, Zeitzeugin und Schriftstellerin, nimmt an den Feierlichkeiten des Spatenstichs für den Otto-Weidt-Platz in der Europacity teil.  | dpa

Inge Deutschkron ist tot "Eine Autorität der Menschlichkeit"

Stand: 09.03.2022 18:02 Uhr

Immer wieder hat sie ihre dramatische Geschichte erzählt, um vor allem junge Menschen vor dem Antisemitismus zu warnen. Nun ist die Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron gestorben. Sie wurde 99 Jahre alt.

Die Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron ist im Alter von 99 Jahren gestorben. Das bestätigte die Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa unter Berufung auf ihr persönliches Umfeld.

Die deutsch-israelische Journalistin und Autorin hatte die NS-Zeit als jüdisches Mädchen im Untergrund überlebt. Bekannt wurde sie mit ihrer Autobiografie "Ich trug den gelben Stern" über ihre dramatische Überlebensgeschichte als Jüdin in Berlin. Sie engagierte sich später besonders in der Vermittlung ihrer Erfahrungen an Schüler.

"Mit Inge Deutschkron haben wir eine bedeutende jüdische Zeitzeugin des nationalsozialistischen Terrors in unserer Stadt verloren", erklärte der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Dennis Buchner. Die Berliner Ehrenbürgerin habe immer wieder die Kraft aufgebracht, "ihre Geschichte zu erzählen und uns mit dieser wachzurütteln", sagte der SPD-Politiker.

Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey erklärte, "Inge Deutschkron hinterlässt uns als ihr Vermächtnis die historische, gesellschaftliche und politische Pflicht, niemals zu vergessen, was ihr, ihrer Familie und Millionen europäischer Jüdinnen und Juden angetan wurde."

Steinmeier: Deutschkron hat auch "stille Helden" gewürdigt

Deutschkron wurde 1922 im brandenburgischen Finsterwalde geboren und wuchs in Berlin auf. Während der NS-Zeit überlebte die Jüdin in Deutschland im Untergrund, unter anderem weil nichtjüdische Freunde sie zwei Jahre lang versteckten.

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte Deutschkron als wichtige Zeitzeugin. Sie habe "selbst erfahren, was es bedeutet, wenn Menschenrechte und Menschenwürde von Staats wegen außer Kraft gesetzt werden", betonte Steinmeier in einem Kondolenzschreiben. Inge Deutschkron habe aber auch erlebt, "dass es in Deutschlands dunkelster Zeit Menschen gegeben hat, die sich Mitmenschlichkeit und Mitgefühl nicht haben nehmen lassen", so der Bundespräsident. Ihr sei es "ganz besonders zu verdanken, dass diese 'Stillen Helden' die Würdigung erfahren haben, die sie verdienen".

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wohnte Deutschkron bis Mitte der 1950er-Jahre in England, kehrte anschließend nach Deutschland zurück und arbeitete als Journalistin in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn. Sie berichtete für die israelische Zeitung "Maariw" unter anderem 1963 vom Frankfurter Auschwitzprozess. 1972 verließ sie aus Protest gegen antiisraelische Tendenzen abermals Deutschland. Erst 1988 kehrte Deutschkron nach Berlin zurück.

2013 hielt sie im Bundestag beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus eine bewegende Rede. Auch der Bundespräsident erinnerte speziell an dieses Ereignis: Ihre Rede "hat mich und viele andere Menschen tief berührt", schrieb er. "Inge Deutschkron hat sich um unser Land, um ihr Land verdient gemacht. Wir werden sie niemals vergessen."

Knobloch: "Vergangenheit darf nie in Vergessenheit geraten"

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, nannte Deutschkron eine verbindende Figur zwischen Deutschland und Israel. Sie betonte, die Lehren aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Völkermords müssten "in Zukunft andere weitertragen. Die Vergangenheit darf nie in Vergessenheit geraten, damit sie sich nicht wiederholt".

Der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, bezeichnete Deutschkron als "Autorität der Menschlichkeit und der Erinnerung". Ihre Fähigkeit und ihr Wille, immer wieder die Geschichte der Verfolgung jüdischer Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus zu erzählen und an deren Helfer zu erinnern, habe Generationen von jungen Menschen beeindruckt. Auch angesichts des wieder anwachsenden Antisemitismus habe sie ihre Stimme "deutlich und unbeirrbar, aber nie von Hass geprägt" erhoben.