Ältester Homosapiens-Fund außerhalb Afrikas - Zähne | Bildquelle: Israel Hershkovitz, Tel Aviv

Studie zu Homo sapiens Out of Africa - aber viel früher

Stand: 25.01.2018 20:00 Uhr

Forscher haben in Israel die ältesten Homo-sapiens-Fossilien außerhalb Afrikas gefunden. Ihre These: Die menschlichen Vorfahren verließen Afrika vor mindestens 177.000 Jahren - viel früher als gedacht.

Von Gábor Paál, SWR

Die Misliya-Höhle befindet sich zwölf Kilometer südlich der Küstenstadt Haifa an den Westhängen des Karmel-Gebirges. Hier fand das Team des Anthropologen Israel Hershkovitz fossile Schädel- und Kieferfragmente eines frühen Homo sapiens. Drei unabhängige Datierungen ergaben ein Alter von 177.000 bis 194.000 Jahre. Die Ergebnisse veröffentlichte das Team jetzt in der Zeitschrift "Science". Stimmen die Befunde, dann hat der Homo Sapiens Afrika wesentlich früher verlassen als bislang angenommen. Bisher datierte die "Out-of-Africa-Theory" die Einwanderung von Afrika nach Vorderasien auf einen Zeitraum vor 60.000 bis 120.000 Jahren.

Zu jener Zeit besiedelte allerdings auch der Neandertaler die Region. Dass es sich beim aktuellen Fund dennoch um einen Vertreter des Homo sapiens handelt, schließen die Forscher aus der genauen Untersuchung der Zähne. Moderne physikalische Methoden erlauben es dabei auch, den inneren Aufbau von Zähnen zu analysieren, ohne sie zu zerstören.

Der Fund gibt aus Sicht von Hershkovitz auch einen neuen Hinweis auf den Weg, den der moderne Mensch von Ostafrika nach Asien genommen hat. Zwei Routen kommen in Betracht: Der eine führt über Ägypten und die Sinai-Halbinsel. Der andere vom heutigen Äthiopien über die heutige Meerenge Bab al-Mandab über die arabische Halbinsel. Der Fundort in Israel spricht dafür, so Hershkovitz, dass Homo sapiens zunächst den Weg über das Niltal nahm - was nicht ausschließt, dass eine spätere Auswanderungswelle über die arabische Halbinsel kam.

Ältester Homosapiens-Fund außerhalb Afrikas: Die Misliya-Höhe bei Haifa | Bildquelle: Mina Weinstein-Evron, Haifa Univ
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Die Misliya-Höhle befindet sich zwölf Kilometer südlich von Haifa.

Unterstützung durch genetische Studien

Die neue Studie aus Israel bestätigt Erkenntnisse von Evolutionsgenetikern. Rund vier Prozent des menschlichen Erbguts stammt von Neandertalern. Forscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig kamen aufgrund von DNA-Untersuchungen Ende vergangenen Jahres zum Ergebnis, dass die Wege von Homo sapiens und Neandertaler sich schon vor 130.000 bis 145.000 Jahren gekreuzt haben müssen. Das ergaben Analysen von Neandertaler-DNA. Diese Studie ließ schon vermuten, dass sich Homo sapiens bereits vor 130.000 Jahren außerhalb Afrikas aufhielt und es dort auch zu sexuellen Kontakten kam.

Ebenfalls im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass in Marokko schon vor 300.000 Jahren frühe Homo-Sapiens-Gruppen lebten. Damit ist das alte Bild, das Homo sapiens vor rund 200.000 Jahren innerhalb eines kleinen Gebiets in Ostafrikas entstand und sich von dort erst langsam nach Norden einschließlich Asien und Europa ausbreitete, hinfällig. Die Knochen aus Israel sind etwa genauso alt wie die ältesten bekannten Homo-sapiens-Funde aus den ostafrikanischen Fundstätten Herto und Omo Kibish.

Forscher gehen deshalb inzwischen davon aus, dass der moderne Mensch nicht in einer großen Auswanderungsbewegung Afrika verließ, sondern in mehreren Wellen. Der jetzt veröffentlichte Knochenfund ist jedoch noch ein Einzelfall. Bisher gibt es kaum Hinweise, dass die frühen Auswanderer sich vor mehr als 120.000 Jahren über den Nahen Osten hinaus ausgebreitet haben.

Ältester Homosapiens-Fund außerhalb Afrikas | Bildquelle: Rolf Quam, Binghamton University
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Die Karte zeigt Fundstellen von Homo sapiens: Jebel Irhoud in Marokko, Omo Kibish und Herto in Äthiopien und Misliya in Israel.

Diskussion um Steinwerkzeuge

Ebenso interessant wie die Knochen sind für die Wissenschaftler aber auch die in der gleichen Bodenschicht gefundenen Steinwerkzeuge. Sie wurden mit der sogenannten Levallois-Technik hergestellt. Diese Technik erfordert hohe Fertigkeiten und genaue Planung, spart aber Material. Anders als bei gewöhnlichen Faustkeilen wird der Ursprungsstein dabei nicht gleichförmig abgeschlagen, sondern zunächst so präpariert, dass am Ende ein Schlag genügt, um die fertige Klinge aus dem Kernstein herauszuhauen.

Für die britischen Anthropologen Chris Stringer und Julia Galway-Witham spricht dies dafür, dass die Levallois-Technik mit den ersten modernen Menschen in Vorderasien entstanden ist. Dies bezweifelt allerdings Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Tatsächlich wurden in Asien und Europa schon Werkzeuge gefunden, die mit der gleichen Technik hergestellt wurden, aber über 200.000 Jahre alt sind. Sie werden dem Neandertaler zugeordnet. Das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist also noch nicht gesprochen.

Apropos "Wort": Das Wort "Afrika" kannten die frühen Migranten natürlich nicht. Sie hatten auch keine Weltkarte im Kopf. Dass sie einen "Kontinent" verlassen, dürfte ihnen deshalb gar nicht bewusst gewesen sein. Sie haben einfach neues Land erschlossen. Nur aus heutiger Sicht ist deshalb der "Auszug aus Afrika" eine wichtige Wegmarke der Menschheitsgeschichte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. Juni 2017 um 20:00 Uhr.

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