Gorbatschow 2014 bei einem Berlin-Besuch vor dem Brandenburger Tor | dpa
Analyse

Ehemaliger sowjetischer Staatschef Was Deutschland Gorbatschow verdankt

Stand: 31.08.2022 16:16 Uhr

Gorbatschow hat nicht allein die Mauer eingerissen, aber geholfen, dass es so weit kam. Dafür verehren ihn bis heute viele Deutsche. Gabor Halasz über Tage voller Sorgen, einen Spaziergang am Rhein und ein historisches Zitat.

Von Gabor Halasz, ARD-Hauptstadtstudio

Manchmal verändern Worte die Welt, auch wenn sie nicht gesagt wurden: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Das ist der vielleicht berühmteste Satz, der so nie ausgesprochen wurde.

Gabor Halasz

Im Oktober 1989 geht er um die Welt. Zugeschrieben werden diese Worte Michail Gorbatschow, dem Generalsekretär aus Moskau, der damals gerade nach Ost-Berlin gereist ist. Als Ehrengast aus dem nicht mehr so sehr geliebten Brudervolk - die DDR wird 40 Jahre alt. Doch die Feiern wirken seltsam bizarr. Während im Palast der Republik die Gläser erhoben werden, demonstrieren Massen auf den Straßen und fordern Reformen und Demokratie. Die SED-Spitze hat sich vom Volk entkoppelt. Sie kommt zu spät und wird wenig später vom Leben bestraft werden.

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Michail Gorbatschow: Der Mann, der die Welt veränderte

Eine Gefahr für das greise Politbüro

In der DDR sehnen sich die Menschen immer mehr nach einem Reformer. Doch für das greise Politbüro der SED rund um Erich Honecker ist der Besucher aus der Sowjetunion längst zu einer großen Gefahr geworden. Gorbatschow wirkt im Vergleich mit den älteren Herren in Ost-Berlin wie ein junger Mann mit frischen Ideen. Einer, der die Fenster aufgestoßen hat.

Die Kameras der Welt sind auf ihn gerichtet. Er geht auf sie zu und spricht einen Satz, der ein wenig an das berühmte Zitat erinnert: "Ich glaube, Gefahren lauern nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren." Ein Satz, der sich nicht für Schlagzeilen eignet. Doch Gorbatschow hat sich später nie gegen den berühmten Satz gewehrt.

Er hat nicht allein die Welt verändert, aber ...

Auf den Straßen in Plauen, Dresden, Leipzig und Berlin rufen sie: "Wir sind das Volk!" und "Keine Gewalt". Es sind Tage voller Sorge. Wie lange wird die SED sich das bieten lassen? Die Angst vor einer chinesischen Lösung mit Gewalt ist groß. Es ist auch die Angst, die Sowjetunion könnte wie schon 1953 ihre Panzer aus den Kasernen holen.

Doch Gorbatschow tut es nicht - zum ersten Mal in der deutschen Geschichte bleibt eine Revolution friedlich. Ein Glück für die Deutschen, das sie auch Gorbatschow verdanken. Er hat nicht allein die Welt verändert, nicht allein die Mauer eingerissen. Es waren die Ostdeutschen auf den Straßen. Aber ohne Gorbatschow wäre die deutsche Wiedervereinigung nicht möglich gewesen.

Ein Spaziergang mit Kohl am Rhein

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben - auch wenn Gorbatschow diese Worte so wohl nie gesagt hat, hat er sie verstanden. Vielleicht schon als er im Sommer 1989 nach Bonn gereist war. Gorbatschow geht mit Bundeskanzler Helmut Kohl spazieren.

Dabei soll Kohl mit Blick auf den Rhein gesagt haben: So sicher wie das Wasser ins Meer fließe, so sicher komme die deutsche Wiedervereinigung. Gorbatschow habe - so erzählt es Kohl später - damals nicht widersprochen.

Ein gutes Jahr später gehen Bilder aus dem Kaukasus um die Welt. Kohl in Strickjacke, Gorbatschow im Pullover - beide besiegeln am Holztisch mehr oder weniger die deutsche Einheit. Es ist der Beginn einer Männerfreundschaft.

Von der Geschichte überrollt

"Gorbi, Gorbi", rufen Ost- und Westdeutsche. Der Mann aus dem Kreml wird auf beiden Seiten der Mauer verehrt. Er hat das Leben von Millionen verändert - nicht nur in Deutschland. Dabei wurde er nie demokratisch gewählt. Er wollte den Sozialismus reformieren und nicht abschaffen. Wurde später von der Geschichte überrollt.

Das ändert nichts daran, dass Gorbatschow in Deutschland ein Held bleibt. Vielleicht waren sich Bonn, Berlin und Moskau nie wieder so nah wie unter dem jungen Generalsekretär und ersten sowjetischen Präsidenten. Damals - Anfang der 1990er-Jahre als der Kalte Krieg endete. Manch einer sprach vom Ende der Geschichte.

Mauern und Kriege dauern nicht für immer

Dass in Europa wieder Krieg geführt wird, schien damals undenkbar. Heute wirken diese Zeiten unendlich weit weg. Ein Mann im Kreml hat die Zeit zurückgedreht. Das macht den Deutschen schmerzhaft bewusst: Gorbatschow mag in Deutschland ein Held gewesen sein, zuhause ist er es nicht.

Seine Lebensgeschichte zeigt aber auch, Mauern und Kriege dauern nicht für immer. Wenn die richtigen Politiker zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind und den berühmten ungesagten Satz beherzigen: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. August 2022 um 12:00 Uhr.