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Modellprojekt in Vorpommern Ein Jahr Landleben testen

Stand: 26.04.2021 12:15 Uhr

Leerstand und wenig junge Leute - mit diesen beiden Problemen kämpft manche Kleinstadt, so auch Loitz in Vorpommern. Mit einem unkonventionellen Projekt will der Ort nun Großstädter anlocken.

Von Susann Moll, NDR

Annika Hirsekorn streicht behutsam etwas Lehm auf den Riss in der alten Wand. Sie hat das noch nie gemacht, weiß nicht, ob es funktionieren wird. Doch die 35-Jährige probiert es aus - genau wie das Leben auf dem Land.

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Annika Hirsekorn will den Menschen in Loitz auch Kunst-Workshops anbieten.

Aus Metropolen in die Kleinstadt

Hirsekorn und ihr Mann Rolando González werden das nächste Jahr in der Kleinstadt Loitz leben, mitten in Vorpommern. Sie ist in Berlin aufgewachsen, hat schon immer dort gelebt. Er stammt aus Venezuela, war in Metropolen wie Caracas oder Mexiko-Stadt zuhause. Nun also Loitz - eine Stadt mit knapp 3000 Einwohnern.

Die Stadt stellt den beiden für die Zeit kostenlos ein altes Haus zur Verfügung. Da es sanierungsbedürftig ist, müssen sie es aber erst einmal herrichten. Zusätzlich bekommt das Ehepaar von der Stadt eine Art Grundeinkommen - jeder 1000 Euro pro Monat. Im Gegenzug sollen Hirsekorn und González im Untergeschoss des Hauses und dem Innenhof gemeinsam mit den Einwohnern einen Treffpunkt schaffen.

Junge Leute im Blick

Reichlich Ideen haben die beiden: "Vielleicht könnten wir kleine Events starten, wenn das wieder geht. Konzerte oder Filme zeigen", sagt González. Auch eine Sammlung an Comic-Heften haben sie mitgebracht und könnten sich vorstellen, eine Art Comic-Bibliothek zu eröffnen.

Als studierte Kunsthistorikerin organisierte Hirsekorn in den vergangenen Jahren in Berlin viele Ausstellungen und will Künstlerinnen und Künstler einladen, in Loitz zu arbeiten. Und die Grundausrüstung für eine Siebdruck-Werkstatt hat sie auch dabei. "Wir könnten Workshops anbieten und mit den Loitzer*innen Kunst machen", sagt die 35-Jährige.

Das Angebot soll sich auf jeden Fall an die jungen Leute in der Region richten. So wünscht es sich auch die Bürgermeisterin des Ortes, Christin Witt (CDU). Denn junge Leute gibt es ihrer Ansicht nach zu wenige in der Stadt. Sie hofft, dass das Projekt und das, was da am Ende herauskommt, neugierig macht und auch eine Art Sogwirkung hat.

Denn Loitz hat noch ein zweites Problem: Allein in der Innenstadt stehen mehr als zehn Häuser leer. Die Eigentümer sind oft weit weg, die Häuser drohen zu zerfallen. "Das macht keinen guten Eindruck", sagt Witt. Und stelle teilweise auch eine Gefahr da, sodass die Stadt die zum Teil einsturzgefährdeten Ruinen sichern muss.

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Rolando González erhält bei seinen Renovierungsarbeiten auch Hilfe aus der Nachbarschaft.

Die Neuen sollen sich heimisch fühlen

So schlimm steht es um das "neue" alte Haus, in das Hirsekorn und González nun einziehen, nicht. Es ist aber einiges zu tun. Dabei sind die beiden auf die Hilfe der Loitzerinnen und Loitzer angewiesen. Aber auch das ist Teil des Projekts. Die Nachbarschaftshilfe soll ihnen das Ankommen erleichtern.

Denn ein emotionaler Bezug zu einem Ort ist ein entscheidender Faktor dafür, dass Großstädter sich ein Leben auf dem Land vorstellen können. Das fand zumindest die Kreativagentur "fint" aus Rostock in einer Umfrage heraus. "Und dass sie nicht sofort alle Zelte abbrechen wollen, sondern erst mal eine Testphase brauchen", sagt Teresa Trabert von "fint", die für das Projekt "Dein Jahr in Loitz" verantwortlich ist.

Bund unterstützt das Modellprojekt

Die Mittel für das Projekt - sowohl für die Unterstützung durch die Kreativagentur als auch für das Grundeinkommen - stammen aus dem Bundeswettbewerb "Zukunftsstadt 2030". Loitz hatte sich neben Städten wie Ulm, Wolfsburg und Dresden für die letzte Phase qualifiziert und kann nun Vorhaben umsetzen, die die Stadt voranbringen sollen.

Hirsekorn und González leben nun für ein Jahr auf Probe in der Kleinstadt. Sie sollen über ihr Leben dort und ihre Erfahrungen berichten, damit dann noch weitere junge Leute nach Loitz ziehen - so zumindest die Hoffnung der Stadt für das Projekt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 26. April 2021 um 22:35 Uhr.