Ein junges Mädchen hält sich die Hände vor ihr Gesicht. | dpa

Sexualisierte Gewalt in Familien Täter sind oft die Väter

Stand: 07.09.2021 13:36 Uhr

Eine aktuelle Studie zeigt, wie schwierig es ist, sexualisierte Gewalt in der Familie zu erkennen. Denn die Täter sind meistens die Väter - und sie schaffen es häufig, den Schein der Normalität aufrecht zu erhalten.

Bei Missbrauchsfällen im familiären Umfeld sind nach Angaben der Opfer am häufigsten deren Eltern die Täter. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs vorstellte. Demnach ist fast jeder zweite Täter (48 Prozent) der leibliche Vater, Stief- oder Pflegevater. Insgesamt macht die Studie 87 Prozent männliche und 13 Prozent weibliche Täter aus. Von den Betroffenen wurden außerdem Onkel, Brüder, Großväter und andere männliche und weibliche Verwandte genannt - Mütter, Stief- und Pflegemütter machen zehn Prozent der Täter und Täterinnen aus.

Für die Studie "Sexuelle Gewalt in der Familie. Gesellschaftliche Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche von 1945 bis in die Gegenwart" wurden laut Angaben 870 vertrauliche Anhörungen und schriftliche Berichte ausgewertet. Sie ist das Ergebnis eines fünfjährigen Forschungsprojekts und begleitend zur Arbeit der Aufarbeitungskommission entstanden. Durchgeführt wurde das Forschungsprojekt von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Selten Eingriffe in die Familie von außen

Die Opfer waren in ihrer Mehrheit weiblich - nur etwa zehn Prozent machten Jungen und männliche Jugendliche aus. Die Betroffenen wurden von den Tätern bedroht, geschlagen oder regelrecht verprügelt. Andere Familienangehörige, besonders Mütter, glaubten oder halfen ihnen oft nicht und duldeten den Missbrauch.

Viele Opfer erlebten die Gewalt durch mehr als eine Person innerhalb und außerhalb der Familie. Bei fast jedem zweiten Kind begann der Missbrauch vor dem sechsten Lebensjahr und dauerte viele Jahre. Ihre Qual wurde nur selten durch Eingriffe von außen beendet. Die Wissenschaftler sehen eine Erklärung darin, dass die Scheu in Familienangelegenheiten einzugreifen besonders groß ist, nicht nur bei Privatpersonen, sondern auch bei Fachkräften des Jugendamts.

Kinder können Familie nicht einfach verlassen

Den Täterinnen und Tätern gelinge es vielfach, den Schein der Normalität aufrecht zu erhalten. Die Kinder seien daher auf ein aufmerksames Umfeld angewiesen und müssten sich darauf verlassen können, dass der Schutz der Privatsphäre nicht dazu führe, dass sie selbst schutzlos sind, erklärten die Autorinnen der Studie.

Ein wesentlicher Unterschied zu anderen Tatkontexten sei, dass Kinder ihre Familie meist nicht einfach verlassen könnten wie etwa einen Sportverein. Die Betroffenen berichteten zugleich, sie hätten immer wieder versucht, der Gewalt zu entkommen. Manche sprachen von Suizidgedanken, viele seien von zu Hause weggelaufen. Laut der beteiligten Wissenschaftler sind weitere Aufarbeitungsschritte nötig.

So müsse unter anderem auf der Basis von Betroffenenberichten geklärt werden, wie Jugendämter agiert hätten und ob und wie Hilfe wirkungsvoll gewesen sei. Hierzu habe die Kommission jüngst eine Fallstudie in Auftrag gegeben.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 07. September 2021 um 12:45 Uhr.