Pflaster mit dem Wirkstoff Fentanyl in einer Schublade | picture alliance/dpa

Schmerzmittelmissbrauch Unterschätzte Suchtgefahr?

Stand: 03.07.2022 15:47 Uhr

Mit einer Schmerztablette fängt es häufig an - für mehr als anderthalb Millionen Deutsche endet es in einer Sucht. Werden in Deutschland zu leichtfertig Schmerzmittel verschrieben? Eine Studie geht der Frage nach.

Von Finja Böhling, Radio Bremen

"Es war anfangs nur Tilidin, die ersten zwei Jahre. Dann Oxycodon. Und dann bin ich auf Fentanyl umgestiegen. Viel tiefer kann man eigentlich gar nicht fallen", erzählt Timo. Timo ist nicht sein richtiger Name - er möchte nicht, dass seine Freunde und Bekannten von seiner Sucht erfahren. Der 24-jährige Bremer ist seit fünf Jahren abhängig von Opioiden, also starken Schmerzmitteln mit einem hohen Suchtpotenzial.

Fentanyl ist eines der stärksten Schmerzmittel. Es wirkt bis zu 50-mal stärker als Heroin und ist, genauso wie andere Opioide, rezeptpflichtig in deutschen Apotheken erhältlich.

Abhängigkeit nach wenigen Wochen

Für Timo hat alles mit einem Rezept seiner damaligen Hausärztin angefangen. Sie verschreibt ihm Tilidin gegen Rückenschmerzen. Was er da eigentlich nahm, sei ihm damals nicht bewusst gewesen, sagt Timo. "Sie hat zwar gesagt, dass es ein Schmerzmittel ist, aber nicht was es machen kann und wie die Nebenwirkungen sein können." Die Suchtgefahr sei ihm damals nicht klar gewesen.

Wenn Opioide länger als vier Wochen eingenommen werden, kann eine körperliche Abhängigkeit entstehen. 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind laut Epidemiologischem Suchtsurvey abhängig von Schmerzmitteln. Zum Vergleich: Die Anzahl der alkoholabhängigen Menschen in Deutschland ist genauso hoch, legt man die Daten der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zugrunde.

Auch Timo geriet in eine Sucht. Ein Jahr lang ist er abhängig von Tilidin. Dann soll Schluss sein. Seine Ärztin verschreibt ihm die letzte Flasche - zusammen mit einer Überweisung zum Entzug.

Verschreibung auch bei Rückenschmerzen

Werden in Deutschland zu leichtfertig Opioide verschrieben? Dieser Frage sind Forscherinnen und Forscher der Universität Bremen im Opioid Report nachgegangen. Die Studie ist zusammen mit der Handelskrankenkasse entstanden. Das Ergebnis: In Deutschland zeichnet sich keine Krise wie in den USA ab. Dort steigt schon seit mehreren Jahren die Zahl der Menschen, die an einer Überdosis sterben.

Aber der Report zeigt, dass starke Schmerzmittel überwiegend bei weniger schwerwiegenden Erkrankungen wie zum Beispiel Rückenschmerzen oder Arthrose eingesetzt werden - und nicht, wie anzunehmen, in der Krebstherapie. Das zeigen die Zahlen: In den Jahren 2019 und 2020 waren 81 Prozent aller Frauen und 78 Prozent aller Männer, die starke Schmerzmittel verschrieben bekamen, keine Krebspatienten. Verschrieben wurden die Medikamente fast ausschließlich von Allgemeinmedizinern und hausärztlichen Internistinnen.

Joachim Ulma, Chefarzt der Klinik für Schmerzmedizin im Rotes Kreuz Krankenhaus in Bremen, alarmieren diese Zahlen nicht. Er hält es gar für falsch, dass starke Schmerzmittel nur Krebspatienten vorbehalten sein sollten. Es gäbe eben auch viele andere Patientinnen und Patienten, die damit behandelt werden sollten. "Das sind zum Beispiel Patienten mit Rheumaerkrankungen oder mit einer Hüftgelenksarthrose, deren körperlicher Zustand es nicht mehr erlaubt, sie zu operieren. Wir dürfen nicht so tun, als wären Opiate nur für Tumorpatienten."

Zu leichter Zugang?

Timo hätte sich ein aufklärendes Gespräch mit seiner Hausärztin gewünscht. Auch wenn er sich selbst als hauptverantwortlich für seine Sucht sieht, so macht er seiner Ärztin dennoch Vorwürfe. Sie habe ihn nur mangelhaft aufgeklärt und ihm fahrlässig Medikamente verschrieben, die abhängig machten. Den Entzug, zu dem sie ihm rät, macht er. Er dauert 22 Tage. Danach ist sein Körper zwar entgiftet, sein Kopf aber noch nicht clean. Timo verfällt zurück in die Sucht.

Es sei leicht gewesen, an die Rezepte für Opioide zu kommen. Wie? Das beschreibt er so: "Ich hatte in der Stadt meine drei, vier Ärzte, die mir das verschrieben haben, jede Woche." Je schlechter die Bewertung eines Arztes oder einer Ärztin im Netz gewesen sei, desto leichter sei er ans Rezept gekommen, sagt Timo. "In dem Ärztezimmer war ich keine fünf Minuten drin und bin mit dem Rezept da rausgegangen".

Verkauf über Telegram

Ulma ist der Auffassung, dass Hausärzte grundsätzlich verantwortungsvoll mit der Vergabe von Opioiden umgingen. "Die Vergabe ist in Deutschland durch das Betäubungsmittelgesetz sehr stark reglementiert." Ein persönlicher Kontakt mit dem Arzt oder der Ärztin einmal pro Quartal sei die Voraussetzung dafür, Opioide zu verschreiben.

Timo stockt zusätzlich zu den verschriebenen Opioiden mit Medikamenten vom Schwarzmarkt auf. "Hier gibt's Fentanyl, 100 Mikrogramm für 60 Euro…", zeigt er auf seinem Handy. Der Verkauf läuft über die Messenger-App Telegram - anonym, mit einem Klick.

"Uns fehlen 2500 bis 3000 Schmerztherapeuten"

Untersuchungen der Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen zeigen, dass sich der Missbrauch und die Abhängigkeit von Medikamenten in Deutschland weiter erhöht. Der Schmerzmediziner Ulma sieht das mit Sorge, denn es fehle schlicht an Fachpersonal. "Uns fehlen in Deutschland 2500 bis 3000 Schmerztherapeuten. Wenn wir die hätten, könnten wir natürlich auch solche Patienten besser und schneller behandeln", sagt er.

Für Timo ging es lange Zeit nur bergab: Mehrfach war er im Krankenhaus, hat seinen Job und seine Wohnung verloren. Mittlerweile beschreibt er sein Leben wieder als geregelt: "Aber das ist auch erst, seitdem ich ehrlich damit bin. Vorher habe ich es immer versucht zu verheimlichen".

Ganz ist er von den Schmerzmitteln noch nicht weggekommen. Timo macht einen ambulanten Entzug, geht jeden Tag zum Arzt und nimmt unter Aufsicht Medikamente ein. Seine Dosis wird wöchentlich heruntergestuft. In ein bis eineinhalb Monaten will Timo clean sein - und es auch bleiben.

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung "Markt" am 13. September 2021 um 20:15 Uhr.