Wolfgang Fischer beim Dreh mit dem Bayerischen Rundfunk | br
#mittendrin

Wohnen im Münchner Zentrum Der soziale Vermieter

Stand: 12.07.2021 15:35 Uhr

In wenigen deutschen Städten ist Wohnen so teuer wie in München - und es wird immer teurer. Aber mitten in der Metropole verzichtet ein Vermieter seit Jahren auf Mieterhöhungen und Kündigungen.

Von Alf Meier, BR

Glasfronten, Büros, schicke neue Wohnanlagen, schöne renovierte Altbauten. Die Nymphenburger Straße ist eine beliebte und nicht ganz billige Adresse im ohnehin schon sehr teuren München.

Doch in einem Hinterhof ist plötzlich alles anders - ländliche Idylle mitten in der Stadt. Eine Oase geschaffen von Wolfgang Fischer.

Sein Grundstück wäre eine Goldgrube für Investoren, sagt er. Immer wieder machten ihm Immobilienhändler Angebote, zwölf Millionen Euro hätte er schon kassieren können. Doch seine Mieter seien ihm wichtiger, sagt er:

Jetzt habe ich wieder so ein schmieriges Angebot gekriegt: 'Sehr geehrter Herr Fischer, von einer renommierten Münchner Unternehmerfamilie sind wir exklusiv beauftragt, ein geeignetes Anwesen zu akquirieren.' Das heißt, sie würden mir Millionen geben - aber ich müsste mich ganz schnell aus dem Haus rausschleichen, mit einem Koffer - damit meine Mieter nicht wissen, dass sie verkauft worden sind. Und ich verkaufe keine Menschen.
München von oben | dpa

Die bayerische Landeshauptstadt hat mit das höchste Mietpreisniveau in Deutschland. Bild: dpa

Deutlich unter dem Mietspiegel

Menschen sind keine Investitionen, Mieter brauchen ein sicheres Zuhause, das ist Fischers Credo. Er vermietet deutlich unter dem Mietspiegel, senkt die Miete sogar noch, wenn jemand in finanzielle Schwierigkeiten gerät, wie etwa in der Corona-Krise geschehen. Kein Wunder, dass seine Mieterinnen und Mieter sich hier wohlfühlen.

"Wenn es jemandem nicht ganz so gut geht, der wird nicht gleich rausgeschmissen, nur weil er die Miete nicht bezahlen kann", schildert eine Mieterin, auch wenn letzteres auf sie nicht zutreffe. Und man wisse, dass die Miete nicht erhöht werde, es gebe auch keine Eigenbedarfskündigungen: "Es ist einfach eine sehr, sehr große Beruhigung."

"Das ist kein gesundes Wachstum, das ist Krebs"

1989 erbte Fischer das Sechs-Parteien-Haus mit Innenhof, Atelierhaus und Schreinerwerkstatt von seiner Tante. Damals sei es etwa 200.000 Euro wert gewesen, sagt der ehemalige Schauspieler. Dass die Immobilienpreise mittlerweile explodiert sind, gefällt dem Immobilienbesitzer nicht. "Jeder Quadratzentimeter ist Tausende von Euro wert, ja wo samma denn?" Früher sei der Bodenrichtwert 20 Jahre lang gleich geblieben. Als er das Haus bekam, habe er bei 1600 Mark gelegen - jetzt bei 14.500 Euro, und er steige alle zwei Jahre um 25 Prozent. "Das ist kein gesundes Wachstum, das ist Krebs", sagt Fischer.

"Der Mietmarkt ist eine Katastrophe. Wir leben hier sicherlich auf der Insel der Glückseligen", sagt seine Mieterin. Es gebe zwar auch andere Vermieter wie Fischer - "aber es gibt halt auch ganz, ganz viele, die rauspressen, was rauszupressen ist".

Wolfgang Fischer in seiner Garage | br

Vermieter Fischer zeigt dem Team des Bayerischen Rundfunks seinen Mercedes, den er seit Jahrzehnten fährt. Bild: br

Auch die Zukunft ist geregelt

Damit die Insel der Glückseligkeit nicht untergeht, soll eine Münchner Genossenschaft Haus und Grundstück einmal erben. Vorsichtshalber hat Fischer bereits alles vertraglich geregelt. Seine Mieter werden dann Mitglied in der Genossenschaft, mit lebenslangem Wohnrecht und moderaten Mieten.

"Hier ist das Paradies, und ich gebe Obacht drauf, dass das so bleibt. Alles Negative ist da draußen, und ich versuche das hier zu vermeiden - aber wir sind keine Engel", sagt er.

Fischer, der ein verhältnismäßig bescheidenes Leben führt, hat viel erlebt. Als junger Mann lebte er absichtlich eine Zeit lang auf der Straße, später dann lange New York. Für ein anständiges Leben, so sagt der 79-Jährige, reichten seine Mieteinnahmen allemal.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 12. Juli 2021 um 22:20 Uhr.