Eingangsbereich der Gedenkstätte Sachsenhausen | Mirja Fiedler
mittendrin

Streit über Gedenkstätte Sachsenhausen Zwischen Erinnerungskultur und Buslärm

Stand: 06.12.2022 16:04 Uhr

Es ist der Weg, den damals auch die Häftlinge zum KZ Sachsenhausen gehen mussten. Hier entlang fahren nun die Besucher-Busse. Für die einen ist es bewusste Erinnerungskultur, die anderen stören Buslärm und Abgase.

Von Mirja Fiedler, rbb

Ein grau geteerter Weg führt von der Hans-von-Dohnanyi-Straße im Oranienburger Ortsteil Sachsenhausen in die Gedenkstätte für das ehemalige Konzentrationslager - vorbei an Wohnhäusern, in denen während des Zweiten Weltkriegs SS-Offiziere lebten. Hier entlang haben Nationalsozialisten zehntausende Häftlinge in das Konzentrationslager Sachsenhausen getrieben - mitten durch Oranienburg.

Mirja Fiedler

"Die Konzentrationslager waren nicht irgendwo auf der Brache oder irgendwo auf dem Mond lokalisiert, sondern waren wirklich Bestandteil städtischer Gesellschaftsstruktur", erklärt der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten,  Axel Drecoll. "Daran können wir sehen, wie eng im Nationalsozialismus Alltag und Verbrechen tatsächlich ineinander verwoben waren."

Plattenweg zur Gedenkstätte Sachsenhausen | Mirja Fiedler

Hier entlang haben Nationalsozialisten zehntausende Häftlinge in das Konzentrationslager Sachsenhausen getrieben. Bild: Mirja Fiedler

Der Weg der Besucher - der Weg der Häftlinge

Mehr als 200.000 Menschen waren in dem Konzentrationslager bis 1945 gefangen, Tausende hat die SS in Sachsenhausen ermordet. Allein im Herbst 1941 wurde durchschnittlich alle drei Minuten ein sowjetischer Kriegsgefangener per Genickschuss umgebracht - in einer extra dafür gebauten Anlage.

"Es war sichtbar, und man musste sich in irgendeiner Form dazu verhalten", meint Historiker Drecoll, der auch die Gedenkstätte und das Museum Sachsenhausen leitet. "Denn auch das Wegsehen ist eine Form des Verhaltens." Um Besuchern heute die Gräueltaten näher zu bringen, führt der Weg sie bewusst von Westen durch Oranienburg in die Gedenkstätte.

Buslärm und Abgase

In den Häusern der ehemaligen SS-Offiziere direkt an der Gedenkstätte leben heute Oranienburger, die dort schon seit Jahrzehnten wohnen. Die meisten haben sich daran gewöhnt, dass jedes Jahr bis zu 700.000 Besucher hierher strömen und Geld in die Region bringen.

Rund ein Viertel der Besucher reist mit Bussen an. Dagegen regt sich in angrenzenden Straßen seit Jahren Widerstand. "Jeder Bus braucht ja nur eine halbe Stunde nach Ankunft und Abfahrt - und das ist wenig gerechnet - den Motor laufen zu lassen“, erzählt die Sprecherin der Anwohnerinitiative "Gedenkstätte Sachsenhausen - Gedenken im Einklang mit dem Leben", Waltraut Krienke. "Dann haben wir den ganzen Tag hier Buslärm. Es ist nicht auszuhalten und natürlich auch die Abgase. Wenn der Wind von Osten kommt, haben wir die Abgase im Garten."

Zwei Busse stehen nebeneinder | Mirja Fiedler

Rund ein Viertel der Besucher reist mit Bussen an - dagegen regt sich seit Jahren Widerstand. Bild: Mirja Fiedler

Anwohner wollen Busparkplatz verlegen

Die Anwohner fordern, den Busparkplatz zu verlegen, zum Beispiel auf die andere Seite der Gedenkstätte - weg vom Weg der Häftlinge durch die Stadt, vorbei am Finanzamt oder an einer Brache. Angehörige der Opfer des Konzentrationslagers Sachsenhausen werfen der Stadt deswegen vor, sie wolle sich ihres historischen Erbes entledigen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der sowjetische Geheimdienst NKWD in dem Lager rund 60.000 Gegner interniert, bevor es in der DDR 1961 zur nationalen Mahn- und Gedenkstätte wurde.

Bürgermeister sieht berechtigte Auseinandersetzung

"Die Gedenkstätte ist ein integraler Bestandteil der Stadt Oranienburg und liegt uns sehr am Herzen. Sie ist Teil unserer Persönlichkeit, und wir pflegen Erinnerungskultur", betont der Bürgermeister der Stadt Oranienburg, Alexander Laesicke.

Es sei aber schwierig, weil die Auseinandersetzung berechtigt sei. "Es gibt einen Besucherverkehr, der sich relativ erfreulich entwickelt. Also, es werden mehr Besucher", sagt der parteilose Politiker. "Das führt aber auch dazu, dass die Anwohner immer mehr belastet werden, und deswegen müssen wir die Wegeführung etwas neu organisieren. Da haben wir es aber wieder mit historisch sensiblen Orten zu tun."

Betonstelen mit der Aufschrift  Gedenkstätte und Museum | Mirja Fiedler

Für die Angehörigen und die Gedenkstätte ist es wichtig, dass die Besucher nach wie vor durch die Stadt müssen, um das ehemalige KZ zu betreten. Bild: Mirja Fiedler

Kompromiss in Sicht

Der Hauptausschuss der Stadt Oranienburg empfiehlt jetzt, den vorhandenen Fernbusparkplatz einige hundert Meter entfernt auszubauen und Besucher hier nur hinauszulassen. Parken sollen die Busse auf der östlichen Seite der Gedenkstätte.

Nicht alle Anwohner sind davon überzeugt, weil die Busse weiterhin durch das Wohngebiet fahren sollen. Aber eine Bürgerinitiative befürwortet den Kompromiss. "Damit können wir sehr gut leben, weil es auch für alle Besucher eine Entspannung ist", meint Guido Illgen, der in einem der ehemaligen SS-Offiziershäuser aufgewachsen ist und sich in der "Initiative Anwohner Gedenkstätte Oranienburg" engagiert. Entscheidend sei, dass der Reisebusverkehr aus dem Wohngebiet "wirklich rauskommt".

Stadtverordnete wollen über Pläne entscheiden

Für die Angehörigen der Opfer und die Gedenkstätte ist es wichtig, dass die Besucher nach wie vor durch die Stadt müssen, um das ehemalige Konzentrationslager zu betreten. "Wir wollen ja zeigen, wie es möglich gewesen ist oder unter welchen Parametern es im Menschenmöglichen gewesen ist, dass offensichtlich Menschen in ihrem städtischen Alltag solche Massenverbrechen, wie sie hier passiert sind, integrieren konnten", erklärt Drecoll. Einen Steinwurf weit entfernt seien zigtausende Menschen bestialisch ums Leben gekommen.

Am kommenden Montag wollen die Stadtverordneten in Oranienburg entscheiden, ob die Pläne für Fernbusse in Sachsenhausen umgesetzt werden. Die Angehörigen der Opfer hoffen, dass nach dem jahrelang schwelenden Streit alle diesen Weg mitgehen werden.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 05. Dezember 2022 um 23:10 Uhr.