Eine Garderobe in einer Kita.

Studie der Bertelsmann Stiftung Mehr als 400.000 Kita-Plätze fehlen

Stand: 28.11.2023 08:36 Uhr

Bundesweit fehlen einer Studie zufolge rund Hunderttausende Kita-Plätze - trotz Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz und Fortschritten beim Ausbau von Angeboten. Die Lage sei inzwischen "untragbar".

In Deutschland fehlen nach Berechnungen der Bertelsmann Stiftung aktuell mehr als 400.000 Kita-Plätze. Zwar habe es in den vergangenen Jahren erkennbare Fortschritte beim Ausbau von Kita-Angeboten gegeben, teilte die Stiftung bei Veröffentlichung des "Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme" in Gütersloh mit. Doch zugleich sei der Bedarf kontinuierlich gestiegen.

Demnach wünschen sich immer mehr Eltern - insbesondere für ihre jüngeren Kinder - eine Betreuung. "Der Fachkräftemangel erschwert es zunehmend, die Rechtsansprüche zu erfüllen und in den Kitas den Bildungsauftrag umzusetzen", erklärte die Expertin der Stiftung für frühkindliche Bildung, Anette Stein. "Die Situation ist für Kinder und Eltern wie auch für das vorhandene Personal untragbar geworden."

Platzmangel in Westdeutschland besonders hoch

Seit 2013 gibt es einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Kinder, die älter als ein Jahr alt sind. Für die Über-Dreijährigen gilt er schon seit 1996. Der Stiftung zufolge ist der Platzmangel in den westdeutschen Bundesländern besonders hoch. Demnach fehlen dort 385.900 Plätze, um den Betreuungsbedarf zu erfüllen. In Ostdeutschland bestehe eine Lücke von etwa 44.700 Kita-Plätzen.

Dafür liege vor allem in Ostdeutschland der Betreuungsschlüssel weit hinter den wissenschaftlichen Empfehlungen zurück. Dort würden fast 90 Prozent der Kita-Kinder in Gruppen betreut, bei denen eine Fachkraft für deutlich mehr als drei Kinder unter drei Jahren oder mehr als 7,5 Kinder über drei Jahren verantwortlich sei. In Westdeutschland sei dies bei gut 60 Prozent der Gruppen der Fall. Der Fachkräftemangel erschwere es zunehmend, den Bildungsauftrag der Kitas umzusetzen, so die Autorinnen und Autoren der Studie.

Bertelsmann Stiftung

Gesellschaftliche Herausforderungen aufgreifen und nachhaltig in die Gesellschaft hineinwirken - das ist nach eigenen Angaben das Ziel der Bertelsmann Stiftung. Gegründet wurde sie 1977 durch den in Gütersloh ansässigen Unternehmer Reinhard Mohn, den damaligen Chef des Medienkonzerns Bertelsmann. Nach Angaben des Konzerns hält die Stiftung heute mehr als 80 Prozent der Aktien am Bertelsmann Verlag, zu dem unter anderem die RTL Gruppe sowie Penguin Random House gehören.

Für ihre Studien sammelt und analysiert die Stiftung Daten und gibt schließlich Handlungsempfehlungen an Entscheidungsträger ab. Sie arbeitet operativ, das heißt sie unterstützt nicht die Arbeit Dritter, sondern investiert ausschließlich in selbst initiierte Projekte. Dabei dient sie nach eigenen Angaben dem Gemeinnutzen und ist zu höchster Neutralität verpflichtet.

Diese Neutralität wurde in der Vergangenheit jedoch oft angezweifelt. So warf der frühere SPD-Politiker Albrecht Müller der Denkfabrik Bertelsmann vor, einseitig eine neoliberale Ideologie und die Interessen der Wirtschaft zu vertreten. Der Journalist Harald Schumann analysierte, dies würde sich in den einschlägigen Empfehlungen der Stiftung niederschlagen, die vielmals darauf abzielten, die untersuchten Lebensbereiche verstärkt nach marktwirtschaftlichen Wettbewerbskriterien zu gestalten.

Darüber hinaus gehe das Tätigkeitsfeld der Stiftung weit über eine Beratungsfunktion hinaus, warf ihr etwa Frank Böckelmann vor, Publizist und Autor eines Buches über den Bertelsmann-Konzern. Die Stiftung würde durch gezielte Absprachen einen direkten Einfluss auf die Politik nehmen.

Eine direkte Einflussnahme streitet die Stiftung jedoch ab. "Unser Anspruch ist es, fachlich und methodisch unangreifbare Studien vorzulegen, und das schaffen wir. Wir vertreten aber auch stets einen klaren Standpunkt, von dem aus wir mithilfe der Studienergebnisse Vorschläge aussprechen. Darauf, ob sich die Politiker unseren Vorschlägen anschließen, haben wir keinerlei Einfluss", erläutert Andreas Muhs, Kommunikationsmanager der Bertelsmann Stiftung.

Studie sieht sofortigen Handlungsbedarf

Dennoch gebe es Chancen auf "spürbare" Verbesserungen bis 2030. Allerdings müsse dafür umgehend gehandelt werden. In den ostdeutschen Ländern hält die Analyse wegen sinkender Kinderzahlen beim Personalschlüssel eine Angleichung ans Westniveau für möglich, ebenso eine Deckung des Platzbedarfs. Voraussetzung aber: "Für alle Ost-Bundesländer gilt, dass das aktuell beschäftigte Kita-Personal nicht entlassen werden darf und sogar zusätzlich neue Fachkräfte gewonnen werden müssen."

Für die meisten westdeutschen Länder könnte es schwieriger werden, bis 2030 bei Deckung des Platzbedarfs und Personalschlüssel die Ziele zu erreichen. Es gelte, beim Ausbau mehr Tempo zu machen. Tendenziell positiver sehe es in Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein aus.

Weniger Kita-Öffnungszeiten als Lösung?

Als kurzfristige Lösung schlägt die Stiftung unter anderem vor, das pädagogische Personal von Verwaltungsaufgaben zu entlasten und in einigen Bundesländern die Kita-Öffnungszeiten zu reduzieren. "Das ist zweifellos eine ein schneidende Maßnahme, die nur individuell und in enger Abstimmung zwischen Kommune, Träger und Eltern getroffen werden sollte", so Stein. "Aber die Kita-Krise ist so weit fortgeschritten, dass neue Antworten gefragt sind." Für langfristige Verbesserungen bis zum Jahr 2030 müssten unter anderem bessere Arbeitsbedingungen für Betreuerinnen und Betreuer geschaffen werden.

Die detaillierten Berechnungen hat die Stiftung im "Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme" und im "Fachkräfte-Radar für Kita und Grundschule" veröffentlicht. Grundlage sind unter anderem Daten der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik mit Stand vom ersten März sowie Ergebnisse einer eigenen regelmäßigen Befragung aller zuständigen Länderministerien.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. November 2023 um 08:00 Uhr.