Kinderbilder zum Thema Flutopfer | Ahmet Senyurt

Traumata nach Flutkatastrophe "Ich konnte noch rausrennen"

Stand: 03.08.2021 16:07 Uhr

Todesängste, verzweifelte Eltern und ein zerstörtes Zuhause. Kinder und Jugendliche kämpfen besonders mit den Folgen der Flutkatastrophe. Unterstützt werden sie von Psychologinnen und Psychologen, sie fordern ein spezielles Trauma-Zentrum.

Von Ahmet Şenyurt und Edgar Verheyen, SWR

Viele Kinder haben Traumatisches erlebt, so wie Melissa. Als die Flut kam, war sie gerade im Keller: "Die Erwachsenen waren oben. Ich war mit meiner Freundin unten. Ich konnte noch rausrennen, aber auf meine Freundin sind fast Schränke gefallen, und dann ist mein Stiefvater da rein gerannt und hat sie rausgeholt. Ihr ist aber nichts passiert." Das erzählt die Zehnjährige in kurzen, schnellen Sätzen. Die Worte sprudeln nur so aus ihr heraus.

Seit einer Woche besucht Melissa eine Ferienfreizeit auf einem Ponyhof. Insgesamt 80 Kinder aus dem Katastrophengebiet Ahrtal sind im rheinland-pfälzischen Sprendlingen, rund 120 Kilometer südlich des Flutkatastrophengebiets untergekommen. So auch die sechsjährige Mia. Sie ist zurückhaltender, fast scheu und hat Traumatisches gesehen: "Einfach nur zwei Wasserleichen, die im Wasser geschwommen sind", erzählt sie.

Ein anderes Mädchen, Eva, erzählt, sie hätte gerettet werden müssen und das sei nicht einfach gewesen. Sie berichtet mit ruhiger Stimme: "Wir konnten halt nicht so schnell gerettet werden, denn bei uns war die Strömung richtig stark." Ihr Bruder ergänzt: "Da waren auch Strudel - und deswegen konnten die Boote dort nicht hin."

Die Kinder- und Jugendpsychologin Daniela Lembertz ist seit zwei Wochen im Katastrophengebiet aktiv und bietet kostenlose Sprechstunden an. Kommen kann jeder. Was sie dabei erlebt, ist selbst für sie als Expertin nicht einfach:

Manchmal ist es so, dass man glaubt, eine Situation ist vorbei: Dass man nach zwei, drei Tagen denkt, ach, ist ja alles gut, weil das Kind ja gar nicht mehr von dieser Leiche oder von dem Schlimmen, was es gesehen hat, redet. Doch dann kann es sein, dass es mit Verzögerung wieder kommt, entweder Albträume einsetzen oder Schlaflosigkeit.

Die Landesregierung Rheinland-Pfalz hatte bereits kurz nach der Flut die psychosozialen Hilfen für Betroffene ausgebaut. Ein Netzwerk von Schulpsychologinnen und Schulpsychologen, mit Unterstützung von Kollegen aus benachbarten Bundesländern, soll die Betreuung der Kinder und Jugendlichen garantieren.

Trauma-Zentrum gefordert

80 Psychologinnen und Psychologen sind bislang im Ahrtal unterwegs und bieten ihre Hilfe an. Die Landesregierung in Mainz habe zwar nun massiv aufgestockt, doch das reiche nicht aus, betont Lempertz: "Wir sind der Meinung, es müsste im Ahrtal ein Trauma-Zentrum entstehen, damit man über Jahre Ansprechpartner hat, damit man über Jahre Interventionen anbieten kann. Was ich damit betonen möchte, ist, Behandeln statt Abwarten ist immer günstiger."

Abwarten will die Sonnenschein-Montessouri-Grundschule in Mendig, kaum 30 Kilometer vom Ahrtal entfernt, nicht. Sie bietet Kindern und Eltern aus dem benachbarten Ahrweiler einen Ganztagsbetreuung an.

Vor der Kamera reden nicht viele Kinder über das Erlebte, stattdessen malen sie es auf: offene Münder und zerstörte Häuser, die umrandetet sind von viel Blau und Schwarz. Ein rotes Kreuz, daneben eine verletzte Person und Menschen mit großen Händen. Die zehnjährige Helena hat eine blaue Fläche gemalt, darauf ein zerstörtes Haus: "Und da drin ist jemand, der hat überlebt", erklärt sie.

Kinderbilder zum Thema Flutopfer liegen auf dem Boden, | Ahmet Senyurt

"Da drin ist jemand, der hat überlebt" - neben der psychologischen Betreuung verarbeiten die Kinder ihre Erlebnisse mit Bildern. Bild: Ahmet Senyurt

Verarbeiten mit Bildern

Schulleiterin Charlotte Dolff plant nun einen Shuttle-Dienst nach Ahrweiler, damit mehr Kinder aus den Katastrophengebieten raus können. Private Spenden machen es möglich. Die Pädagogin steht vor neuen Herausforderungen: "Ich habe einige Kinder erlebt, die sehr viel verdrängen." Eine Mutter habe ihr erzählt, dass deren Kind nach außen unbeschwert wirke. Es komme auch zum Spielen in die Schule, rede aber kein bisschen über die Katastrophe. Dabei sei das Haus zerstört.

Die Kinderzeichnungen spiegelten die Zerrissenheit der Kinder wider, meint die Schulleiterin. Aber sie erkenne auch Hoffnung in ihnen. "Einerseits haben wir wirklich katastrophale Bilder. Und dann haben wir aber wiederum so hoffnungsvolle Zeichnungen von lächelnden Menschen in Gummistiefeln mit Schaufeln." Die Kinderbilder seien ein Spiegelbild der Realität, meint Dolff und erklärt: "Es sind unglaublich viele Helfer da, und das ist natürlich auch etwas Tolles, was die Kinder da mitnehmen können. Solidarität und Zusammenhalt."

Über dieses Thema berichtete Report Mainz am 03. August 2021 um 21:45 Uhr.