Hände in grünen Gummihandschuhen im Labor | picture alliance/dpa
Interview

Bioinformatiker zu Mutationen "Wir haben ein Problem für Jahre"

Stand: 10.02.2021 20:02 Uhr

tagesschau.de: Sie warnen vor den hochansteckenden Virus-Mutationen und befürchten rapide steigende Infektionszahlen. Was ist an diesem Schreckenszenario schon gesichert?

Rolf Apweiler: Die einzig verlässlichen Daten über Virusvarianten von SARS-Cov-2 aus Deutschland stammen vom Robert Koch-Institut von Anfang des Monats. Die zeigen, dass Ende 2020 höchstens ein Prozent der positiven Testproben zu den gefährlicheren Varianten gehörten. Drei Wochen später waren es jedoch bereits sechs Prozent mit der zuerst in Großbritannien nachgewiesenen Mutation B.1.1.7 und ein Prozent mit anderen Virusvarianten, die ähnlichen Gefährdungscharakter haben. Das ist ein erstaunliches Wachstum von etwa 70 Prozent pro Woche. Das deckt sich mit dem, was wir aus anderen Ländern kennen.

Rolf Apweiler | Jeff Dowling
Zur Person

Rolf Apweiler ist Bioinformatiker und seit 2015 Direktor des European Bioinformatics Institute des Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie (EMBL) in Cambridge. Er gehört zu den Wissenschaftlern, die das Kanzleramt themenbezogen in der Corona-Pandemie beraten.

tagesschau.de: Was heißt das hochgerechnet für heute?

Apweiler: Wir müssen davon ausgehen, dass derzeit um die zwanzig Prozent, also bereits jede fünfte Infektion von B.1.1.7 verursacht ist.

tagesschau.de: In Deutschland wird ja kaum auf diese Varianten mittels Gensequenzierung getestet. Muss man mit einer großen Dunkelziffer rechnen?

Apweiler: Eher nicht. Denn die Daten beziehen sich auf Stichproben, die einigermaßen flächendeckend vorgenommen wurden, sie sind also recht repräsentativ. Aber es ist lange nicht das, was wir brauchen, um dieses Infektionsgeschehen ständig überwachen zu können. Man muss genauer und schneller hinschauen.

Es dreht sich ja nicht nur um diese Variante, es werden immer neue gefährlichere Varianten auftauchen. Die sollten wir schnell aufspüren können - und auch die damit Infizierten, um sie zu isolieren und somit Infektionsketten zu unterbrechen. Es gibt Varianten, bei denen bisherige Impfstoffe vielleicht bis wahrscheinlich nicht so gut wirken. Diese wollen wir natürlich möglichst wenig im Land haben, damit die Impfwirkung lange und gut anhält.

tagesschau.de: Ist es denn erwiesen, dass die Mutationen ansteckender sind?

Apweiler: Wir sehen das in den Zahlen von Ende Dezember 2020 bis 20. Januar, die uns vorliegen. In der Zeit ist die Gesamtinzidenz ja nicht gestiegen, sondern gesunken. Aber trotzdem sind die Infiziertenzahlen der Virusmutation in drei Wochen von unter 1000 auf fast 7000 Fälle hochgegangen. Diese Inzidenz hat rapide zugenommen. Das hat man im Lockdown in Großbritannien auch gehabt. Diese Situation ist am ehesten vergleichbar. Die Maßnahmen waren ähnlich wie hier, die Gesamtinzidenz war um 50 Prozent gesunken. Aber die B.1.1.7-Variante hat sich in der Zeit vervierfacht.

tagesschau.de: Also muss man die Hochrechnungen für die kommenden Wochen sehr ernst nehmen?

Apweiler: Auf jeden Fall. Land für Land ist es so abgelaufen. Es ist nicht vorstellbar, dass sich diese Variante in Deutschland anders verhält.

tagesschau.de: In Großbritannien gehen die Zahlen aktuell trotz Virusmutation herunter - lässt sich dann daraus dennoch ein exponentielles Wachstum ableiten?

Apweiler: Das ist zwar korrekt, aber das Land hat auch inzwischen einen viel härteren Lockdown. Dort darf man sich mit niemandem treffen, weder drinnen noch draußen. Schulen und Universitäten sind zu. Die gute Nachricht ist, dass die Maßnahmen wirken. Man hat also Instrumente, auch diese gefährlicheren Virusvarianten in Griff zu kriegen. Aber umso länger man wartet, umso härter und auch lang andauernder müssen die Maßnahmen sein. Also lieber kurz und knackig als dieses ewige Zähne ziehen.

tagesschau.de: Müsste dann die Politik nicht jetzt schon über eine Verschärfung der Maßnahmen reden, nicht nur über eine Verlängerung? Denn nach den Modellrechnungen gäbe es Ende März eine höhere Inzidenz als heute, angestrebt wird aber eine unter 50.

Apweiler: Die Konsequenzen daraus müssen die Politiker ziehen. Ich wäre dafür, für eine kurze Zeit härter zu reduzieren, um eine lange Periode von Restriktionen abzukürzen. Ich verstehe aber natürlich auch, dass es schwierig zu vermitteln ist - weil viele Leute nicht verstehen, dass es einerseits die wirklich sinkende Gesamtkurve gibt, aber andererseits eine schnell steigende der anderen Varianten B.1.1.7 und B.1.351. Der Überschneidungspunkt wird in zwei, maximal drei Wochen sein, wenn man so weitermacht wie jetzt.

tagesschau.de: Die Politik wird das aus den Beratungen unter anderem mit Ihnen ja wissen.

Apweiler: Ich verstehe das Zögern - auch wenn ich es nicht gut finde. Politik ist die Kunst des Möglichen. Als Wissenschaftler kann man nur versuchen aufzuklären. Schwierig ist, dass immer nur bis zum Ende des Lockdowns gedacht wird. Wir haben aber ein Problem für Jahre, nicht für Monate. Wir haben jetzt ein dringendes Problem, weil wir die Zahlen möglichst niedrig halten sollten, bis möglichst viele Leute geimpft sind. Aber auch für die Zeit danach müssten jetzt Konzepte entwickelt werden. In der ganzen Welt wird das Virus weiter mutieren.

tagesschau.de: Zum Beispiel?

Apweiler: Reisen werden nur mit Tests vorher und nachher möglich sein - Kurzreisen sich daher nicht lohnen. Und klar müssen die Schulen aufgemacht werden. Aber mit sicheren Bedingungen: Es gibt so viele gute Ingenieure und Firmen, die kostengünstige Viren-Luftreiniger für Klassenräume entwickeln könnten. Wenn man immer nur darauf schielt, wann wir zurück zur alten Normalität können, verpasst man die Chance.

Das Interview führte Corinna Emundts, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. Februar 2021 um 10:00 Uhr.