Menschen mit Mundschutz laufen in Cannstatt-Mitte an einem Kiosk und Kebabladen vorbei. | picture alliance / Eibner-Presse
Reportage

Coronavirus Wo Impfaktionen helfen sollen

Stand: 02.08.2021 17:44 Uhr

Die Impfkampagne kommt derzeit nur langsam voran. Im Stuttgarter Stadtbezirk Bad Cannstatt wurden im Vergleich zum Rest der Stadt mehr Infektionen gemeldet. Mobile Impfaktionen sollen helfen.

Von Daniela Diehl, SWR

Nilüfer Yilmaz hat sich viele Gedanken rund ums Thema Impfen gemacht. Ihre Angst vor Nebenwirkungen ist groß, das sieht man ihr auch an, wenn sie darüber spricht. Sie arbeitet in einer Bäckerei, hat zwei Söhne, gleich beginnt ihre Schicht. Vor vier Monaten hatte sie einen Impftermin vereinbart, ihn dann aber zwei Stunden vorher abgesagt.

"Ich habe Angst, ich weiß nicht was da drin ist und will das nicht in meinem Körper haben", sagt sie. "Ich habe schließlich zwei Kinder zuhause und wenn mir etwas passiert, was wird dann aus denen?"

Experten beruhigen zwar. Laut Robert Koch-Institut sind schwerwiegende sogenannte unerwünschte Arzneimittelwirkungen nach Corona-Impfungen "sehr selten". Das Paul-Ehrlich-Institut, das Meldungen zu Nebenwirkungen sammelt, beschreibt die Impfreaktionen als "zumeist mild oder mäßig ausgeprägt". Dennoch ist Yilmaz mit ihrer Skepsis nicht allein.

In Bad Cannstatt gab es besonders viele Corona-Infektionen. Das zeigt eine Studie des Statistischen Amts Stuttgart. Die durchschnittliche Infektionsrate von März 2020 bis März 2021 lag in Stuttgart bei 2,9 Prozent, in Bad Cannstatt waren 3,7 Prozent der Menschen infiziert. Betroffen seien in der Stadt vor allem strukturschwache Stadtbezirke, wie Bad Cannstatt, so Markus Niedergesäss, Mitautor der Studie.

"Kennzeichen für diese Bereiche sind beengte Wohnverhältnisse und ein hoher Anteil an benachteiligten Bevölkerungsgruppen", sagt er. Welche Bevölkerungsgruppen besonders betroffen waren, dazu gibt es keine genaueren Auswertungen, weder für die ganze Stadt Stuttgart noch für Bad Cannstatt.

Absolut unnötig?

Wenige Meter entfernt vom Arbeitsplatz von Yilmaz ist das Restaurant von Hasan Celik. Hier kennt man sich, mit einem seiner Stammkunden trinkt er gerade Tee. Auch er will sich nicht impfen lassen, nicht aus Angst, sondern weil er es absolut unnötig findet. Er gehe nicht ins Kino, nicht zum Fußball, fliege nicht.

Maske trägt Celik auch keine, er bekäme in Stuttgart sowieso schon schlecht Luft. Eine Corona-Infektion schrecke ihn nicht: "Ich glaube die Sache nicht. Überall wird erzählt in Iran oder in Spanien oder in Italien sterben die Menschen auf der Straße. Ich habe das nie gesehen."

Laut den Zahlen der Johns-Hopkins-Universität vom Juli starben im Iran bislang 89.122 Menschen an oder mit Corona, in Spanien 81.268 und in Italien 127.971.

Impfung auf Anraten des Hausarztes

Der Stammkunde mit dem Celik seinen Tee trinkt ist Osman Nuri Maral. Er ist geimpft. Sein Hausarzt hat es ihm wegen seiner Vorerkrankungen geraten und er hat sich dann direkt impfen lassen.

Vor dem Restaurant wartet Burak Bingöl auf seinen Bus. Er ist Mitte 20, fühlt sich deshalb nicht gefährdet, will erstmal abwarten, was man langfristig über die Impfungen sagt. Er glaubt daran, dass es Corona gibt, aber: "Es ist für mich wie eine andere Krankheit. Klar, es sterben Leute dran. Aber viele sagen, es gibt andere Krankheiten, an der genauso Leute sterben."

Mobile Impfkampagnen sollen helfen

Bezirksvorsteher Bernd-Marcel Löffler ist schon zweimal geimpft und wünscht sich das für mehr Menschen in Bad Cannstatt. Wie überall zurzeit in Deutschland versucht man hier, die Leute durch "Impfen vor Ort" zu erreichen. Denn Impfmüdigkeit macht sich breit, immer mehr Impftermine werden einfach nicht wahrgenommen oder abgesagt, wie es auch Yilmaz gemacht hat. Noch immer sind knapp 40 Prozent der Menschen deutschlandweit ungeimpft.

Mobile Impfkampagnen laufen meistens gut, so war es auch am Bad Cannstatter Jugendhaus, erfährt der Bezirksvorsteher vor Ort. Die Leute hätten ab halb sieben Uhr morgens angestanden, viele hatten Klappstühle dabei, die 150 Impfdosen waren schnell weg.

Doch durch mobile Impfaktionen allein werde man nicht genügend Menschen impfen, glaubt Bezirksvorsteher Löffler. Vorbereitung, Personal, Logistik all das sei sehr aufwändig und teuer.

Menschen direkt ansprechen

Man müsse auch das Impfen in den Impfzentren und bei den Hausärzten wieder stärker ankurbeln, dafür brauche es mehr Kommunikation von staatlicher Seite. Viele Bevölkerungsgruppen habe man noch nicht erreichen können, stellt Löffler fest: "Es sind meistens Menschen am Rande der Gesellschaft, die oft ausgeschlossen sind von diversen Informationswegen." Viele hätten einen geringeren Bildungshorizont. "Sie tun sich einfach schwerer, auch Termine zu organisieren", sagt er - und resignierten dann schnell.

Überall da, wo man die Menschen erreiche, würde die Impfquote steigen. Schwierig hingegen sei es mit den Menschen, die gar nicht erreicht werden wollen, so Heinz-Peter Ohm vom Gesundheitsamt Stuttgart. Die Corona-Leugner gäbe es unter Migrantinnen und Migranten genauso wie in der Gesamtbevölkerung. Aber nach den persönlichen Erfahrungen von Annette Faust-Mackensen vom Gesundheitsamt Stuttgart sei ihr Anteil nicht größer als in anderen Bevölkerungsgruppen.

Um Migrantinnen und Migranten zu erreichen, sei eine gezielte Ansprache wichtig. Deshalb arbeitet das Gesundheitsamt mit sogenannten Gesundheitslotsen, Menschen, die die unterschiedlichsten Sprachen beherrschen, um zu informieren und die auch bei Impfaktionen mit dabei seien, um Sprachbarrieren zu überwinden. Die kurdische Bevölkerung in Stuttgart habe man zum Beispiel so sehr gut erreicht, hier seien fast alle geimpft. Genauere Statistiken zur Impfquote unterschiedlicher Gruppierungen gibt es allerdings nicht, das Robert Koch-Institut erhebt nur die Faktoren Alter und Geschlecht.

Geld fürs Impfen?

Von Impfanreizen, wie Geld oder Verlosungen, die von der Politik diskutiert werden, hält der Bad Cannstatter Bezirksvorsteher Löffler nichts. Das sei auch ungerecht gegenüber den Menschen, die sich rechtzeitig um eine Impfung gekümmert hätten.

Auch die Ungeimpften in Bad Cannstatt sind mit Impfanreizen wohl nicht zu überzeugen. Bingöl zögert zwar kurz auf die Frage, ob er sich für Geld doch impfen lassen würde: "Kommt drauf an, wie hoch der Preis ist." Dann aber erklärt er bestimmt: "Ich denke immer noch eher nein, weil Gesundheit ja wichtiger ist."

Restaurantbesitzer Celik würde sogar 1000 Euro zahlen, um sich nicht impfen lassen zu müssen. Ihn würde nur eine Impfpflicht dazu bringen.

Auch Yilmaz kann sich eine Impfung nur vorstellen, wenn es Vorschrift wäre, zum Beispiel um zu reisen. Ihre Mutter lebt in der Türkei, und die möchte sie auf jeden Fall besuchen können. Solange es dafür keine Impfpflicht gibt, möchte sie ungeimpft, aber vorsichtig bleiben, sagt sie - zieht die Maske auf und beginnt ihre Schicht in der Bäckerei.

Über dieses Thema berichtete die SWR aktuell (BW) am 29. Juli 2021 um 19:30 Uhr.