Eine Apothekerin impft in ihrer Apotheke eine Person mit dem Impfstoff Comirnaty vom Hersteller BioNTech / Pfizer gegen das Coronavirus. | dpa

Coronavirus So läuft der Impfstart in Apotheken

Stand: 08.02.2022 14:27 Uhr

Seit heute können Apotheken Corona-Impfungen anbieten. Doch die Nachfrage ist gering und die Anforderungen sind hoch: Nur ein kleiner Teil der Apotheker macht mit. Wie lief der Start?

Von Juri Sonnenholzner, SWR

Julia Sachse wirkt gespannt an diesem Morgen um 7 Uhr: Sie zieht die Impfstoffspritzen auf. Als eine von wenigen bietet ihre Apotheke seit heute Impfungen gegen das Coronavirus an. "Ich habe mir eine Viertelstunde für jeden eingeplant. Das wird keine Massenabfertigung wie im Impfzentrum." Sechs Impflinge stehen diesen Morgen auf der Liste. "Sie sind alle schon geimpft, sie wollen alle den Booster." Wird der Ablauf so funktionieren, wie ihn sich Sachse vorgestellt hat?

Juri Sonnenholzner

Vorbei am eigentlichen Ladengeschäft der Apotheke in der Mainzer Oberstadt geht es zunächst in den Garten und dann in ein kleines Nebengebäude. Im bisherigen privaten Gästezimmer ist jetzt je nach Bedarf die Corona-Teststelle der Phönix-Apotheke oder ihr Impfzimmer. "Noch am Wochenende haben wir es eingerichtet, am Sonntag die Lampe aufgehängt." Verimpft wird der Impfstoff Comirnaty, der zufälligerweise 300 Meter weiter die Straße runter bei BioNTech entwickelt wurde.

Gut 6000 Apotheker geschult

Doch bis es zum bundesweiten Impfstart in Apotheken kam, mussten eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllt werden: Zunächst absolvierten Interessierte eine Fortbildung, die auch die Ersthilfe in Notfällen umfasst. "Insgesamt haben mittlerweile gut 6000 Apothekerinnen und Apotheker die notwendige Schulung absolviert", sagt Gabriele Overwiening, Präsidentin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Apotheken, die Impfungen anbieten, sollen von nun an auf der Internetseite mein-apothekenmanager.de zu finden sein. Am Morgen war die Seite zeitweise nicht erreichbar aufgrund vieler Anfragen.

Die Lizenz zum Impfen verlangt auch einen abgetrennten Impfraum, eine extra Haftpflichtversicherung und dass die Voraussetzungen an die zuständige Landesapothekerkammer gemeldet werden. Zudem gehen durchgeführte Impfungen tagesaktuell über eine Schnittstelle an die Impf-Surveillance des Robert Koch-Instituts. Das war in den vergangenen Wochen der heikelste Punkt. Diese digitale Anbindung verzögerte den Impfstart in Apotheken bis zuletzt. Seit 11. Januar wäre es rechtlich möglich gewesen.

Nicht nur die Anforderungen führen dazu, dass zunächst nur 500 von mehr als 18.000 Apotheken in Deutschland Corona-Impfungen anbieten. 28 Euro bekommt eine Apotheke für eine Impfung erstattet. Eine Apothekerin, die ihren Namen nicht nennen möchte, schildert: "Wir hätten zwar einen eigenen Raum übrig, aber kein Personal. Die Leute stehen bei uns schon Schlange für Corona-Tests und digitale Impfzertifikate. Da können wir nicht noch Impfungen anbieten."

Die Ärzteschaft ist kritisch

Auch Julia Sachse sieht die derzeitige Arbeitsbelastung infolge der Pandemie: "Jetzt, wo wir 30 bis 50 PCR-Tests am Tag haben, sitze ich jeden Abend bis 22, 23 Uhr, habe meine 80-Stunden-Woche und keinen Samstag, an dem ich vor 21 Uhr nach Haus komme." Schutzausrüstung für das Personal im Testzentrum der Apotheke, die Formulare für die Laboraufträge oder PCR-Abstrichsets: Alles muss immer wieder geordert und organisiert werden. Außerdem rufe ihre Apotheke auch die Kundschaft bei jedem Testergebnis persönlich an. "Aber es ist mir wichtig, zu zeigen, dass wir ein Berufstand sind, der mehr kann als nur eine Schublade für Medikamente aufziehen."

Impfen in Apotheken aber geht Teilen der Ärzteschaft anscheinend zu weit. So hatte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) immer wieder betont, dass es eine originär ärztliche Aufgabe darstelle. "Die Corona-Pandemie bekommen wir nur gemeinsam in den Griff - und zwar jeder an seinem Platz", erklärte stets Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Der Impfstoff reiche oft kaum für die impfenden Praxen.

"Können die Pandemie nur gemeinsam bekämpfen"

"Das Impfen in den Apotheken ist mehr Symbolik, als dass es einen echten Einfluss auf die Impfkampagne hätte", sagt der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes Ulrich Weigeldt. "Die Apothekerverbände selbst rechnen eher mit einer geringen Teilnahme. Gleichzeitig impfen jede Woche Zehntausende Hausärztinnen und Hausärzte. De facto wird sich also nicht viel ändern."

Julia Sachse möchte nicht in Konkurrenz zur Ärzteschaft treten, sondern sie entlasten: "Impfen ist Aufgabe des Arztes. Aber wenn jetzt tatsächlich noch ein vierter Booster auf uns zukommt, werden wir einfach aus dem Impfen gar nicht mehr rauskommen. Wir können die Pandemie nur gemeinsam bekämpfen." Dem entgegnet Weigeldt: "Der Flaschenhals war in der Vergangenheit immer der Impfstoffmangel, nicht die mangelnde Zahl an Impfstellen. Es ist nicht zielführend, wenn die begrenzte Menge Impfstoff dann auf immer mehr Impfstellen verteilt werden muss." Es werde für die Patientenschaft immer unübersichtlicher, wohin sie sich wenden sollen, vermutet Weigeldt.

Impfpremiere geglückt

"Ich möchte diejenigen erwischen, die nicht zum Hausarzt gehen", sagt Sachse und erinnert damit an das Ziel der Politik, tatsächlich auch ein niederschwelliges Angebot zur Impfung zu ermöglichen - beispielsweise für diejenigen, die vielleicht das volle, ansteckungsriskante Wartezimmer ihres Hausarztes scheuen. Sachse spricht deshalb stolz von ihrer Idee einer Art "After-Work-Impfen": "Freitagabend ab 18:30 Uhr. Das ist ein Angebot für die Berufstätigen, die von morgens bis abends unterwegs sind, die keine Zeit haben, ins Impfzentrum zu gehen oder einen Termin beim Hausarzt zu machen." Von möglichen Impfreaktionen ließe sich so passend am Wochenende ausruhen.

Eine Apothekerin impft in ihrer Apotheke eine Schülerin mit dem Impfstoff von BioNTech gegen das Coronavirus.  | dpa

Premiere geglückt: Die erste Impfung in der Apotheke bekam eine Schülerin. Bild: dpa

Die Impfpremiere an diesem Morgen ist auf jeden Fall gelungen, findet Sachse. "Es war toll!" Als erstes impft sie eine 14 Jahre alte Schülerin. Danach nimmt ein junger Mann Platz, der trotz zweifacher Impfung im November einen Impfdurchbruch erlitten hatte. Die Impfung in der Phönix-Apotheke wünsche sich der Geschäftsmann jetzt vor allem aus einem Grund: Ohne den Booster dürfe er nicht in sein Lieblingsbratwurstlokal.