Eine Fachärztin für Allgemeinmedizin impft in ihrer Praxis eine Patientin gegen das Coronavirus.  | dpa
FAQ

Kampf gegen Coronavirus Wie läuft es mit den Impfungen?

Stand: 07.04.2021 17:37 Uhr

Verwirrung um AstraZeneca, verzögerte Lieferungen, nur wenig Impfdosen für Arztpraxen: Die Impfkampagne in Deutschland läuft nicht ideal. Wie geht es voran und wo hakt es noch?

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Wie weit ist Deutschland bei den Impfungen?

Knapp 10,8 Millionen Bürger und Bürgerinnen haben inzwischen eine erste Impfdosis erhalten. Vollständig geimpft sind davon etwa 4,6 Millionen, das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 5,6 Prozent. Allerdings sind bis zum Ende der vergangenen Woche bereits knapp 20 Millionen Dosen Impfstoffs geliefert worden und nur 75,5 Prozent davon wurden im selben Zeitraum verimpft.

Sandra Stalinski tagesschau.de

Noch ist im Vergleich zum März kein deutliches Anziehen des Impftempos zu beobachten. Mit dem bundesweiten Einstieg der Hausarztpraxen in die Impfkampagne und größer werdenden Impfstoffmengen dürfte sich das aber allmählich ändern.

Hat die neue AstraZeneca-Empfehlung die Impfkampagne ins Stocken gebracht?

Nachdem die Ständige Impfkommission (STIKO) den Impfstoff nun nur noch für über 60-Jährige empfohlen hatte, kam die Impfkampagne hier und da etwas ins Stocken. Beispielsweise, weil neu austariert werden musste, welche Lieferungen an Impfzentren und welche an Arztpraxen gehen.

Für eine deutliche Verlangsamung des Impftempos gibt es aber keine Hinweise. Beispielsweise lag die wöchentliche Ausschöpfung der Impfkapazitäten in Deutschland kurz vor der geänderten STIKO-Empfehlung noch bei 67 Prozent. Heute liegt sie nach Daten, die das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (Zi) erhebt, bei 87 Prozent.

Für einzelne Berufsgruppen bringt die geänderte STIKO-Empfehlung allerdings erhebliche Nachteile mit sich: So wurden beispielsweise in Berlin laut GEW Impftermine für Lehrkräfte, die eigentlich mit AstraZeneca geimpft werden sollten, ersatzlos abgesagt. Alternativtermine mit anderen Impfstoffen wurden bislang nicht in Aussicht gestellt.

Die Befürchtung, dass sich viele nun von der Impfung mit AstraZeneca abschrecken lassen, lässt sich vorerst nicht belegen. Am Osterwochenende waren etwa in Nordrhein-Westfalen rund 400.000 Termine für Über-60-Jährige, die sich mit dem Astrazeneca-Vakzin impfen lassen wollten, binnen eines Tages ausgebucht. Im Landkreis Nordwestmecklenburg in Mecklenburg-Vorpommern hatten die Impfzentren am Ostermontag für Impfwillige ohne Termin geöffnet, um übrig gebliebene Astrazeneca-Dosen zu verimpfen. Hier trafen in Städten wie Wismar Interessierte teils zwei Stunden vor Öffnung ein und bildeten Hunderte Meter lange Schlangen.

Wird die Priorisierung beim Impfen nun verändert?

Nachdem Impfungen mit AstraZeneca bei Jüngeren nun nicht wie geplant stattfinden, ergeben sich in der Tat Änderungen bei der Impfreihenfolge. Vorteile haben dadurch nun die über 60-Jährigen. Die Bundesländer können laut einem gemeinsamen Beschluss der Gesundheitsminister nun selbst entscheiden, ob sie die 60 bis 69-Jährigen bereits zu Impfungen mit AstraZeneca einladen. In Nordrhein-Westfalen geschieht dies beispielsweise schon. "Dies gibt die Möglichkeit, diese besonders gefährdete und zahlenmäßig große Altersgruppe angesichts der wachsenden 3. Welle nun schneller zu impfen", heißt es im Beschluss.

Unter anderem auch in Berlin wurde für die 60- bis 70-Jährigen die zusätzliche Möglichkeit geschaffen, sich mit AstraZeneca impfen zu lassen. Für alle anderen Impfstoffe gilt weiterhin die bundesweit einheitlich festgelegte offizielle Reihenfolge. Demnach werden momentan unter anderem die über 70-Jährigen sowie Menschen mit bestimmten schweren oder chronischen Erkrankungen in den Impfzentren gegen Corona geimpft.

Wie verlief der Impfstart bei den Hausärzten?

In rund 35.000 Arztpraxen wird seit Anfang der Woche bundesweit geimpft. Allerdings bekommen die Praxen zunächst im Schnitt nur etwa 20 bis 30 Impfdosen pro Woche. "Das ist etwas, worüber wir nicht ganz glücklich sind", sagte Hausärzteverbandschef Ulrich Weigeldt über die geringe Menge an Dosen. Denn eigentlich könnten "in der Routine 60,70 - auch um 100" Patienten wöchentlich geimpft werden, so Weigeldt. Er rechnet allerdings damit, dass die Hausarztpraxen zeitnah deutlich mehr Impfdosen bekommen. Wenn die Impfkampagne bei den Hausärzten erst einmal voll angelaufen sei, könnten Impfzentren bald überflüssig sein.

Für Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, bietet die geringe Menge bestellter Impfdosen zu Beginn auch einen Vorteil: Wenn die Ärzte mit wenig Impfstoff starten, könnten Prozesse eingeübt werden, sagte er. "Und wenn es dann zunehmend aufwächst, dann sind wir sicher, wie es geht", erklärte Henke.

Der Chef des Virchowbunds, Dirk Heinrich, hält 20 Millionen Impfungen innerhalb weniger Wochen für realistisch, wenn neben den Hausärzten auch niedergelassene Fach- und Betriebsärzte einbezogen würden. "Dank mehr Impfstoff und mehr impfenden Haus- und Fachärzten werden die Impfquoten deutlich steigen", prognostiziert er. "Wir können, wir wollen und wir werden große Teile der Bevölkerung bis zum Sommer impfen."

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dämpfte die Hoffnungen auf ein schnell steigendes Impftempo durch den Impfstart in den Arztpraxen: "Das wird den Weg aus der dritten Welle nicht wirklich beschleunigen, denn dafür haben wir nicht genügend Impfstoff", sagte Lauterbach.

Wo welcher Impfstoff verwendet wird, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. In Bayern beispielsweise geht ab 19. April fast der gesamte AstraZeneca-Impfstoff an die Arztpraxen. In Niedersachsen impfen die Hausärzte zunächst mit dem Impfstoff von BioNTech/Pfizer. Weitere Präparate sollen in etwa zwei Wochen folgen.

Sind die Impfstofflieferungen inzwischen zuverlässig?

Es kommt immer wieder zu Verzögerungen oder Ausfällen einzelner Impfstoff-Lieferungen. So bremst beispielsweise aktuell eine ausgefallene Lieferung von BioNTech/Pfizer das Impftempo in Rheinland-Pfalz. Rund 10.000 fest zugesagte Dosen des Impfstoffs seien nicht geliefert worden, sagte Landesimpfkoordinator und Gesundheitsstaatssekretär Alexander Wilhelm (SPD). Die Gründe dafür seien unklar.

Zudem gibt es Hinweise, dass Ende April eine Lieferung von Moderna ausfallen könnte. Laut einem Bericht von "Business Insider" geht es um eine geplante Lieferung von mehreren 100.000 Impfdosen. Laut einer Übersicht des Gesundheitsministeriums, die dem Nachrichtenportal vorliegt, wurden für die 17. Kalenderwoche zwischen 627.600 und 878.400 Dosen des Unternehmens erwartet, die wohl nicht kommen werden.

Das könnte die Impfkampagne in Deutschland verzögern, da nicht genügend anderer Impfstoff vorhanden sei, um die Lücke zu stopfen. "Da wir kaum Reserven haben, zugleich aber dutzende Impftermine bereits für die nächsten Wochen gebucht sind, kommen wir in Schwierigkeiten", zitiert "Business Insider" einen Regierungsvertreter.

Sollten die Impfintervalle verlängert werden, um das Tempo zu beschleunigen?

Das hatte SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach gefordert. Wenn der Abstand zur Zweitimpfung bei den mRNA-Impfstoffen von BioNTech und Moderna von sechs auf zwölf Wochen verlängert würde, könnten bis Juli über 60 Millionen Menschen in Deutschland erstgeimpft und so gegen schwere Krankheitsverläufe geschützt sein, sagte er. "Wenn wir jetzt unsere Strategie wechseln und auf möglichst viele Erstimpfungen ausrichten, wird kein vierter Lockdown mehr nötig sein", so Lauterbach.

Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, stützte den Vorschlag und forderte, keine Dosen für Zweitimpfungen mehr zurückzulegen. Er sprach von mehr als 1,2 Millionen Dosen BioNTech und einer halbe Million Dosen Moderna, die derzeit auf Lager in den Gefrierschränken lägen. Möglich sei zwar, dass der Schutz zwischen Woche sechs und zwölf etwas nachlasse. Doch möglicherweise könnten dadurch mehr Menschenleben gerettet werden als schwere Erkrankungen riskiert würden, so Watzl.

Dieser Forderung haben sich Gesundheitspolitiker mehrerer Parteien angeschlossen. Es sei "wichtig, dass wir mit den Erstimpfungen schneller vorankommen", sagte beispielsweise Unions-Gesundheitsexpertin Karin Maag. Angesichts der zu erwartenden steigenden Liefermengen müssten verfügbare Dosen ohne Rückstellungen für die Zweitimpfung verimpft werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 07. April 2021 um 16:15 Uhr.