Heizungsmonteur in einem beschädigten Keller im Ahrtal
Reportage

Flutkatastrophe im Ahrtal Wiederaufbau und drohender Winter

Stand: 15.09.2021 03:36 Uhr

Zwei Monate nach der Flutkatastrophe läuft der Wiederaufbau im Ahrtal auf Hochtouren. Doch Handwerker und Baumaterial sind knapp. Sorgen bereitet auch der nahende Winter - denn viele Heizungen sind zerstört.

Von Stephan Lenhardt, SWR

Frank Wershofen weiß kaum mehr, wo ihm der Kopf steht. Der Sanitär- und Heizungsunternehmer aus Bad Neuenahr-Ahrweiler hat in den vergangenen Wochen mit seinen Mitarbeitern im Flutgebiet Heizungsanlagen im Akkord abgebaut. "Tausende Anlagen sind kaputt", sagt er. Dabei hat die Flut auch seinen eigenen Betrieb getroffen: die Ausstellung, das Lager und einige Büroräume standen unter Wasser. Seine Einsatzfahrzeuge und einige Werkzeuge konnte er aber retten. Jetzt steht der Wiederaufbau an. Das muss schnell gehen, denn der Winter naht.

Stephan Lenhardt

Doch längst nicht überall sind die Vorarbeiten im Keller erledigt: Der Estrich muss neu und die Wände müssen verputzt sein. "Alleine können wir das hier im Flutgebiet nicht stemmen", sagt Wershofen. Insgesamt sind laut Handwerkskammer Koblenz rund 600 Betriebe an der Ahr von der Flut betroffen.

Hilfe kommt in diesen Tagen beispielsweise aus Oldenburg. Fast 50 Installateure und Elektriker sind samt Werkzeug und Material rund 400 Kilometer per Autokolonne angereist. Bis Ende der Woche wollen sie bleiben. Cehan San von der Handwerkerinnung im Norden hatte den Bedarf und die Unterbringung mit seinem Innungskollegen Wershofen im Flutgebiet koordiniert. "Wir haben andere Aufträge nach hinten geschoben", sagt San.

Sanitär- und Heizungsunternehmer Sehan Can und Michael Richter im Flutgebiet | Cehan San

Angereist für den Wiederaufbau - Sanitär- und Heizungsunternehmer Sehan Can und Michael Richter installieren eine neue Heizung. Bild: Cehan San

Installieren im Akkord

Installiert wird das, was verfügbar ist. Anlagen für mobile Flüssiggastank, Öl- und Gasheizungen, sofern das Netz schon wieder steht. "Es muss schnell gehen. Wir wollen Vorbild für andere Installateure in Deutschland sein." Sie übernachten in Pensionen, im Kloster oder in Betrieben an der Ahr.

Bereits vor der Flut war es nicht einfach, Handwerker zu bekommen. Die Corona-Krise sorgte auch beim Material für Engpässe und Preissteigerungen. "Bautrockner sind im Umkreis von 100 Kilometern schwer zu bekommen und die Preise gehen durch die Decke", sagt Kurt Krautscheid, Präsident der Handwerkskammer Koblenz. Die Kammer hat die Plattform "Handwerk baut auf" für örtliche und überregionale Handwerker online gestellt.

"Es wird ein Kraftakt, trotz der bereits vor der Flutkatastrophe bestehenden Fachkräfte- und Materialknappheit die Kräfte hierfür bundesweit in den nächsten Jahren in den betroffenen Regionen bündeln zu können", sagt auch die rheinland-pfälzische Wirtschaftsstaatssekretärin Petra Dick-Walther.

Willkommenskultur für ortsfremde Handwerker

Die Kammer will nun auch Ansprechpartner in die Flut-Gemeinden schicken, um persönlich bei der Handwerkersuche zu helfen. Und: "Es braucht auch eine Infrastruktur und eine Art Willkommenskultur für ortsfremde Handwerker. Wo bekommen sie Material, wie können sie unterkommen?", fragt Krautscheid.

Druck hat auch der örtliche Energieversorger - die "Energieversorgung Mittelrhein evm": 133 Kilometer Erdgasleitungen, 8500 Gaszähler, 3400 Hausdruckregler, und Tausende Netzanschlüsse in Bad Neuenahr-Ahrweiler sind beschädigt oder zerstört. Das gilt auch für insgesamt 16 Ahr-Querungen, weswegen unter anderem zwei neue, provisorische Rohre unter der Ahr verlegt wurden.

Hoffnungsschimmer Gasversorgung

Aber es gibt auch gute Nachrichten mitten in der Krise: Viele Leitungen haben wieder Gasdruck. Der Wiederaufbau gelingt offenbar besser als zuerst befürchtet. "Dazu haben im Wesentlichen der Einsatz noch schnellerer technischer Möglichkeiten, aber auch unsere erfolgreiche Akquirierung von Spezialunternehmen und Fachkräften beigetragen", erklärt evm-Vorstand Josef Rönz. Derzeit geht er davon aus, dass auch die Stadtteile nördlich der Ahr im November versorgt sein können.

Allerdings endet das Gasnetz im Ahrtal am westlichen Ende im Stadtteil Walporzheim. Kleinere Gemeinden ahraufwärts sind noch gar nicht erschlossen. Elektroheizungen könnten das ohnehin fragile Stromnetz im Flutgebiet überlasten. Werner Sicken in Altenburg hat direkt am Tag nach der Flut eine neue Ölheizung bestellt. Denn erst vergangenes Jahr hatte er renoviert und auch neue Öltanks installiert. Zumindest die haben die Flut überstanden. "Der Winter steht vor der Tür. Es musste schnell gehen", sagt er. Anfang Oktober soll die Ölheizung eingebaut werden. Später will er vielleicht einmal mit einer Wärmepumpe aufrüsten.

Heiz-Container und Tiny-Houses

In der Gemeinde Mayschoß setzt der Krisenstab erstmal auf provisorische Lösungen. Gemeinsam mit der Uni Trier haben sie beispielsweise zwei mobile Heiz-Container aufgestellt, die in einer Art Mini-Netzwerk Mehrfamilienhäuser aufwärmen. "Das ist nun auch eine große Chance", sagt Sebastian Sonntag vom örtlichen Kristenstab. Langfristige Lösungen sieht er nach dem Winter.

Straßen seien aufgerissen, Infrastruktur müsse neu aufgebaut werden - die Chance für neue Gas- oder Fernwärmeleitungen. Viele betroffene Bewohner seien in Ferienwohnungen im Ort untergekommen. Die Gemeinde will außerdem Tiny-Houses organisieren. Sonntag hofft, so auch Menschen in ihre Heimat zurückzuholen, die zunächst woanders unterkamen. Doch wie gesagt, es muss schnell gehen. Denn der Winter kommt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. September 2021 um 09:00 Uhr.