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Corona-Pandemie Krankenstand fällt auf Rekordtief

Stand: 10.05.2021 18:54 Uhr

Im ersten Quartal 2021 mussten sich weit weniger Menschen krank melden als in den Vorjahren. Die Grippewelle blieb damit aus - wohl auch wegen der Hygieneregeln. Doch Experten sehen einige Entwicklungen mit Sorge.

Weniger Fahrten in der vollen S-Bahn, Angst vor dem Arztbesuch und auch mal leicht kränklich im Homeoffice arbeiten: Der Krankenstand unter den Beschäftigten ist in der Corona-Pandemie auf ein Rekordtief gesunken.

Die Techniker Krankenkasse (TK) meldete für das erste Quartal mit 3,8 Prozent ausgefallener Arbeitszeit den niedrigsten Stand seit 13 Jahren. Insbesondere Erkältungskrankheiten seien stark zurückgegangen. Im ersten Quartal des Corona-Jahres 2020 hatte der Krankenstand noch bei 5,1 Prozent gelegen.

Die Fehltage seien vor allem bei den Erkältungskrankheiten zurückgegangen, sagte der TK-Vorstandsvorsitzende Jens Baas. Auch sei die Grippewelle ausgeblieben, die sonst in der Regel alle zwei Jahre im Februar für einen erhöhten Krankenstand sorgt. Die Abstands- und Hygieneregeln sowie die eingeschränkten Kontakte hätten aber auch die Verbreitung anderer Infektionserreger verhindert.

"Angst vor Ansteckung beim Arzt"

Auch die AOK verzeichnete in den ersten drei Monaten des Jahres einen deutlichen Rückgang beim Krankenstand ihrer Versicherten. Mit 5,1 Prozent lag der Wert im ersten Quartal 2021 unter dem Wert von 6,6 Prozent im Vorjahreszeitraum.

"Wir vermuten, dass viele Beschäftigte aus Angst vor Ansteckung auf einen Arztbesuch verzichtet haben", erläuterte der stellvertretende Geschäftsführer des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), Helmut Schröder.

"Krebsfälle zu spät entdeckt"

Aus Sicht der Barmer Krankenkasse steigt damit auch das Risiko, Krankheiten zu verschleppen. "Aufgrund der Corona-Pandemie werden zum Beispiel Tausende Krebserkrankungen in Deutschland zu spät oder gar nicht entdeckt", erläuterte ein Sprecher. Wer sich krank fühle, solle daher unbedingt zum Arzt oder zur Ärztin gehen.

Bei der Barmer halbierte sich fast der Anteil der Versicherten, die mindestens einen Tag krank geschrieben waren. Hier waren im ersten Quartal 18 Prozent der Versicherten zwischen 15 und 64 mindestens einen Tag krankgeschrieben - im Vorjahresquartal hatte der Anteil noch bei 30 Prozent gelegen.

Mehr Fehltage wegen Rückenschmerzen

Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK-Gesundheit belegt zudem, dass Arbeitnehmer im Homeoffice sich auch leicht angeschlagen an den Laptop setzen. Dreiviertel der Befragten gaben im Februar an, auch mal mit leichten Erkältungssymptomen zu arbeiten - wegen derer sie sich sonst krank gemeldet hätten.

Hinzu kommen nach Angaben der Krankenkassen zusätzliche Gesundheitsbelastungen im Homeoffice. Fehltage wegen Rückenschmerzen oder anderer Muskel- und Skelettkrankheiten etwa nahmen zuletzt zu. Auch wenn die Krankheitsfälle zurückgingen, dauerten Krankschreibungen im Schnitt länger als noch vor der Pandemie.

Höhere Risiken durchs Homeoffice?

"Der Rückgang des Krankenstandes alleine ist noch kein verlässlicher Hinweis darauf, dass möglicherweise auch die Ausgaben für Krankenbehandlungen zurückgehen", sagte der Sprecher des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen (GKV), Florian Lanz. Etliche chronisch Erkrankte etwa müssten über Jahrzehnte teure Medikamente nehmen, seien aber nicht krank geschrieben.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht in der Tendenz des ersten Quartals 2021 ein Problem. "Weniger Krankmeldungen bedeuten nicht automatisch, dass tatsächlich weniger Beschäftigte krank waren", sagte Vorstandsmitglied Anja Piel. Wer jetzt keinen Arbeitsweg mehr habe, sehe sich im Homeoffice eher verpflichtet, trotz leichter Erkrankung zu arbeiten. Langfristig erhöhe sich dadurch das Risiko chronischer Erkrankungen.

Wenige Covid-19-Diagnosen

Ausfälle wegen Covid-19-Erkrankungen spielten hingegen kaum eine Rolle. Insgesamt verzeichnet die TK im ersten Quartal 1,08 Millionen Krankschreibungen - 9381 davon wegen Corona. Nach Angaben der Betriebskrankenkassen gingen im Monat März lediglich 0,9 Prozent der Arbeitsunfähigkeitstage auf Covid-19 zurück