Blick in ein Labor, in dem an einer Covid-Studie gearbeitet wird. | SWR

Covid-Studie der Uni Mainz Wie sich das Virus verbreitet

Stand: 07.07.2021 13:00 Uhr

Wo ist das Infektionsrisiko besonders hoch, ist Testen auch eine Altersfrage und welche Rolle spielen Kinder? Eine große Covid-Studie der Uni-Medizin Mainz hat dies untersucht - mit teils überraschenden Ergebnissen.

Von Axel John, SWR

Katja Heyles gibt auf ihrem Smartphone persönliche Daten in eine Spezial-App der Uni-Medizin Mainz ein. Heyles nimmt an der "Gutenberg-Gesundheitsstudie" teil. "Ich mache seit elf Jahren mit und war schon bei ganz unterschiedlichen Untersuchungsreihen dabei", erzählt sie. So erhalte sie immer wieder eine exzellente Tiefenanalyse ihres Körpers. "Gleichzeitig kann ich auch die Wissenschaft voranbringen."

Axel John

Auch an der aktuellen Covid-Studie hat sich Heyles beteiligt. Dazu wurde sie mehrfach im Klinikum untersucht und hat seit Oktober immer wieder Fragen zu ihrem Lebensalltag bezüglich Corona über die App beantwortet.

Die "Gutenberg-Gesundheitsstudie" ist dank Teilnehmern wie Heyles wissenschaftlich eine Goldgrube. Die Datenbank gibt es seit 2007. Sie ist mit insgesamt 15.000 Probanden eine der größten ihrer Art weltweit. Die Freiwilligen stellen einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung dar. Die Studie ist Grundlage ständig wechselnder Forschungsprojekte - vom Augeninnendruck bis zum Übergewicht.

Katja Heyles | SWR

Katja Heyles ist eine von mehr als 10.000 Personen, die sich an der Covid-Studie beteiligen. Bild: SWR

An der aktuellen Untersuchung zu Covid-19 nehmen insgesamt 10.250 Personen teil. Der Chef der Klinischen Epidemiologie, Philipp Wild, hat die Studie mitgeleitet. "Durch die breite Datenbasis haben wir eine sehr gute Analysegrundlage - auch mit Blick auf die Pandemie", sagt er. Wild und sein Team stellen nun erste Ergebnisse ihrer Corona-Untersuchungen vor. Weitere Resultate werden folgen. 

Unwissentliche Virenträger

Eine Haupterkenntnis: Mehr als 42 Prozent aller Corona-Infizierten wüssten nicht, dass sie das Virus in sich tragen, erklärt der Mediziner. So bestehe die Gefahr, dass sie den Erreger unbewusst weitergeben und sich die Pandemie weiter ausbreiten kann. "Menschen mit einem höheren gesellschaftlichen Status wissen dabei häufiger von ihrer Infektion. Sie führen auch häufiger Tests durch", so Wild.

Jüngere lassen sich öfter testen

Zudem fanden die Mainzer Wissenschaftler heraus: Ältere Menschen seien deutlich häufiger unwissentlich infiziert als Jüngere. Die Antwort auf dieses Ergebnis zeige sich im Testverhalten der Bevölkerung. Hier gebe es große Unterschiede. Gestaffelt nach Altersgruppen wird laut Studie klar, dass sich Jüngere deutlich öfter testen ließen als Ältere ab 65 Jahren. "Jüngere Menschen nehmen mehr am gesellschaftlichen Leben teil und nutzen daher die Tests auch öfter", interpretiert Wild die Zahlen. Zudem seien Ältere als Erste geimpft worden und Menschen mit vollständigem Impfschutz ließen sich seltener testen.

Blick in ein Labor, in dem an einer Covid-Studie gearbeitet wird. | SWR

Epidemiologe Wild (Mitte) hat die Covid-Studie mitgeleitet. Bild: SWR

Kinder keine Infektionstreiber

Wild und sein Team kommen auch zu dem Ergebnis, dass Kinder keine Treiber der Infektion sind. Dafür wurden rund 2200 Personen aus Familien mit Kindern untersucht. "Immer wieder wird spekuliert, dass Kinder die Viren stark verteilen. Sie können den Abstand nicht einhalten oder waschen sich nicht so häufig die Hände. Wir sehen aber insgesamt kein höheres Risiko, sich bei Kindern anzustecken." In den Familien selbst würden Kinder das Virus auch nicht überdurchschnittlich oft weitergeben. 

Zudem seien Kinder weniger anfällig, sich selbst anzustecken. "Es gibt Fälle, bei denen die Eltern eine Corona-Infektion hatten, ihre Kinder dagegen nicht. Dabei haben Mütter und Väter ihre Kinder auch in den Arm genommen oder geküsst, erläutert Wild. Trotzdem gebe es hier oftmals keine Infektion. Ein mutmaßlicher Grund: Kinder hätten im Vergleich zu Erwachsenen eine bessere Immunabwehr. 

Je mehr Menschen, desto höher das Risiko

Entscheidend für die Ausbreitung des Virus sei vielmehr die Anzahl der Personen, die in einem Haushalt zusammenwohnten. Je höher diese sei, desto größer werde auch das Risiko einer Infektion, so der Epidemiologe. Hier sind laut Studie besonders Menschen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status betroffen - also geringere Bildung, weniger Einkommen oder beengte Wohnverhältnisse. "Es ist allerdings ein Vorurteil, dass sich diese Gruppe nicht so sehr an die AHA-Regeln halten würde. Nach unseren Daten ist sogar das Gegenteil der Fall." Sie würden sich öfter die Hände waschen und die Abstände einhalten. Vielmehr erhöhten die insgesamt schlechteren Lebensverhältnisse  die Möglichkeit einer Ansteckung.

Allerdings sei die Test- und Impfbereitschaft in dieser Bevölkerungsgruppe auch geringer. Hier könne die Politik mit speziellen Informationskampagnen gegensteuern, rät Wild. "Sozial Schwächere tragen auch finanziell die Hauptlasten der Krise. Natürlich kann die enge Wohnsituation nicht schnell geändert werden." Denkbar seien aber Zuschüsse etwa für den Kauf von Masken oder Corona-Selbsttests, schließlich sei das sowieso schon knappe Haushaltsbudget dieser Gruppe während der Pandemie nochmal zurückgegangen.

Abstand und Maske - und Tests

Untersucht wurde in der Mainzer Studie auch die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen im Kampf gegen Corona. Demnach ist vor allem der Mindestabstand wichtig. Eine Schutzmaske führe ebenfalls zu einem besseren Schutz. Auch das Homeoffice wirke der Ausbreitung entgegen. Jedoch seien die beiden anderen Maßnahmen effektiver.

Außerdem plädiert Epidemiologe Wild vehement für ein weiteres systematisches Testen - auch von Geimpften. "Derzeit lassen sich die Menschen immer weniger testen. Dem sollte entgegengewirkt werden. So kann die Kontrolle über das Infektionsgeschehen deutlich verbessert werden."

Zwar würden immer mehr Menschen geimpft. Der Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf betrage je nach Altersgruppe mindestens 90 Prozent. Dennoch bleibe ein Restrisiko, das sich in der Gesamtbevölkerung potenziere. "Mit einem engmaschigen Testsystem würden wir Delta gut im Blick behalten. Zudem sollten wir uns für die nächste Corona-Variante rüsten. Testen ist auch angesichts der vielen unwissentlichen Infektionen wie ein Frühwarnsystem."

Offene Schulen - mit Luftfiltern und Hygieneregeln

Was heißt das alles für Kitas und Schulen? Ist nach den Sommerferien Präsenzunterricht möglich, obwohl viele Kinder weiterhin ungeimpft sein dürften? Für unter Zwölfjährige gibt es derzeit keinen zugelassenen Impfstoff, für ältere Kinder ist er von der STIKO nur eingeschränkt empfohlen.

Studienleiter Wild hat dazu eine klare Meinung: Da Kinder nicht Treiber von Infektionen seien, sollten Kitas und Schulen in der derzeitigen Situation auch im Herbst offen bleiben. Es müsse aber klare Konzepte geben - mit Luftfiltern, Hygieneregeln und Teststrategien. "Das sollte auch direkt zu Schulbeginn umgesetzt werden. Je früher wir handeln, desto früher und effektiver kommen wir vor die nächste Welle - und die kommt bestimmt."  

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 07. Juli 2021 um 14:00 Uhr.

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Moderation 07.07.2021 • 18:30 Uhr

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