Ein Absperrband der Polizei nahe der Fußgängerzone in Trier (Bild vom 01.12.20). | dpa

Prozess zur Trierer Amokfahrt Hoffen auf Aufklärung

Stand: 19.08.2021 04:17 Uhr

Er tötete bei einer Amokfahrt in Trier fünf Menschen. Von heute an muss sich der 51-Jährige vor dem Landgericht Trier verantworten. Für manche Hinterbliebenen ist der Prozess Teil der Aufarbeitung.

Von Franziska Grote, SWR

Wolfgang Hilsemer kann sich genau erinnern: Der Trierer war bei seiner Tochter zu Besuch, da las er auf dem Handy die Schlagzeile: "Terroranschlag in Trier", in der Innenstadt. Ihm sei zunächst gar nicht aufgefallen, dass seine Schwester Uli und ihr Mann gar nicht wie sonst in den Familien-Gruppenchat geschrieben hätten. Seine älteste Schwester habe ihn Stunden später angerufen und gesagt: "Uli ist tot." Erst hätte er das überhaupt nicht realisieren können: "Es ist hart, jemanden auf diese Weise zu verlieren. Anders, als durch eine Krankheit."

"Er muss hart bestraft werden"

Bei der Amokfahrt war seine ältere Schwester getötet worden. Sie war 73. Sein Schwager wurde schwer verletzt. Wolfgang Hilsemer spricht über die Amokfahrt, auch wenn er sie nicht so nennt. Für ihn ist es der "Unfall". Es helfe ihm darüber zu reden, auch wenn man ihm anmerkt, dass es ihm schwer fällt. Immer wieder beginnt er zu weinen.

Seine Gedanken zum mutmaßlichen Täter, der sich ab vor dem Landgericht Trier verantworten muss, sind klar: "Er hat meine Schwester getötet, hat meinen Schwager verletzt und er hat andere Menschen getötet. Er muss hart bestraft werden, er darf nicht mehr raus."

Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr sind nahe der Fußgängerzone in Trier im Einsatz (Archivbild vom 01.12.20). | dpa

Polizei und Feuerwehr nach der Amokfahrt am 1. Dezember in Trier: Der Prozess könnte nun mehrere Monate dauern. Bild: dpa

Hilfe für die Opfer

Wut, Verzweiflung,Trauer. Oft trete bei den Opfern aber auch der sogenannte Schockschaden auf, erklärt Detlef Placzek, der Leiter der Opferberatung von Rheinland-Pfalz. Dabei handele es sich um ein Trauma, das durch den Verlust von Angehörigen ausgelöst werde.

Genau dort setzt die Opferberatung ein. Betroffene Personen werden betreut, erhalten eine Traumatherapie. Manche aber entscheiden sich auch dafür, allein einen Weg zu suchen, um mit der Trauer umzugehen. Andere stellten nach einer gewissen Zeit fest, dass sie es allein nicht schaffen, erklärt Placzek. Dabei spiele es aber keine Rolle, wann die Betroffenen auf ihn zukommen. "Erst vor Kurzem haben mich Angehörige kontaktiert, die dachten, sie könnten die Fahrt von Trier allein verarbeiten, aber nun festgestellt haben, dass es nicht geht. Und gerade dafür sind wir da, jeder kann zu dem Zeitpunkt beginnen, wenn er Hilfe braucht."

Gemeinsam trauern

Bernd Steinmetz von der Katastrophen-Nachsorge Trier ergänzt, dass es oft helfe, wenn Opfer von Katastrophen diese gemeinsam verarbeiten: "Wir haben festgestellt, dass Menschen, die ein solches Schicksal erleiden mussten, eher Ansprechpartner in Personen finden, die das gleiche oder ein ähnliches Schicksal erlitten haben." Im Fall von Trier wurden bereits mehrere Katastrophen-Nachsorge-Treffen veranstaltet. Mit bis zu 60 Teilnehmern.

Der Prozessauftakt ist ein Tag, auf den viele der Betroffenen gewartet haben. Vor Gericht steht der mutmaßliche Täter Bernd W. aus Trier. Die Anklageschrift umfasst 80 Seiten und legt ihm mehrfachen Mord und versuchten Mord zur Last. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, am 1. Dezember 2020 mit seinem Sportgeländewagen durch die Trierer Fußgängerzone gerast zu sein - in der Absicht, Menschen zu töten oder zu verletzen. 

Nur 23 Plätze für Zuschauer hat das Landgericht Trier freigegeben. Grund dafür sind Abstandsregeln der Corona-Pandemie. Der Prozess wird voraussichtlich Monate andauern. Als letzter Verhandlungstag ist derzeit der 26. Januar angesetzt.

Aufklärung einer Katastrophe

Für die meisten Angehörigen spielt der Prozess eine essenzielle Rolle. Er zeige, dass sich der Staat der Sache annehme, die Aufklärung endlich in Bewegung komme, erklärt Steinmetz von der Stiftung Katastrophen-Nachsorge.

So ist es auch für Wolfgang Hilsemer: "Ich möchte gerne bei diesem Prozess dabei sein. Ich möchte gerne wissen, was da alles passiert, ich möchte nicht immer alles von Dritten wissen", sagt er. "Ich möchte das gerne selbst hören, was da passiert ist. Und soviel ich weiß, kann man das ja minutiös ablaufen lassen. Und das interessiert mich: warum, wie?" 15 der Betroffenen und Angehörigen sind Nebenkläger beim Prozess, so auch Hilsemer.

Räume für Betroffene

Sobald er über den Prozess spricht, beginnt seine Stimme zu zittern, ihm treten Tränen in die Augen: "Ich wünsche mir, dass das endlich vorbei ist, dieser Spuk", sagt er. "Wenn das Gerichtsverfahren vorbei ist, glaube ich, dann haben wir es erstmal gepackt. Und dann müssen wir mal schauen, wie wir dann mit allem wieder umgehen können."

Für die Betroffenen werden im Gericht Räume zur Verfügung gestellt, in die sie sich zurückziehen können. Und es werden auch Seelsorger vor Ort sein, mit denen die Opfer bei Bedarf sprechen können.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. August 2021 um 07:50 Uhr.