Gestelltes Bild zum Thema häusliche Gewalt | Bildquelle: dpa

Platzmangel in Frauenhäusern Geschlagen, bedroht, schutzlos?

Stand: 24.11.2019 05:33 Uhr

Frauenhäuser sollen Zuflucht bieten. Doch teilweise müssen Gewaltopfer Hunderte Kilometer fahren, um Schutz zu bekommen. 14.600 Plätze fehlen deutschlandweit - daran hat auch geltendes Recht nichts geändert.

Von Kerstin Palzer, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist kein Namensschild an der Klingel des Hauses und es dauert lange, bis der Summer ertönt, der das Tor öffnet. Die Frauen am Empfang wissen, dass sie niemanden auf das Grundstück lassen dürfen, den sie nicht kennen. Nur mit einem Codewort kommt man hinein. Heute ist es "Blume". Einfache Worte, damit auch Kinder und Frauen, die wenig Deutsch sprechen, sie sagen können. Aber ein Sicherheitssystem, das bisher alle unliebsamen Besucher ferngehalten hat.

Das Frauenhaus ist auf den ersten Blick kein gemütlicher Ort. Die Einrichtung ist einfach, die Zimmer klein. Fast immer kommen Frauen mit ihren Kindern, dann leben zwei, drei oder vier Menschen in einem Raum. Kleine Kinder schreien, aus der Küche hört man Stimmengewirr.

Rita Süssmuth, ehem. Bundesvorsitzende Frauen-Union, CDU, zur Situation von Frauenhäusern und Frauen in der CDU
Bericht aus Berlin, 24.11.2019

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Ort der Zuflucht

Aber für Katharina (Name geändert) ist es das größte Glück, hier sein zu können. Mitte Oktober kam sie mit ihren drei Kindern ins Frauenhaus. Zuvor hatte ihr Mann sie eingesperrt und geschlagen, immer wieder. Auch dass die Kinder das miterlebt haben, hielt ihn nicht ab. "Die Kinder haben alles gesehen", erzählt sie. "Er hat auch meine Tochter geschlagen. Er hatte mich geschlagen und dann hat meine Tochter ihn gebeten: 'Bitte Papa, tu das nicht!' Da hat er auch sie mit der Faust auf den Kopf geschlagen." Das war der Tiefpunkt, sagt Katharina heute.

Nachdem das geschehen war, wählte sie die Nummer des Hilfe-Telefons. Die hatte sie von ihrer Nachbarin schon vor Wochen bekommen, weil die immer wieder mitbekommen hatte, was da nebenan geschah. Doch auch Katharina musste sich gedulden.

Ein Zettel mit der Aufschrift "Kennwort Blume" an einer Glastür
galerie

Jede dritte Frau in Deutschland ist von Gewalt betroffen. 350 Frauenhäuser gibt es in Deutschland.

14.600 Plätze fehlen

Es ist schwer, in Deutschland einen Platz im Frauenhaus schnell und am Wohnort zu bekommen. Bereits vor acht Jahren beschloss der Europarat die sogenannte Istanbul Konvention. Seit Februar 2018 ist sie geltendes Recht in Deutschland. Danach soll es pro 10.000 Einwohner (also Männer, Frauen und Kinder) einen sogenannten Family Place geben.

Das ist ein statistischer Wert, denn fast immer brauchen die Frauen, die Schutz suchen, auch Platz für ihr Kind oder ihre Kinder. Das heißt aber: In Deutschland müsste es 21.400 Betten in Frauenhäusern geben. Tatsächlich gibt es nur 6800. Es fehlen - acht Jahre nachdem die Bundesrepublik die Konvention unterschrieben hat - 14.600 Plätze für Frauen in Not, auch für Männer, die Opfer häuslicher Gewalt werden und fast immer auch für Kinder, die massiv unter der Gewalt in ihren Familien leiden.

Häusliche Gewalt ist Alltag

Häusliche Gewalt kommt in allen Bevölkerungsschichten, Nationalitäten und Religionen vor. Die Leiterin des Berliner Frauenhauses, in dem Katharina lebt, erzählt von einem Angebot für Paare, die Beratung nach häuslicher Gewalt suchen. Dieses Programm fand in einem wohlsituierten Bezirk in Berlin statt. "Da hatten wir lange Wartelisten, und das waren nur Leute aus dem Mittelstand", sagt sie.

Zurzeit sind im Berliner Frauenhaus etwa 60 bis 80 Prozent Frauen, die aus dem Ausland kommen. Das hat auch damit zu tun, dass deutsche Frauen, die geschlagen oder misshandelt werden, sich oft andere Möglichkeiten suchen als das Frauenhaus: Sie ziehen erstmal zu Freundinnen oder Verwandten. Manchmal nehmen sich Frauen ein Hotelzimmer, nur um ihrem gewalttätigen Mann zu entkommen. Eine Möglichkeit, die mittellose Frauen schlicht aus finanziellen Gründen nicht haben.

Zimmer mit Bett, Waschbecken und Babybett | Bildquelle: Kerstin Palzer
galerie

Oft ziehen die Schutzsuchenden mit ihren Kindern ein - da reichen die Plätze nicht.

Kilometerweite Fahrten für einen sicheren Ort

Im akuten Fall, wenn es für eine Frau lebensbedrohlich wird, muss allerdings sofort ein Schutzraum da sein. In Berlin kommt es dann zu Situationen, in denen die Polizei eine misshandelte, massiv bedrohte Frau bis nach Cottbus fahren muss, weil es ansonsten keinen Platz für sie gibt.

1976 wurde das erste deutsche "Haus für geschlagene Frauen" gegründet. Heute gibt es 350 Frauenhäuser in ganz Deutschland. Doch auch Familienministerin Franziska Giffey spricht bei der Versorgung mit Schutzräumen in Frauenhäusern von "weißen Flecken auf der Landkarte" und räumt ein, dass in der Vergangenheit zu wenig gemacht wurde. "Wir haben eine Frauenhaus- und Beratungsinfrastruktur, die zwar da ist, aber bei weitem nicht ausreicht, um den Bedarf zu decken. Jede dritte Frau ist von Gewalt betroffen oder davon betroffen gewesen in ihrem Leben. Es gibt also immer wieder Notsituationen. Wir müssen dafür sorgen, dass es mehr Plätze in Frauenhäusern gibt", betont die SPD-Politikerin.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey malt gemeinsam mit Kindern in einer Mainzer Kita. | Bildquelle: dpa
galerie

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey räumt Versäumnisse ein.

120 Millionen Euro sollen investiert werden

Immerhin: Der Bund investiert jetzt 120 Millionen Euro in den Ausbau der Frauenhäuser. Damit werden in den nächsten vier Jahren die Länder und Kommunen unterstützt, die eigentlich für den Bau von Frauenhäusern zuständig sind.

Die Grünen finden dieses Engagement der Bundesregierung gut, gehen aber noch einen Schritt weiter. Sie fordern einen Rechtsanspruch auf ein Schutzangebot in Frauenhäusern. Damit könne gewährleistet werden, dass alle, die Schutz vor häuslicher Gewalt suchen, ihn auch finden. Ulle Schauws will für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen einen entsprechenden Antrag im Bundestag stellen. Damit wird die Bundesregierung außerdem aufgefordert, "mit den Bundesländern und den Kommunen die Übernahme der verbleibenden Kosten zu regeln". Denn auch wenn Frauen in ein Frauenhaus in einem anderen Bundesland wechseln wollten, gebe es immer wieder Schwierigkeiten. Aus Sicht der Grünen ein Unding in einem Land wie Deutschland.

Katharina musste drei Tage warten, dann war es so weit und sie konnte mit ihren drei Kindern ins Frauenhaus ziehen. So langsam kommen sie und die Kinder wieder zur Ruhe. "Sie haben mir hier sehr geholfen. Ich habe jetzt nicht mehr diese Angst wie früher." Im vergangenen Jahr sind in Deutschland 141 Frauen durch ihren Partner oder Ex-Partner getötet worden.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 24. November 2019 im Bericht aus Berlin um 18:30 Uhr.

Korrespondentin

Kerstin Palzer Logo MDR

Kerstin Palzer, MDR

Darstellung: