André Steins im Gespräch mit Judith Rakers

Fragen an die tagesschau "Die gucken sehr genau, was wir machen"

Stand: 30.03.2022 16:08 Uhr

In "Frag die tagesschau" hat die Redaktion einen Blick hinter die Kulissen der Nachrichtenredaktion werfen lassen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer wollten viel zur Themenauswahl wissen, stellten aber auch persönliche Fragen an Judith Rakers.

Wie entsteht die tagesschau um 20 Uhr? Wie sieht die Arbeit der Sprecherinnen und Sprecher aus? Und wie entscheidet die Redaktion, welche Themen in die Sendung kommen? Um Fragen wie diese ging es beim Dialogformat "Frag die tagesschau", bei der sich die Redaktion den Fragen der Zuschauerinnen und Zuschauern stellte und Einblick in die redaktionelle Arbeit gab.

Vor allem interessierte sich das Publikum für die Perspektive der Menschen hinter der tagesschau. Zu den am häufigsten gestellten Fragen zählten: Wie entstehen tagesschau-Beiträge? Und: Wie wird man Sprecherin oder Sprecher der 20-Uhr-Ausgabe?

Vom NDR zur tagesschau

Einblick in die Arbeit als tagesschau-Sprecherin gab Judith Rakers. Angefangen habe sie als Moderation beim NDR, erzählt sie, dann sei sie vom damaligen tagesschau-Chefsprecher Jan Hofer kontaktiert worden. Ob sie sich vorstellen könne, bei der tagesschau zu arbeiten, habe er wissen wollen. "Und ich weiß noch genau, dass ich gefragt habe: Als was denn? Weil ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass man mich als Sprecherin haben möchte", erinnert sich Rakers.

Seit nunmehr 17 Jahren arbeitet Rakers bei der tagesschau. Früher sei dies eine reiner Sprecher-Aufgabe gewesen - ein Job also, bei dem es vor allem darum ging, die Nachrichten sachlich und in perfekter Aussprache vorzutragen. Inzwischen habe sich dies ein bisschen gewandelt, sagt Rakers. "Und jetzt ist es so, dass hier auch Journalisten stehen, Moderatoren, die jederzeit umschwenken können von diesem Sprecher-Job in den Moderations-Job und dann auch lange Live-Strecken spontan überbrücken können", so Rakers. "Und, weil wir das fast alle auch bei tagesschau24 machen, ist es umso wichtiger, dass man auch im Thema ist."

"Der Satz, den ich gelesen habe, hatte noch kein Ende"

Auch könne es verkommen, dass es noch Änderungen an einer Sendung gibt, während diese bereits läuft. "In einer perfekten Welt", sagt Rakers, "haben wir die Nachrichten, ich sage mal, zehn, 15 Minuten bevor die Sendung beginnt". Doch in der Realität veränderten sich Dinge, ploppten Nachrichten auch kurzfristig hoch, etwa beim Einleuchten kurz vor Sendungsbeginn - oder eben danach.

Genau das passierte vor ein paar Jahren, erinnert sich Rakers. "Ich ging ins Studio und hatte als erstes eine Meldung über laufende Tarifverhandlungen", erzählt sie. Während der Sendung habe es einen Tarifabschluss gegeben und die Kolleginnen und und Kollegen hätten dies in das Computersystem geschrieben, sodass die Meldung auf dem Teleprompter im Studio erschien. "Der Satz, den ich gelesen habe, hatte noch kein Ende. Ich musste deswegen sehr langsam sprechen, weil die Buchstaben erst in dem Moment auftauchten, als ich sie gelesen habe."

15 Minuten Sendezeit für das Wichtigste

Dass trotz Vorbereitung und Planung Manches auch sehr kurzfristig geschehe, dass man immer wieder auch spontan reagieren müsse, bestätigt auch Christian Richter, Chef vom Dienst bei der tagesschau. Dass etwa Eilmeldungen kämen, dass man spontan etwas sehr Wichtiges noch in die Sendung nehmen müsse, käme häufiger vor. "Gerade heute erst", sagt er mit Blick auf die aktuelle 20-Uhr-Ausgabe.

Die Nachricht über einen Anschlag in Israel mit fünf Toten habe man während der Sendung noch reingenommen. Dies bedeute im Umkehrschluss mitunter aber auch, dass ein anderes Thema wieder aus der Sendung fällt. "Am Ende muss man natürlich klar sagen, müssen wir eine ziemlich strenge Auswahl treffen", sagt Richter. "Viele Themen würden wir gern in die Sendung mit reinnehmen, haben aber leider keinen Platz mehr dafür." Bei 15 Minuten Sendezeit müsse sich die Redaktion auf das Relevanteste und Wichtigste vom Tag konzentrieren.

André Steins im Gespräch mit Christian Richter

"Jeder weiß: Die tagesschau ist etwa 15 Minuten lang", sagt Christian Richter (links), Chef vom Dienst bei der tagesschau. "Viele Themen würden wir gern in die Sendung mit reinnehmen, haben aber leider keinen Platz mehr dafür."

Wie kommen Themen in die Sendung?

Doch wie wird entschieden, was das Wichtigste des Tages ist? Wer trifft diese Entscheidung? Kurzum: Welche Themen kommen in die Sendung und welche nicht? Diese Frage stellten die Zuschauerinnen und Zuschauer mit am häufigsten.

Dies sei ein Prozess, erklärt Richter, einer, der über den ganzen Tag hinausgehe. Einerseits käme man nicht uninformiert in die Redaktion, habe sich am Morgen bereits einen Überblick über die Themen des Tages verschafft, online und beim Hörfunk informiert. "Und dann haben wir auch eine wunderbare Abteilung, die sich Planung nennt", erklärt Richter. "Die hat den Tag schon mal vorsortiert."

So gebe es viele Ereignisse, etwa die Gespräche zwischen den Vertretern Russlands und der Ukraine, die bereits bekannt und für die Sendung planbar sind. Weitere würden in Konferenzen und Gesprächen mit den Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion erarbeitet; auch tausche man sich mit den anderen Gewerken im Haus aus. "Und am Ende bleibt sozusagen das Substrat", sagt Richter, "das, was wir täglich in der 20-Uhr-tagesschau sehen".

Liest die Politik eigentlich Korrektur?

Viele Menschen begleiten die Arbeit der tagesschau-Redaktion kritisch. Und nicht immer sind alle Zuschauerinnen und Zuschauer mit der Themenauswahl oder der Gewichtung einer Ausgabe zufrieden. Auch werden mitunter technische oder inhaltliche Fehler gemacht. Diese werden, wann immer möglich, transparent gemacht und korrigiert.

Und so ist das Ziel immer die einwandfreie, objektive und transparente Berichterstattung über alle Ausspielwege hinweg. Eine Zuschauerin fragte dennoch: Werden die Meldungen von Regierungspolitikern eigentlich Korrektur gelesen, bevor sie präsentiert werden?

Es ist ein Vorwurf, der sich die tagesschau immer dann ausgesetzt sieht, wenn die Berichterstattung missfällt. Marcus Bornheim, Erster Chefredakteur von ARD-aktuell, bekräftigt: In seiner ganzen Zeit als Chefredakteur, bei der tagesschau, bei den tagesthemen und bei tagesschau.de sei es so gewesen, "dass noch nie ein Regierungsvertreter, sei es vom Bund oder von den Ländern, bei mir angerufen hat, und in irgendeiner Form Einfluss auf die Berichterstattung hat nehmen wollen", sagt Bornheim. Und ehrlicherweise würde er davon abraten, "weil in dem Moment, wo das einer versucht, würden wir das in der Sekunde sofort öffentlich machen und die Person wäre total blamiert".

Zudem habe ARD-aktuell als Gemeinschaftseinrichtung aller ARD-Anstalten ein "Checks-and-Balances-System" innerhalb der Redaktion und der gesamten ARD, "sodass es eigentlich überhaupt gar keinen Sinn macht, zu versuchen, auf unsere Berichterstattung seitens der Politik Einfluss zu nehmen." Dafür seien auch viel zu viele Menschen beteiligt.

André Steins im Gespräch mit Marcus Bornheim

Marcus Bornheim (rechts), Erster Chefredakteur ARD-aktuell, berichtete unter anderem über die Gremienkontrolle und darüber, ob politisch Einfluss genommen wird.

Kontrolle der Berichterstattung

Die tagesschau ist plattformübergreifend zu Ausgewogenheit und politischer Ausgeglichenheit verpflichtet, so ist es im Rundfunkstaatsvertrag festgeschrieben. Die Prüfung der täglichen redaktionellen Arbeit mit Blick auf dieses Gebot obliegt dem Norddeutschen Rundfunk. Gremien prüften die Veröffentlichungen auf allen Ausspielwegen, erklärt Bornheim. "Die gucken sehr genau drauf, was wir den ganzen Tag über machen. Und hin und wieder werden ich oder meine Kolleginnen und Kollegen zu den Gremien zitiert", sagt er.

In diesen Runden wird die Berichterstattung bewertet, Chefredakteurinnen und Chefredakteure müssten sich mitunter auch rechtfertigen, "für Formulierungen, aber auch für ein empfundenes, vielleicht subjektiv empfundene Unausgewogenheit in einer Berichterstattung", sagt Bornheim. Auch würden kritische Fragen gestellt: Warum wurde die Person zum Gespräch in den tagesthemen eingeladen und nicht jene? Warum wurde die Überschrift auf tagesschau.de so formuliert? In diesen Gremien wird einem "schon ganz schön auf die Finger" geguckt, so Bornheim.

Berichterstattung in Kriegszeiten

Ein besonderer Schwerpunkt bei tagesschau und tagesschau.de liegt derzeit auf der Berichterstattung über den Krieg gegen die Ukraine. Doch nicht immer lassen sich Informationen aus Kriegsgebieten unmittelbar unabhängig überprüfen. Wie die Redaktion dennoch versuche, Meldungen zu bestätigen oder Falschbehauptungen zu entlarven, wollten viele Zuschauerinnen und Zuschauer wissen. Welches Internetvideo ist authentisch, welches womöglich verfälscht?

"In der Tat ist es so, dass Kriegszeiten immer Zeiten von Desinformation sind", sagt Juliane Leopold, Chefredakteurin Digitales bei ARD-aktuell. Umso wichtiger sei es, dass alle in der Redaktion das Handwerk beherrschten. So helfen etwa Korrespondentinnen und Korrespondenten vor Ort, Lagen oder Informationen einzuschätzen.

Auch auf andere Quellen werde zurückgegriffen, etwa Nachrichtenagenturen oder die BBC, die noch mit vielen Personen in der Ukraine vor Ort sei. "Das andere ist, dass wir sehr, sehr gut darauf achten, wo uns Informationen erreichen", sagt Leopold. Vor allem User Generated Content sei "ein Einfallstor für Desinformation und für Falschinformationen". Hier müsse besonders sorgfältig geprüft werden.

André Steins im Gespräch mit Juliane Leopold

Berichterstattung zu Kriegszeiten: "In einem Konfliktfall wie jetzt, in dem die Ukraine etwa Angaben darüber macht, welche Stadt sie befreit hat oder nicht, können wir nicht bis ins Letzte verifizieren, ob diese Angabe stimmt." Daher sei es wichtig, dies transparent zu machen, so Juliane Leopold (links), Chefredakteurin Digitales ARD-aktuell.

Gender-Sternchen und Doppelpunkte

Ein Aspekt, der Zuschauerinnen und Zuschauer, Leserinnen und Leser unabhängig vom Thema der Berichterstattung immer wieder beschäftigt und umtreibt ist der Umgang mit inklusiver Sprache bei der tagesschau und bei tagesschau.de. Denn je nach Ausspielweg hat ARD-aktuell einen anderen Umgang damit gefunden. Nicht selten entzünden sich daran Debatten.

"Sprache ist erstens im Fluss und zweitens ist sie die Manifestation von Gesellschaft", sagt Leopold. "Deswegen ist es wichtig, diese Debatte ernst zu nehmen und sie bewusst zu führen." Die tagesschau habe den Anspruch, zu inkludieren und Angebote für alle zu machen. So werde etwa an der Berichterstattung in einfacher Sprache gearbeitet und die Untertitelung stetig überdacht.

"Und das heißt eben auch, geschlechtergerecht zu sprechen", sagt Leopold. Dabei gelte es aber auch zu differenzieren. "Das Stammpublikum einer tagesschau um 20 Uhr im linearen Fernsehen ist natürlich ein anderes als das Stammpublikum auf Instagram. Und so unterscheiden sich dann auch die Ansprachen. Aber es ist völlig okay und gerechtfertigt, in den Communitys so unterwegs zu sein, wie es die Communitys von uns auch ehrlicherweise erwarten."

"Das Interesse war riesig"

Während der 45-minütigen Live-Sendung gingen etwa 500 E-Mails ein; dazu kamen rund 1000 Chatnachrichten aus dem Social Web, von Facebook und YouTube.

"Das Interesse an unserem Dialogformat "Frag die tagesschau" war riesig", sagt Leopold. "Das hat uns sehr gefreut." Die zahlreichen Fragen des Publikums helfen besser zu verstehen, was dieses Publikum interessiert. "Wir wollen im Gespräch bleiben mit den Menschen, für die wir berichten. Das ist auch ein wichtiger Baustein für den gesellschaftlichen Zusammenhalt", so Leopold.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. März 2022 um 20:15 Uhr.