Helfer der Hamburger Tafel versorgen Flüchtlinge aus der Ukraine mit Lebensmitteln. | dpa

Vorstoß von Innenministerin Faeser Früher in die Rente dank Ehrenamt?

Stand: 10.08.2022 18:34 Uhr

Etwa 29 Millionen Menschen in Deutschland sind ehrenamtlich tätig. Bundesinnenministerin Faeser will das Engagement stärker honorieren, etwa mit einem früheren Renteneintritt. Dafür gibt es parteiübergreifend Kritik.

Von Dietrich Karl Mäurer, ARD-Hauptstadtstudio

Es sei ein "wahnsinnig hohes Gut", dass viele Menschen in Deutschland neben ihrer Arbeit und Familie sehr viel für die Allgemeinheit tun, sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser über die im Ehrenamt engagierten Bürgerinnen und Bürger. Das könne man nicht oft genug loben und wertschätzen, so Faeser in einer Talkrunde des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND).

Dietrich Karl Mäurer ARD-Hauptstadtstudio

Man könne darüber nachdenken, wie man denjenigen, die sich über einen langen Zeitraum für die Gesellschaft engagiert haben, etwas Gutes tun könne, sagte Faeser im RND-Talk. "Man könnte zum Beispiel privilegieren, indem man den Menschen, die ihr Leben lang einen solchen Dienst an der Bevölkerung geleistet haben, früher in Rente schickt - ein Jahr beispielsweise", so die Ministerin.

Faeser kam auf das Thema Ehrenamt, als sie über die Zunahme von Naturkatastrophen sprach: über Hochwasser, Waldbrände, schwere Stürme und den in der Folge gestiegenen Bedarf an freiwilligen Katastrophenhelfern.

Etwa 29 Millionen ehrenamtlich Tätige

Zuständig ist die Innenministerin weder für das Ehrenamt noch für die Rente. Und dennoch wird ihr Vorschlag, ehrenamtliche Tätigkeit besonders zu honorieren, begrüßt. Etwa von der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Katarina Peranić aus dem Vorstand der Stiftung verweist darauf, dass sich knapp 29 Millionen Menschen in Deutschland in ihrer Freizeit für die Gesellschaft engagieren.

"Vieles würde nicht so funktionieren, wie wir es kennen, ohne diese Menschen. Daher ist es sehr gut, dass wir diese Debatte jetzt führen", sagt Peranić. Jede Form der Wertschätzung könne ein Anreiz für ehrenamtliches Engagement sein, auch die Anerkennung von ehrenamtlicher Tätigkeit im Rentensystem. "Das wäre sicherlich ein gutes Mittel."

Sozialministerium: "Eher Idee als Vorschlag"

Der Vorschlag der Innenministerin war offensichtlich nicht abgestimmt mit dem von ihrem SPD-Partei-Kollegen Hubertus Heil geführten Sozialministerium, in dessen Verantwortungsbereich die Rentenkasse liegt.

Auf der Regierungspressekonferenz danach befragt, ob ein früherer Renteneintritt ein geeignetes Mittel sei, um das Ehrenamt zu stärken und ob das finanzierbar sei, antwortet Ministeriumssprecherin Simone Prühl zurückhaltend: "Die Finanzierbarkeit einer, wie gesagt, eher Idee als Vorschlag hängt von der Ausgestaltung ab." Die Sprecherin ergänzt: "Man muss ja alle Vorschläge, die zur Änderung des Rentensystems gemacht werden, immer im Zusammenhang sehen zur demografischen Entwicklung in unserem Land und auch zum Arbeitskräftebedarf."

Ablehnung von FDP und Grünen

Deutlich klarer formuliert der Arbeitsmarkt- und sozialpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Pascal Kober. Zwar lobt er, dass die Bundesinnenministerin auf den hohen Bedarf an Ehrenamtlichen hingewiesen habe, aber den Vorschlag eines früheren Renteneintritts findet er nicht überzeugend. "Zum einen würde das allein die Beitragszahler für eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe belasten und die vielen Selbstständigen, die auch ehrenamtlich aktiv sind, faktisch ausschließen", sagt er. "Und am Ende müssen wir uns natürlich als gesamte Gesellschaft die Frage stellen: Ist Ehrenamt noch Ehrenamt, wenn es dafür eine wie auch immer geartete Entlohnung geben muss?"

Unter Verweis auf den Fachkräftemangel signalisiert auch Bundesfinanzminister Christian Lindner Ablehnung. Ebenso wie der Grünen-Rentenexperte Markus Kurth, der zu dem Vorstoß der Innenministerin meint: Die Rentenversicherung sei eine Einkommensversicherung und kein Belohnungssystem für gesellschaftlich erwünschte Verhaltensweisen und Tätigkeiten.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 10. August 2022 um 17:28 Uhr.