Köln: Der von der Kirche beauftragte Anwalt Björn Gercke (r) übergibt dem Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki (l) während einer Pressekonferenz ein Gutachten zum Umgang des Erzbistums Köln mit sexuellem Missbrauch. | dpa

Gutachten zu Erzbistum Köln Erste Konsequenzen und Kritik

Stand: 18.03.2021 18:43 Uhr

Das Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln hat Konsequenzen für mehrere Amts- und Würdenträger: Sie wurden ihrer Aufgaben enthoben oder boten ihren Rücktritt an. Der Gutachter sieht auch andere Diözesen betroffen.

Nach der Vorstellung eines Gutachtens zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Köln haben das Bistum selbst und Beschuldigte erste Konsequenzen gezogen. Unmittelbar nach der Vorstellung durch den Strafrechtler Björn Gercke enthob der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, dem selbst keine Pflichtverletzungen nachgewiesen wurden, Weihbischof Dominikus Schwaderlapp und Offizial Günter Assenmacher mit sofortiger Wirkung von ihren Aufgaben. Schwaderlapp bot inzwischen dem Papst seinen Rücktritt an.

Seinen Amtsverzicht angekündigt hat auch der Hamburger Erzbischof Stefan Heße. "Ich habe mich nie an Vertuschung beteiligt", sagte der 54-jährige katholische Theologe. Dennoch sei er bereit, seinen Anteil am Versagen des Systems zu tragen. Heße, der von 2006 bis 2014 Hauptabteilungsleiter Personalseelsorge und später Generalvikar in Köln war, wird in dem Gutachten im Zusammenhang mit elf Pflichtverletzungen bei neun Aktenvorgängen aufgelistet. Dabei handele es sich überwiegend um nicht ordnungsgemäß bearbeitete Missbrauchsfälle. Er wolle Schaden vom Erzbistum Hamburg abwenden und biete Papst Franziskus seinen Amtverzicht an, sagte Heße. "Ich bitte ihn um die sofortige Entbindung von meinen Aufgaben." Er wolle die Konsequenzen aus seinem damaligen Handeln ziehen.

Stefan Heße, katholischer Erzbischof von Hamburg, predigt beim ökumenischen Gedenk-Gottesdienst für die Opfer und Leidtragenden der Corona-Pandemie in der Kieler St. Nikolai Kirche. (März 2021) | dpa

Habmurgs Erzbischof Stefan Heße reichte beim Papst seinen Rücktritt ein. Bild: dpa

Nach Vertuschungsvorwürfen reagierte auch der ehemalige Kölner Generalvikar Norbert Feldhoff. Er kündigte an, sich aus dem Priesterrat des Erzbistums zurückzuziehen. Die Anschuldigungen aus dem Gutachten nehme er an, schrieb Feldhoff in einer persönlichen Stellungnahme.

"Pflichtverletzungen sicherlich in fast allen Diözesen"

In dem Gutachten untersuchten Juristen Übergriffe und Grenzverletzungen aus den Jahren zwischen 1975 und 2018. Sie zählten 202 Beschuldigte sowie 314 Betroffene. Die Anwälte stellten 75 Pflichtverletzungen von acht lebenden und verstorbenen Verantwortlichen fest. Die meisten Pflichtverletzungen stellt das Gutachten jedoch bei dem 2017 verstorbenen Kardinal Joachim Meisner fest. Auf sein Konto gehe ein Drittel aller festgestellten Pflichtverletzungen, nämlich 24. 13 Mal soll demnach Feldhoff seinen Pflichten nicht nachgekommen sein, indem er zum Beispiel nicht zur Aufklärung beitrug und sich nicht hinreichend um Opfer kümmerte.

Die Opfer waren demnach mehrheitlich Jungen. Bei 63 Prozent der Beschuldigten handele es sich um Kleriker, also Priester. Die Zahl der Opfer beläuft sich auf 314. In knapp 32 Prozent der Fälle habe es sich um sexuellen Missbrauch gehandelt, in gut 15 Prozent um schweren sexuellen Missbrauch. Die anderen Fälle stuft Gercke unter anderem als Grenzverletzungen und sonstige sexuelle Verfehlungen ein.

Das von Gercke angefertigte Gutachten ist bereits das zweite zum Umgang des Erzbistums mit den Missbrauchsvorwürfen. Das erste Gutachten einer Münchner Kanzlei wird von Woelki unter Verschluss gehalten, wofür er rechtliche Bedenken anführt. Dieses Verhalten hatte eine Vertrauenskrise im größten deutschen Bistum ausgelöst

Auch wenn das Erzbistum Köln Gegenstand der Untersuchung war, sind laut Gercke auch andere Bistümer betroffen. Er gehe sicher davon aus, dass es Pflichtverletzungen wie die in Köln in fast allen Diözesen gegeben habe, erklärte der Strafrechtler und verwies darauf, dass man bei der Prüfung der Akten auch auf Bezüge zu den Bistümern Essen und Trier, sowie zu anderen Erzbistümern gestoßen sei. "Wir schließen aus, dass es dort keine Pflichtverletzungen gab", merkte Gercke an.

Kritik der Betroffenen

Nach der Vorstellung des Gutachtens wurden Rufe nach weiteren Konsequenzen in der katholischen Kirche laut. Die "so lange überfällige unabhängige Aufarbeitung" stehe in Köln und andernorts immer noch am Anfang, sagte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken ZdK sieht in dem Gutachten zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Köln einen "klaren Auftrag für Reformen". Das betreffe die Kirche insgesamt, betonte ZdK-Präsident Thomas Sternberg. "Alle Bistümer können aus den offensichtlichen Verfahrensfehlern, mangelnden rechtlichen Regelungen und mangelnder Rechtskenntnis in Köln lernen", so Sternberg.

Die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung KAB sprach von einem unüberhörbaren Signal für die gesamte katholische Kirche über Deutschland hinaus, "absolute Transparenz und ein Maximum an unabhängiger Kontrolle in den Strukturen der Kirche zu institutionalisieren".

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung bezeichnete das Ausmaß der Vorwürfe als erschreckend. Er sei froh, dass die "Zeit des unerträglichen Wartens" auf die Untersuchung nun ein Ende habe, erklärte Johannes-Wilhelm Rörig. Das Gutachten sei ein wichtiger von vielen weiteren Mosaiksteinen der Aufarbeitung.

Als "Freispruch" für Kardinal Rainer Maria Woelki wertete der Sprecher der Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, das Missbrauchsgutachten. "Was man bestellt hat, hat man bekommen", sagte er der KNA. Das Gutachten kläre weder moralische noch kirchenrechtliche Fragen. Katsch kritisierte, dass die Perspektive der Betroffenen für die Erstellung der Studie keine Rolle gespielt habe. Das Gutachten sei kein Ersatz für Aufarbeitung.

Kommission zur Aufarbeitung in Erfurt

Kurz nach der Vorstellung des Kölner Gutachtens ging das Bistum Erfurt in die Offensive und gab bekannt, dass es auf dem Gebiet des heutigen Bistums mehr Fälle sexualisierter Gewalt gegeben habe, als bislang angenommen. Seit einer 2018 vorgestellten Studie hätten sich weitere Betroffene gemeldet, sagte Bischof Ulrich Neymeyr. Die Zahl potenzieller Missbrauchsopfer sei damit von 30 auf 54 gestiegen. Auch die Zahl der Beschuldigten habe sich erhöht. Sie liege jetzt bei 41. Bisher habe das Bistum 106.000 Euro an Anerkennungsleistungen an die Opfer gezahlt, erklärte der Bischof. Die meisten Vorfälle hätten sich in der Zeit der DDR bis in die 1980er-Jahre zugetragen. Der jüngste Fall ist laut Neymeyr 2014 publik geworden.

Das Bistum kündigte an, eine Kommission einzusetzen, die Hinweisen auf Missbrauchsfälle nachgehen soll. Dem Gremium sollen zwei von der Thüringer Kinderschutzbeauftragten unabhängig benannte Vertreter aus Justiz und Wissenschaft angehören sowie zwei Mitarbeiter aus der Rechtsabteilung und dem Archiv des Bistums und ein Betroffenenvertreter.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 18. März 2021 um 11:00 Uhr.

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