Ein Mitarbeiter misst die Abstände im Saal vom Tivoli Theater.  | Katharina Tschurtschenthaler

Kultur in der Corona-Krise "Auch Kunst ist systemrelevant"

Stand: 13.08.2020 16:22 Uhr

Kulturschaffende spüren die Auswirkungen der Corona-Krise nicht nur finanziell - auch die Kunst selbst leidet. Katharina von Tschurtschenthaler hat im Hamburger Tivoli-Theater beobachtet, wie der Betrieb mit Hygieneregeln abläuft.

Von Katharina von Tschurtschenthaler, NDR

Bis die Zuschauer zu ihren Plätzen im Hamburger Tivoli-Theater an der Reeperbahn gelangen, müssen sie einen Hindernis-Parcours überwinden. Nach dem Stopp bei der Desinfektions-Station geht es im Zickzack durch drei verschiedene Eingänge in den Saal, an dem ein Mitarbeiter die Hygieneregeln erklärt.

Im Zuschauerraum sieht es Corona-bedingt sehr ausgedünnt aus: Statt 630 dürfen pro Vorstellung derzeit nur 250 Tickets verkauft werden, zwischen den Besucherinseln stehen Spuckschutz-Wände aus Plastik.

Veranstaltungen lohnen sich kaum

Theater-Chef Corny Littmann ist dennoch froh, dass er seinen Betrieb seit Anfang Juli wenigstens eingeschränkt führen kann - finanziell lohnen sich die Veranstaltungen kaum: "Rentieren wäre der falsche Ausdruck", so Littmann. "Aber wir erhalten Unterstützung von der Hamburger Kulturbehörde und deshalb halten wir den Kopf über Wasser." Sein Haus sei in der privilegierten Lage, dass 2019 das erfolgreichste Jahr in der Geschichte des Theaters gewesen sei, und deshalb Rücklagen gebildet werden konnten, sagt Littmann.

Das Tivoli war eines der ersten Theater deutschlandweit, das seine Pforten für Zuschauer öffnen durfte, nachdem das Hygienekonzept vom Hamburger Senat abgesegnet worden war.

Corny Littmann, Chef vom Tivoli | Katharina Tschurtschenthaler

Theater-Chef Corny Littmann zufolge lohnen sich momentan die Veranstaltungen im Tivoli-Theater in Hamburg kaum. Bild: Katharina Tschurtschenthaler

Hygienevorgaben erschweren künstlerische Arbeit

Zwar sind viele Theater nach wie vor in der Sommerpause, "doch es wird vielerorts geprobt, so dass es für die meisten Häuser im September wieder losgeht", sagt Marc Grandmontagne, geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins.

Allerdings seien die Hygieneerfordernisse eine große Herausforderung für das künstlerische Arbeiten. Jede Theatereinrichtung muss individuelle Hygieneregeln konzipieren und umsetzen, denn die baulichen Voraussetzungen sind unterschiedlich und die Vorgaben in den jeweiligen Bundesländern weichen voneinander ab.

Eine Milliarde für Kultur-Rettungsprogramm

Mit dem Rettungsprogramm "Neustart Kultur", insgesamt eine Milliarde Euro schwer, will die Bundesregierung verschiedene Bereiche von Kultur und Medien fördern. Etwa ein Viertel davon ist für Kultureinrichtungen vorgesehen, deren Betrieb nicht überwiegend von der öffentlichen Hand finanziert wird. Das Geld kann auch dafür eingesetzt werden, die Infrastruktur "Corona-Fit" zu machen, falls etwa die Lüftungsanlage umgebaut werden muss.

Dennoch sind viele Theatereinrichtungen in Schieflage geraten - denn große Bühnenshows mit vielen Darstellern auf der Bühne sind nach wie vor nicht erlaubt. In Hamburg liegen deshalb die erfolgreichen Musicals auf Eis.

Der Saal vom Tivoli Theater | Katharina Tschurtschenthaler

Theatervorstellung mit Abstand: Das Tivoli war eines der ersten Theater deutschlandweit, das für Zuschauer wieder öffnen durfte, nachdem das Hygienekonzept vom Hamburger Senat abgesegnet worden war. Bild: Katharina Tschurtschenthaler

Schwierige Lage für Alleinunterhalter

Konrad Stöckel, Showmaster und Schauspieler, moderiert in diesem Sommer die Show "Paradiso" im Tivoli - eine Nummern-Revue mit Solokünstlern. "Im Moment habe ich null Tourneeprogramm, ich hatte eine ausverkaufte Tour diesen Sommer. Alles ist abgesagt, und das Geld natürlich auch nicht gekommen."

Er habe das Glück, viele Engagements als Alleinunterhalter zu erhalten, und doch habe sich seit der Corona-Pandemie auch das Gefühl verändert, auf der Bühne zu stehen. "Die Unbeschwertheit ist weg. Normalerweise verwende ich den Satz 'Wir wollen Sie woanders hin entführen', nicht, aber gerade jetzt möchten wir die Menschen ein bisschen aus dem Alltag reißen."

So wie Franz-Joseph und Margret Lauer: Das Ehepaar aus Coesfeld besucht zum ersten Mal eine Vorstellung in diesem Jahr. Sie ergatterten die letzten freien Plätze für "Paradiso" - wegen des Coronavirus haben sie eine ganze Reihe im Parkett für sich. "Wir sind sehr froh, dass das kulturelle Leben wieder anläuft. Und wären bereit, auch mehr dafür zu bezahlen."

Abstandsregeln erschweren Arbeit von Orchestern

Doch es ist nicht nur der finanzielle Aspekt, der die Kulturszene belastet. "Darstellende Kunst ist soziale Kunst und von Nähe geprägt, ganz egal, ob es um Schauspiel, Musiktheater, Konzert oder Tanz geht. Insbesondere Orchester, Musiktheater und Tanz sind schwer getroffen, da die Abstandsregelungen weder ein volles Orchester noch große Chorszenen erlauben", so Grandmontagne vom Deutschen Bühnenverein.  

Von der Politik erwartet der Verein nun nicht nur ein klares Bekenntnis zu ihren Theatern und Orchestern, falls die Kassenlage angespannter wird. Als nächsten Schritt solle zudem den Mindestabstand auf einen Meter reduziert werden, um damit das "Schachbrett", also versetzt jeden zweiten Platz zu besetzen, zu ermöglichen. Dann könne die Auslastung auf 50 Prozent steigen.

Auch Theatermacher Corny Littmann hat einen deutlichen Wunsch: "Dass Kunst als das wahrgenommen wird, was Kunst ist, nämlich lebensnotwendig, systemrelevant. Das ist mir zu kurz gekommen in dieser ganzen Diskussion um Lufthansa und Kitas. Kunst gehört zum Leben und ohne Kunst ist das Leben sehr arm."